Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 3 of 48)

19.07.2025, Krähenwiese, Hamburger Stadtpark: „LäggerMugge und Bier“-DIY-Open-Air

Sommer, Sonne, Sand und Meer

Zwei Punkrocker waren da was am Planen dran: Anlässlich ihrer Geburtstage ein kleines unkommerzielles DIY-Open-Air auf der Krähenwiese im Hamburger Stadtpark mit pfandfreiem Dosenbier aus Dänemark. Für einen von ihnen sollte es ein Revival werden, der hatte so was früher schon öfter mal ausgeheckt. Sieben bis neun Bands waren im Gespräch, am Ende wurden’s fünf – und wir waren eine davon. Das klang nach Chaos, Anarchie und Spaß, also waren wir dabei. Gestellt wurden ein Schlagzeug, Boxen und ‘ne Gesangsanlage, Aufbau direkt auf der Wiese, dahinter ‘ne Kühlbox mit Getränken, alles generatorbetrieben. Leider musste während der Gigs die Stromzufuhr zur Kühlbox gekappt werden, aber irgendwas ist ja immer. Das Wetter spielte perfekt mit, inmitten zeitweise reichlich verregneter Tage hob sich dieser Samstag mit strahlendem Sonnenschein empor.

Unser Drummer hatte sich bereiterklärt, in Sachen Technik – Transport, Aufbau etc. – tatkräftig zu helfen und war demnach wenig zu beneiden, als er schon ab dem späten Vormittag damit beschäftigt war. Als ich nach dem Frühstück um kurz vor 15:00 Uhr dazustieß, stand die „Bühne“ und BUDDERFAHRT besorgten den Soundcheck. Mit den anderen Bands wurde die Reihenfolge ausgeknobelt, immer mehr buntes Volk trudelte ein und das fröhliche Betrinken in der Sonne nahm seinen Lauf.

Um 17:00 Uhr legten BUDDERFAHRT perfekt passend mit ‘nem das Zeug aus der Überschrift thematisierenden Liedchen los. Im weiteren Verlauf ging das Trio nicht immer ganz so fröhlich vor, nachdenkliche Midtempo-Song gaben sich mit punkig geschrammeltem, schnellerem Material und Feiersongs die Klinke in die Hand. Sänger/Gitarrist Meik führte mit launigen Ansagen durchs Set und bewahrte sich eines der Highlights, ein seinem verstorbenen Vater gewidmetes Lied, bis zum Schluss auf. Sehr sympathischer Opener, den ich hier – wie alle andere Bands – zum ersten Mal live sah.

Dann war es an uns (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS), unsere 16 etwas aggressiven Nummern durchzuprügeln. Meine Bandkollegen hatten mich genötigt, eine nicht 100%ig geschmackssichere Kette, die ich zum Geburtstag von ihnen erhalten hatte, umzuhängen, was ich zumindest ein paar Songs lang tat. Um mich gut selbst zu hören, latschte ich vor die Gesangsboxen und freundete mich schnell mit der dortigen Bewegungsfreiheit an, die man von kleinen Clubbühnen natürlich nicht gewohnt ist. Mein Radius wurde lediglich durchs Mikrokabel eingeschränkt, mit dem ich versehentlich – Obacht, Kabelsalat! – mehrmals Gitarrist Kais Tretmine rauszog. Wir brachten ein paar Leute zum Tanzen, versemmelten den Schluss vom angesichts der Jahreszeit vielleicht nicht ganz passend erscheinenden „Blutiger Schnee“ so’n bischn und legten die eine oder andere kurze Trinkpause ein. Als wir fertig waren, sah mein ehemals weißes T-Shirt (sicherlich nicht die beste Idee gewesen…) aufgrund der ständigen Berührungen mit dem durch Rasen und Matsch gezogenen Mikrokabel aus, als hätte ich mich in einer Pfütze gesuhlt. Hat Spaß gemacht – dabei fing der Spaß jetzt erst so richtig an!

Die Schuldigkeit war nämlich getan, nun galt es nur noch zu trinken und zu feiern. BRIGADE HELBING, junge Hamburger Oi!-Band, bestehend aus alten Hasen, lieferte mit ihrem rustikalen Sound den perfekten Soundtrack dazu. Der ehemalige TESTOSTERON-Sänger Markus, HARBOUR-REBELS-Gitarrist Dennis und die Rhythmusfraktion aus L.A.K.- und SMEGMA-Leuten mischten eigenes Material mit Coverversionen von u.a. SMEGMA und coverten „Mehr als Fußball“, jenen FCSP-Song der Band des Drummers, im Duett mit Jule von HARBOUR REBELS. Letzteres taten sie als lautstark geforderte Zugabe dann gleich noch mal. Spitzen-Party-Gig, nach dem ich folgerichtig gut angeheitert war.

Es folgten KYLMÄ KRYPTA, was Finnisch ist und so viel wie „Kalte Gruft“ bedeutet – eine Band, die ich über ihren Gitarristen Flo kennengelernt hatte, der mir wiederum immer beim AFC auf der Kampfbahn über den Weg läuft. Das ist selbst für einen Post-Punk-Muffel wie mich erfrischend angegrufteter, dabei glücklicherweise sehr punkiger Stoff, der mit seiner finnischen Sängerin und ihren in Muttersprache verfassten Texten ein echtes Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen hat. Ebenfalls (noch immer) nicht alltäglich: eine Drummerin. Habe mir die schick aufgemachte Tape-EP gleich mal eingesackt.

Mit HORDAKS HORDE machte eine schon recht lange existierende HH-Punk-Band den Rausschmeißer. An den Gig kann ich mich nicht erinnern, weil ich viel zu betrunken war, Fotos zu machen habe ich auch vergessen, aber ich werde die Etherianer mit ihrer hervorragenden ‘80er-Kult-Actionfiguren-Kenntnis bestimmt gebührend gefeiert haben. Anschließend war mir anscheinend mehr danach, mal ein Nickerchen unter freiem Himmel zu machen, wurde aber aufopferungsvoll von meinem Kumpel Christian und meiner wesentlich besseren Hälfte durch den ÖPNV nach Hause geleitet. Danke dafür, danke an die beiden Geburtstagskinder, auf deren Party ich bis ins Delirium mit- und meinen eigenen Geburtstag quasi eingezeckterweise nachfeiern durfte, danke an alle Helferinnen und Helfer und die zumeist sympathischen, entspannten Gäste von Hund über ganz jung über angeblich erwachsen bis in Ehre ergraut! Und nicht zuletzt an alle, die Schnappschüsse unseres Gigs gemacht und uns zukommen lassen haben.

15.07.2025, Bürgerweide, Bremen: IRON MAIDEN (+ AVATAR)

Photo by Charly Alex

IRON MAIDEN sind seit jeher eine meiner Lieblingsbands, aber ihre Konzerte meist teuer und überfüllt. Daher nehme ich bei Weitem nicht jede Tour mit, sondern gehe nur alle Jubeljahre mal hin. Oh, die kommen zum 50. Bandjubiläum nach Bremen, und dann auch noch an meinem Geburtstag? Shut up and take my money! Mein letzter MAIDEN-Gig lag Jahre zurück; dies war die passende Gelegenheit, den Gönni zu machen und mir was zu gönnen. Die Monate strichen ins Land, Urlaub wurde eingereicht und in meinem Bandkollegen Christian ein Abnehmer für meine vorsorglich gleich mitgekaufte zweite Karte gefunden, denn der hatte die NWOBHM-Veteranen doch tatsächlich noch nie livegesehen. Nach ‘nem halben Tag Arbeit brach ich früh genug gen Bremen auf, um in Ruhe in meinem günstigen, aber ein paar Kilometer entfernten Zimmer einzuchecken (und mich mit dem Bremer ÖPNV vertraut zu machen). Ich hatte beschlossen, über Nacht zu bleiben und den nächsten Tag in Bremen zu verbringen. Christian kam etwas später nach und wir trafen uns am Bahnhof wieder, um noch etwas zu essen und das erste Kioskbierchen zu zischen.

Auf Teile des Drumherums freute ich mich, zum Beispiel den Anblick des sich fest in Hand von MAIDEN-Fans befindenden Bahnhofsviertels und die meist angenehme Atmosphäre innerhalb dieser Klientel zwischen Feierlaune und Vorfreude. Angenehm auch, dass das Gelände dieses Open-Air-Konzert direkt am Bahnhof liegt, man also keine langen Wege hat. Auf anderes freute ich mich hingegen überhaupt nicht, hatte mich aber damit abgefunden und mich darauf eingestellt: Ein mediokrer Veranstaltungsort, der nun mal nichts anderes als ein gepflasterter Platz ist, auf den man eine Bühne gestellt hat; völlig entfesselter Kommerzwahn bei Verpflegung (0,5 Liter Bier 7,- EUR + 3,- EUR Becherpfand – fuck you!) und, wie bei MAIDEN leider üblich, eine weder qualitativ noch musikalisch passende Vorband, die es zu überstehen galt. Daher hatten wir’s auch nicht allzu eilig, das Gelände zu betreten, sondern tranken uns mit Kioskgetränken auf dem Vorplatz warm, wo wir zwei ausländische Musiker beobachten konnten, die Klassiker wie „Angel of Death“ und „Highway to Hell“ über ‘ne kleine portable Anlage zockten.

Irgendwann ging’s dann aber doch rauf aufs Gelände, wo wir zwei von angeblich 35.000 Fans waren. In diesem Getümmel bekannte Gesichter zu finden, war reine Glückssache, funktionierte in zumindest einem Fall aber doch (Hallo Sascha!). Ok, also erst mal AVATAR, „Alternative Metal“ oder so aus Schweden. Boah, nee. Belanglose Musik und ein als Mischung aus Marilyn Manson und Alice Cooper verkleideter Sänger, der das Publikum zu animieren und – warum auch immer – zwischen den Songs mit Kopfstimme zu kreischen versuchte, obwohl er’s gar nicht konnte. Und obwohl der Wetterbericht einen trockenen Abend in Aussicht gestellt hatte, kamen dem Wettergott angesichts dieser Performance die Tränen. Zum Glück waren die Bierstände überdacht.

Kaum waren AVATAR mit ihrem Set durch, klarte der Himmel für England’s Finest wieder auf. Diese hatten sich für die Tour ein Best-Of-Set zurechtgelegt, das ausschließlich zwischen 1980 und 1992 veröffentlichtes Material enthielt – Songs aus der erweiterten klassischen Phase also. Deep Cuts brauchte man nicht zu erwarten, allerdings auch keine Durststrecken. Kurzum: Mit einem solchen Set kann man nicht viel falsch machen. Wir positionierten uns ungefähr am Ende des ersten Drittels schräg zur Bühne, von wo aus Bierstand und Klos in akzeptabler Reichweite waren, man aber trotzdem ‘nen passablen Blick auf die Bühne hatte. Und ziemlich pünktlich gegen zehn vor neun erklang dann auch wie üblich UFOs „Doctor Doctor“ aus der Konserve, ein wichtiger Bestandteil des MAIDEN-Live-Ritus. Und eine Band dieser Größenordnung kann sich gleich zwei Intros leisten, also noch „The Ides of March“ hinterher, bereits versehen mit einer wirklich geil gemachten Computeranimation, die durch die Stationen früher Artworks und Texte führte – und mit Erscheinen der Band auf der Bühne in den ersten Livesong „Murders in the Rue Morgue“ überging. Der Sound war zunächst nicht das Gelbe vom Ei, noch recht matschig und Bruce viel zu leise. Finde ich immer schade, so was, ist aber leider alles andere als unüblich. Es folgten gleich drei weitere Songs aus der frühen Phase mit dem leider kürzlich verstorbenen Ex-Sänger Paul Di’Anno und der/die Mischer(in) bekam den Sound in den Griff, nur Bruce blieb enttäuschend leise. Auch dies änderte sich aber bald – möglicherweise noch während „Phantom of the Opera“, wenngleich ich ihn gern noch lauter gehört hätte, zumal er sowohl körperlich als auch stimmlich topfit wirkte und es die reinste Freude war, ihm zuzusehen und zuzuhören.

Sicher, das Zusehen gelingt ab einem gewissen Abstand zur Bühne nicht ohne Weiteres, erfreulicherweise verstand die für die Videoscreens links und rechts der Bühne zuständige Regie ihr Handwerk aber formidabel: Solierende Gitarristen wurden ebenso stets eingefangen wie Bruce‘ Posen und seine verschiedenen Kostüme. Zu jedem Song wurde der Bühnenhintergrund in passende digitale, zum Teil animierte Backdrops gehüllt, echte Pyros kamen wohldosiert zum Einsatz. Auf „The Number of the Beast“ folgte „The Clairvoyant“, auf „Powerslave” „2 Minutes to Midnight”. Mit „Rime of the Ancient Mariner” spielte man den wohl beeindruckendsten Longtrack der klassischen Phase, vollständig inklusive der beunruhigenden Geräusch-Samples aus der Konserve. „Run to the Hills“ ist aufgrund der Tonlage echt schwierig mitzusingen, was mich natürlich nicht davon abhielt, ganz gleich, wie krumm und schief es klang – was raus muss, muss raus! Überraschend gab’s mit „Seventh Son of a Seventh Son“ einen zweiten Longtrack, der, wenngleich von einem meiner Lieblingsalben stammend, live aufgrund seiner Keyboard-lastigen Parts etwas verlor – schlicht deshalb, weil kein Keyboarder auf der Bühne zu sehen war. So hätte ich mir stattdessen lieber drei andere Songs des Albums gewünscht, z.B. „Can I Play With Madness“, „The Evil That Men Do“ oder „Infinite Dreams“.

Sei’s drum, mit dem nach wie vor hochgradig beeindruckenden „Hallowed Be Thy Name”, „The Trooper“ (etwas irritierend: Bruce u.a. mit Deutschlandfahne wedelnd) und dem das reguläre Set beschließenden „Iron Maiden“ reihte sich Hit an Hit, bevor „Churchill’s Speech“ den Zugabenteil mit – natürlich – „Aces High“, „Fear of the Dark“ (Bruce als Nachtwächter) und dem großartigen AOR-Singalong-im-Sci-Fi-Metal-Gewand-Kracher „Wasted Years“ einleitete. Dann war Feierabend. Maskottchen Eddie war nicht nur im Artwork allgegenwärtig, sondern auch in unterschiedlichen Inkarnationen überlebensgroß über die Bühne gestampft und hatte Saures bekommen, was nach wie vor seinen herrlich trashigen Charme hat. Auf „The Loneliness of the Long Distance Runner” wird man aber wohl zeitlebens verzichten müssen und angesichts der vielen derzeit tobenden Kriege hätte ich „Afraid to Shoot Strangers“ als angebracht empfunden. Als einziges Album der genannten Phase wurde „No Prayer for the Dying“ komplett ausgespart, und dass „Revelations“ nicht gespielt wurde, war vielleicht ganz gut, denn dann hätte ich wohl weinen müssen. Das sind angesichts dieses bockstarken Sets aber Luxusprobleme. Nicht nur Bruce wirkte topfit, die ganze sechsköpfige Band mit ihren drei Gitarren war’s und Simon Dawson, der nach über 40 Jahren Nicko McBrain am Schlagzeug beerbte, gab sich ebenfalls keine Blöße. Einziger Wermutstropfen: Sein reduzierteres Schlagzeug sieht bei Weitem nicht so beeindruckend aus wie Nickos. Als mitten im Set die Dämmerung einsetzte, war auch die Atmosphäre perfekt, das Wetter blieb zudem trocken und der Großteil des Publikums hielt sich an die Bitte der Band, nicht ständig die Smartphones in die Höhe zu reißen und permanent zu filmen oder zu fotografieren. Das tat auch ich, weshalb ich nur wenige Schnappschüsse angefertigt und mich darüber hinaus im Netz bedient habe. Die Credits habe ich jeweils genannt; wer mit der Verwendung hier nicht einverstanden ist, braucht mich nur kurz anzuschreiben, dann entferne ich sie wieder.

Nach einem Absacker am Kiosk verabschiedete ich Christian, der das Glück hatte, dass seine eigentlich verpasste letzte Bahn kräftig verspätet war, und begab mich zu meiner Unterkunft. Den nächsten Tag stromerte ich noch durch Platten- und Comicladen, war dann aber auch einigermaßen matt und froh, am frühen Nachmittag nach Hause fahren zu können.

Damals wie heute: UP THE IRONS!

04.07.2025, Goldener Salon, Hamburg: MAID OF ACE + BOLANOW BRAWL

Unser dritter Gig in neuer Besetzung fand im schönen Goldenen Salon des Hafenklangs statt, der gegenüber dem „eigentlichen“ Hafenklang den Vorteil einer breiten Fensterfront mit Aussicht auf die Elbe sowie eines Tresens, an den gelehnt man weiterhin das Treiben auf der Bühne verfolgen kann, hat. Und auf der Fläche vor der Bühne befinden sich keine Stützsäulen, die den Blick erschweren könnten. Dafür muss man auf einen Backstage-Raum verzichten. Es handelte sich um ein Frühkonzert, das bereits um 20:00 Uhr beginnen sollte, weil die Räume im Anschluss für eine andere Veranstaltung benötigt wurden. Als wir um 17:00 Uhr ankamen, waren MAID OF ACE, die die Backline stellten, gerade mit dem Bühnenaufbau beschäftigt. Kurz darauf gab’s lecker Schmackofatz; zum ohnehin bereitstehenden kalten Buffett servierte mit Thommy einer meiner Hamburger Lieblings-Bandköche ein köstliches Kartoffel-Blumenkohl-Curry auf liebevoll angerichtetem gelben Reis. MAID OF ACE sind vier Schwestern (!), die offenbar alles selbst machen, jedenfalls fuhren sie selbst und hatten keinen Roadie oder Mercher dabei. Die Bassistin fehlte aufgrund eines dringenden anderen Termin leider, dafür war eine Freundin aus L.A. kurzerhand eingeflogen gekommen, die sich ihre Bassparts innerhalb knappster Zeit draufgeschafft hatte. Wow, ok! Es wurde soundgecheckt und als alles standesgemäß klang, waren wir an der Reihe. Allzu viel Zeit blieb allerdings nicht mehr, denn der Einlass war eigentlich für 19:00 Uhr geplant und das Volk begehrte denselben. Ein, zwei falsch ins fremde Equipment eingesteckte Kabel beschleunigten den Ablauf nicht unbedingt, aber irgendwas ist ja immer. Umso schöner, dass der Soundmann cool blieb und neben der P.A. den Bühnen- und Monitorsound bestmöglich mit uns aufeinander abstimmte.

Dieser Freitag lag inmitten zahlreicher relevanter Punkkonzerte, die an den Tagen zuvor stattfanden oder kurz darauf stattfinden sollten. Dennoch bot sich uns eine beachtliche Kulisse, als wir um kurz nach acht anfingen. Der interessiert dreinschauende Haufen gab sich zwar zunächst Hamburg-typisch etwas reserviert, aber mit ein paar dummen Sprüchen lockerten wir die Stimmung auf und brachten hier und da schließlich etwas Bewegung in die Bude. Es war der Tag der Veröffentlichung unserer ersten Digital-Vorab-Single („Cliché“) aus dem am 22. August bei Smith & Miller herauskommenden Album. Jenen Song spielten wir zusammen mit elf weiteren Nummern, wobei wir beim letzten Song trotz der einen oder anderen kurzen Stimmpause seltsamerweise irgendwie out of tune klangen. Die durch die eingangs erwähnte Fensterfront scheinende Sommersonne sorgte für eine für Indoor-Konzerte ungewöhnliche Tageslichtatmosphäre, gegen die die Nebelmaschine zumindest auf der Bühne ab und zu anarbeitete. Hat Spaß gemacht, gröbere Pannen waren ausgeblieben und die Anwesenden dürften passabel für den Hauptact aufgewärmt worden sein.

MAID OF ACE haben seit ihrer Gründung Mitte der 2000er eine für ‘ne D.I.Y.-Punkband ohne Plattenlabel beachtliche Größe erreicht. Drei Alben hat man herausgebracht und ist letztes Jahr mit GREEN DAY getourt. Derzeit sind sie auf Festland-Tour, was die fleißigen Ladies schon öfter waren, aber seltsamerweise hatte ich bisher keines ihrer Konzerte besucht und mich auch erst, als sich dieser Gig anbahnte, musikalisch mit ihnen beschäftigt. Asche auf mein Haupt, denn das ist wirklich geiler Scheiß: Klangen anfänglich noch herrlich dreckige Grunge-Einflüsse in ihrem rotzig-frechen UK-Punk durch, nahmen später die Streetpunk-Einflüsse zu. In jedem Falle aber geht’s immer kräftig in die Offensive, und als so umgänglich und freundlich sich die Mädels auch erwiesen, auf der Bühne wurden sie zu den reinsten Krawallschachteln, die aggressiv riffen, ballern und kehlig Gift verspritzen. Die Songs kommen dabei meist schnell auf den Punkt und bleiben dank mehrstimmiger Chants und Shouts sowie eingängiger Refrains haften. Der Sound im mittlerweile rappelvollen und entsprechend drängeligen Goldenen Salon war geil, das Publikum feierwütig und der Gig bis auf ein Manko ganz nach meinem Geschmack: Er hätte gern noch ‘ne Viertelstunde länger sein dürfen.

Unser Basser Urko hatte am nächsten Morgen eine wichtige Prüfung und verabschiedete sich daher frühzeitig, wir anderen halfen den Maids noch beim Equipmentschleppen und zumindest zu dritt plus Freunden führten wir sie noch zum Onkel Otto, wo sie bewiesen, auch am Glas ziemlich gut zu sein. Bei lauschigen Sommertemperaturen konnte man prima draußen sitzen und sich die Bettschwere antrinken. Und während wir den Rest des Wochenende freihatten, mussten MAID OF ACE am Nachmittag schon wieder auf die Bühne des Ruhrpott-Rodeos…

War ‘ne gelungene Sause! Danke an MAID OF ACE, ans Hafenklang-Team, die Besucherinnen und Besucher und nicht zuletzt Sandy für die Schnappschüsse unseres Gigs!

20.06.2025, Monkeys Music Club, Hamburg: KNOCK OFF + RAZORS

Zugegeben, der Allerjüngste bin ich nicht mehr, und es häufen sich die Wochenenden, an denen ich mich bewusst anderen Aktivitäten als Konzertbesuchen widme – erst recht nach den allwöchentlichen beiden Krachproben mit meinen eigenen Kapellen. Doch nicht so an diesem Wochenende. Seit ich Wind von diesem Gig bekommen hatte, war meine Vorfreude von Tag zu Tag gestiegen. Das lag zum einen daran, dass ich KNOCK OFF noch nie live gesehen hatte, obwohl ich mir seinerzeit das „You Get One Life“-Vinylalbum zugelegt hatte und sie meines Wissens immer mal wieder in Hamburg vorstellig geworden waren. Der nächste Grund war, dass ich die RAZORS lange nicht mehr gesehen hatte – vermutlich, weil ich deren alljährliche Knust-Gigs „zwischen den Jahren“ regelmäßig schwänze. Zuvorderst ausschlaggebend aber war, dass mir mal wieder der Sinn nach klassischem Punkrock zwischen ’77 und ’82 stand, und zwar unprätentiös im Club.

In eben jenem dachte ich mir von so’nem großen Blonden, hey, den kennste doch…? Tatsächlich: Der Gitarrist von HEROES 2 NONE, mit denen wir kürzlich in Flensburg die Bühne geteilt hatten, war zusammen mit Freunden eigens für dieses Konzert aus Dänemark angereist. Kiek an! Hamburgs Punk-Ursuppe, die RAZORS, betraten um 21:30 Uhr die Bühne, aufgrund eines zickenden Monitors (der Klassiker!) verzögerte sich der Beginn noch um ein paar wenige Minuten. Mit Danker als Sänger und Sven an den Drums sind noch zwei Originalmitglieder des Quartetts dabei, das mit „Don’t Go“ in sein umfassendes, Klassiker des deutschen, aber englischsprachigen ’77-Punkrocks ebenso wie mal etwas streetpunkigeres, mal etwas ruppigeres Post-Reunion-Material abdeckendes Set einstieg. Vor „Come Closer“ gab Danker die Geschichte zum Besten, wie der Song entstanden sei – nämlich wegen der HEARTACHES im Vorprogramm von THE BONES im Jahre 2002 im SO36. Während „Christ Child“ verließ er die Bühne und mischte sich unters Publikum, das überwiegend auch nicht mehr zum jüngsten zählte, aber auch ohne Blutpogo sichtlich seinen Spaß hatte – nicht zuletzt an der humorigen Kommunikation mit der Band. Man kennt sich eben. Danker ist mit Mitte 60 fit wie ein Turnschuh und bestens bei Stimme, generell machte die Band einen supereingespielten und nach wie vor leidenschaftlichen Eindruck. Drums und Bass sorgten für ordentlich Wumms und Stoffel an der Klampfe, der vor ein paar Jahren von Witte übernahm, macht seine Sache offenbar mit viel Verve und Hingabe. Die Backing-Chöre saßen wie ‘ne Eins und der Sound war super – da gibbet echt mal gar nix zu meckern. An Coverversionen gab’s wie üblich das hübsch verpunkte „Heroes“ (DAVID BOWIE) und das in „You’ll Never Walk Alone“ übergehende „Because You’re Young“ (COCK SPARRER). Richtig geiler Gig, der mich euphorisiert hat und zu dem das Bier noch mal besser schmeckte.

Das britische Trio KNOCK OFF war seit Veröffentlichung seines Debütalbums 2014 ziemlich fleißig und bringt es mittlerweile auf sechs Langrillen sowie diverse EPs. War der Sound anfänglich noch UK82-beeinflusst, wurde er bald darauf immer streetpunkiger. Die, grob geschätzt, eine gute Stunde abdeckende Setlist bot ein schöne Mischung quer durch die Diskographie. Das bedeutet: Klassischer britischer Sound mit einfachen, dafür sofort zündenden Melodien, vielen Mitsingrefrains und ganz viel Attitüde inklusive dickem Mittelfinger gegen Politik und sonstige Autoritäten, die einem das Leben erschweren. „We Are Proud“ widmete man dem leider verstorbenen THE-BUSINESS-Sänger Micky Fitz mit Verweis auf deren „Real Enemy“-Message. Dass der Bassist ganz neu dabei war, merkte man ihm nicht an. Souverän und spielfreudig reihten sie die eingängigen Songs mitsamt kurzer, prägnanter Ansagen aneinander und spielten auch ihre Zugaben, ohne vorher die Bühne zu verlassen und sich zurückbitten zu lassen. Für meinen Geschmack könnte die Band ein paar Tempowechsel und die eine oder andere Uptempo-Nummer vertragen, aber auch im Midtempo brachten sie nicht nur mich zum Tanzen und hielten die gute Stimmung unter den vermutlich knapp hundert Gästen mehr als nur aufrecht. Sie hätten mehr Publikum verdient gehabt und ich wünsche mir, dass die Jugend diesen schnörkellosen, guten alten Sound irgendwann für sich entdeckt.

Aufgrund des stark blendenden Lichts war’s nicht leicht, halbwegs ansprechende Schnappschüsse zu fabrizieren, was man dem einen oder anderen Foto ansehen dürfte. War aber ein gelungener Abend, der musikalisch so verlief, wie ich ihn erwartet und mal wieder gebraucht hatte. Danke dafür!

13.06.2025, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2025

Wieder einmal feierte der Altonaer Bauwagenplatz in der Gaußstraße sein alljährliches Gratis-Open-Air-Festival, diesmal wieder bei Spitzenwetter. Der Bierpreis blieb stabil bei 1,- EUR (!), Essen gab’s auch, vor allem aber Livemusik und ein zahlreich erschienenes buntes Publikum von jung bis alt. Wie üblich ging die Sause zwei Tage lang, ich war am ersten da – einem Freitag, den 13. Ob das gutgehen konnte…? Ja, doch:

Die erste Band, HOBBY AUF’M DORF, habe ich verpasst, zu FREVEL aus Schleswig-Holstein war ich aber pünktlich am Start. Die haben einen neuen Basser namens Paul und zocken nach wie vor kompromisslosen deutsch- und englischsprachigen HC-Punk mit kräftiger Thrash-Kante. Der aggressive Sound mit Shouter Tims kehligem Gebrüll passt perfekt in die heutige Zeit, die Tim in klugen Ansagen kommentierte. Entsprechend fiel diesmal auch die Songauswahl aus, die auf spaßigere Lieder weitestgehend verzichtete. Für musikalische Abwechslung sorgte die eingestreute Funk-Punk-Nummer „Bombe“ (o.ä.). Vor der Bühne war ordentlich was los, immer mal wieder verließ Tim die Bühne und machte einfach mit. Der Sound klang anfangs hier und da noch etwas übersteuert, wurde mit der Zeit aber immer besser. Als lauthals geforderte Zugabe spielte man „Die Maschine“ ein zweites Mal, vermutlich hat sich der neue Mann am Viersaiter noch nicht das gesamte Repertoire draufgeschafft. Der ehemalige Bassist fand sich übrigens feiernd im Publikum wieder und werde, so hieß es, wohl eine neue Band gründen.

MALAKOV aus Braunschweig und Gelsenkirchen kamen nach einer rekordverdächtig langen Umbaupause auf die Bretter – und hatten prompt Probleme mit ‘nem Gitarrenkabel. Irgendwann ging’s aber los, und es kam mir von Anfang an bekannt vor. Spätestens beim Song mit der repetitiven „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“-Aufforderung war mir klar, dass mir die schon mal irgendwo live untergekommen sein mussten. Mittlerweile weiß ich: Klar, genau hier, auf dem Gaußfest vor drei Jahren. Das Quintett ist zum Quartett geschrumpft, keine Ahnung ob dauerhaft oder nur temporär. Das bedeutet, dass der deutschsprachige Punkrock mit nur noch einer Gitarre gezockt wird. Mir kommt’s im Nachhinein – nach Vergleich mit meinen damaligen Eindrücken – zudem so vor, als habe die Band diesmal verstärkt melancholisches, mitunter gar balladeskes Material gespielt, das mir nicht so gut reinlief. Die Knüppelsongs hingegen waren geil und passten auch besser zum Organ des Sängers. Wie bei Frevel wurde ausgelassen getanzt, gefeiert und mit Bier gespritzt. Nach gleich mehreren Zugaben gab’s Pausenunterhaltung in Form einer Show-Einlage mit brennenden Fackeln vor der Bühne von lateinamerikanisch anmutenden Gauklern.

Als mit HUMAN BEHAVIOR die letzte Band des Abends loslegte, war es dunkel geworden, was der Atmosphäre zuträglich war. Als die ersten Riffs erklangen, erinnerte mich der Sound an S.O.D. und Konsorten, was mich vor die Bühne lockte. Dort war ich erstaunt, lediglich ein Duo vorzufinden, das Krach für ‘ne ganze Band machte: Die beiden Typen aus Berlin und Wien zockten tiefergestimmten (und dadurch basslastig anmutenden) HC-Punk mit deutschen und englischen Texten humorlos und zunächst ohne jegliche Ansagen herunter, zwischen den eher kurzen Songs gab’s dafür nicht zu knapp Feedback-Gequietsche auf die Ohren. Der Drummer trommelte pornös, der Gitarrist brüllte zwischen heiser und brachial die Texte. Gegen Ende fand dann doch ein bisschen Kommunikation mit dem von der Darbietung sehr angetanem Publikum statt und auch hier gab’s Zugaben. Respekt für diese Zwei-Mann-Leistung, die live bei perfektem Sound sehr geil kam.

Danke, Gaußplatz – hoffe, der zweite Tag war genauso gelungen!

06.06.2025, Kulturpalast, Hamburg: DARK ANGEL + KRYPTOS

DARK ANGEL, ‘80er-Jahre-US-Thrash-Größe aus der zweiten Reihe hinter den ganz Großen, sind wieder am Start, wenn auch leider ohne den mittlerweile verstorbenen Original-Gitarristen Jim Durkin, und unternahmen kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Albums einen Abstecher in den Kronensaal des Billstedter Kulturpalasts (nachdem sie zuvor fürs wesentlich kleinere Bambi galore im selben Gebäude angekündigt worden waren), u.a. um ihr brutalstes Werk, den Klassiker „Darkness Descends“ aus dem Jahre 1986, in voller Länge zu kredenzen. Für Durkin ist nun Drummer Gene Hoglands Ehefrau Laura Christine an einer der beiden Gitarren dabei, und als Sänger fungiert nach wie vor Ron Rinehart, der seit der 1987er Langrille „Leave Scars“ diese Position innehat. Mit über 30 Öcken Eintritt kein Pappenstiel, aber das war’s mir dann doch wert.

Den Einheizer machten die indischen Heavy-/Thrash-Metaller KRYPTOS, die nun auch schon seit 1998 mitmischen und seither sieben Alben auf dem Buckel haben. Diese konnten mich auf volle Albumdistanz zwar nie 100%ig überzeugen, dennoch hat sich im Laufe der Zeit einiges Songmaterial angesammelt, das ich verdammt gerne höre. Als das Quartett pünktlich um 20:00 Uhr anfing, war der Saal noch nicht sonderlich üppig gefüllt, was sich im Laufe des Sets aber ändern sollte. Der Sound war von Beginn an gut und der häufig sich eher im Midtempo-Bereich bewegende Heavy/Thrash-Stil sorgte in Kombination mit der bunten Lightshow und reichlich Nebel für Atmosphäre. Am besten gefällt mir die Band aber, wenn sie ihr Tempo variiert und deutlicher Richtung flottem Thrash tendiert. Sänger/Gitarrist Nolan hat ‘ne geil giftige Stimme und nahm sich zwischendurch die Zeit, seine Band vorzustellen, die das Publikum mit jedem Song mehr auf ihre Seite zog. Die Konsequenz waren „KRYPTOS, KRYPTOS!“-Rufe aus dem Publikum nach einer halben Stunde. Mit „Cold Blood“ und „Afterburner“ entdeckte ich dann auch zwei meiner Lieblingssongs im Set, wobei letzterer mit Mitsinginstruktionen einherging – das „Watch out!“ sollte doch bitte kräftig mitgebrüllt werden, was auch gut funktionierte. Mein persönlicher Höhepunkt dieses Gigs, der nach 50 Minuten endete und für den die Band gut abgefeiert wurde – sie hatte sich ihr Publikum redlich erspielt. Etwas gewöhnungsbedürftig war lediglich der Anblick des Schlagzeugs, das am rechten Bühnenrand aufgebaut werden musste, da es nicht vors schon in vollem Umfang bereitstehende, ausladende DARK-ANGEL-Kit passte.

Nach relativ kurzer Umbaupause stiegen DARK ANGEL für mich überraschend mit „Time Does Not Heal“ ein, dem (geilen) Titelstück des bis dato letzten, melodischeren Albums aus dem Jahre 1991. Leider übertönten die Drums alle anderen Instrumente und auch den Gesang. Es folgten Nummern des „Time Does Not Heal“-Vorgängers „Leave Scars“ und auch ein, zwei Stücke des bevorstehenden Albums, wobei der Sound immer besser wurde – recht bald passte alles, wenngleich man den Gesang für meinen Geschmack gern generell etwas dominanter in den Vordergrund hätte mischen dürfen. KRYPTOS-Mitglieder mischten sich ins Publikum, die Bude war längst gut voll und alle warteten auf die „Darkness Descends“-Vollbedienung. Wie würde diese mit Rinehart am Mikro klingen, der auf jenem Album ja noch gar nicht zu hören war? Nun, Rinehart war superagil, eine Rampensau vor dem Herrn, trug ‘nen schnieken Irokesenschnitt, ließ sich sein Alter nicht anmerken (ganz im Gegenteil) – und war stimmlich variabel und fit genug, um die Songs in seiner Mischung aus echtem Gesang, Shouting und ein bisschen Growling sowie gelegentlichen Kopfstimmenausflügen auf seine eigene Weise respektvoll zu interpretieren und überzeugend rüberzubringen. Der gesamten Band gelang es, mit diesem dem verstorbenen Durkin gewidmeten Set authentische Spielfreude und Energie wie ein ganzes Kraftwerk aufs Publikum zu übertragen, das mittlerweile freidrehte und seinem Bewegungsdrang freien Lauf ließ. Welch brachiales Gebretter in Höchstgeschwindigkeit, welch herrliches Geholze, das einem die Rübe abschraubte! Das ausgepowerte Publikum schrie gar nicht erst nach einer Zugabe, es hatte alles bekommen, was es brauchte. Da bin ich doch direkt mal aufs neue Album gespannt.

17.05.2025, Lobusch, Hamburg: BOCKWURSCHTBUDE + BOMBE

Ein gutes Jahr nach ihrem letzten Lobusch-Besuch kehrte die BOCKWURSCHTBUDE aus Frankfurt/Oder zurück, deren aktuelles Album „Sippenhaft“ noch immer die Wurscht vom Teller zieht. Den Anfang aber machten BOMBE aus Hamburg, die übrigens vor Kurzem ihr Material auch aufgenommen haben. Den zweiten Song musste das Quartett direkt abbrechen weil wegen irgendwas mit Kabel, ab da lief aber anscheinend alles glatt. Eines der Alleinstellungsmerkmale der Band ist die von der Sängerin gespielte Geige, die bei einigen Songs zum Einsatz kommt, ein anderes der Instrumententausch, sodass die einzige Konstante der Gitarrist ist. Nicht alltäglich ist auch die respektabel verrauchte, kratzige Stimme der Sängerin. Diejenigen der überwiegend deutschsprachigen Songs, die in recht getragenem Tempo gespielt werden, sind nicht so ganz meine musikalische Heimat, wenngleich man ihnen eine angemessen düstere Atmosphäre nicht absprechen kann. Gegen Ende übernahm die Bassistin/Drummerin den Gesang dreier Songs, die dann ganz anders klangen, nämlich nach flottem ’77-Punk, englischsprachig zudem. Das hob meine Stimmung, die beim anwesenden Volk aber generell sehr gut war, sodass lautstark Zugaben gefordert wurden. Die gab’s dann auch: Die geigende Sängerin sang „Du mieses Stück“, gefolgt von ‘ner amtlichen Pogonummer und mit „Solidarity“ (kein Upstarts-Cover) einem allerletzten Stück, für das sie dem Gitarristen dann doch noch die Klampfe wegnahm, damit dieser sich auf den Gesang konzentrieren konnte. Hat sich zu ‘nem geilen Gig entwickelt, der mir gegen Ende hin immer besser reinlief.

BOCKWURSCHTBUDE, ja seit einiger Zeit mit CHAOS-Z/FLIEHENDE-STÜRME-Andreas am Bass verstärkt, zockten ein klasse Best-of-Set vor ansehnlicher Kulisse, das sich von dem ihres letzten Besuchs ein wenig unterschied. Der Hamburger-Schule-Diss fehlte aber genauso wenig wie mein alter Favorit „5 Minuten“, lockerere Nummern gaben sich mit dem ernsteren Material der aktuellen Langrille die Klinke in die Hand und am Schluss sang Andreas den ersehnten CHAOS-Z-Klassiker „Duell der Letzten“. Vor der Bühne war man in Bewegung und auch ich kam mal wieder aus mir raus, sprang, tanzte und sang mit, so weit es mir möglich war. Die direkt ins Ohr gehenden Songs und ihr pogokompatibles Tempo luden schlichtweg dazu sein. Der Sound mit seinen zwei Klampfen machte gut Dampf, die Background-Gesänge der Rhythmusfraktion saßen. Steht ja so oder so ähnlich alles auch in meinem Bericht von vor ‘nem Jahr. Anschließend wurden noch die Kühlschränke ausgetrunken, sodass es doch wieder spät wurde. Gelungener Konzertabend im gewohnt angenehmen Lobuschambiente, zu dem ich hiermit auch meinen Senf (wegen Bockwurscht, gelle?) dazugegeben hätte.

10.05.2025: ANTIGEN + ALTERI auf dem Hamburger Affengeburtstag

Die Hansestadt lud mal wieder zum Hafengeburtstag; abseits des häufig egalen, häufig nervigen offiziellen Trubels und Touristenmagnetismus gab’s vor der Vokü und am Störtebeker wieder zwei Gratis-Open-Air-Subkultur-Bühnen. Aus Zeit- und Motivationsgründen war ich nur am Freitag und nur am Störtebeker zugegen, und dies zudem recht spät. Zumindest die letzten beiden Bands konnte ich mir nach der traditionellen Veggie-Döner-Zufuhr geben. Da die Running Order etwas durcheinandergewirbelt worden war, kam ich zunächst in den Genuss eines Auftritts der Kölner Crusties ALTERI, die einen fetten Bastard aus Metal-Crust, D-Beat und Grindcore ballerten. Der Gesangsmensch war permanent in Bewegung und fegte über die Bühne, als bekäme er Kilometergeld, während er die (weitestgehend unverständlichen) offenbar deutschen Texte growlte und keifte, dass es eine Art hatte. Der musikalische Abwechslungsreichtum verhinderte gekonnt etwaige Monotonie und ließ sogar die eine oder andere Gitarrenmelodie zu. War ‘ne herrlich brutale, beeindruckende Show, die nicht nur wegen der zwei Klampfen schön ins Gesicht drückte. Im Pit vor der Bühne war ordentlich was los und generell war’s gerammelt voll, weshalb ich meine Schnappschüsse von irgendwo aus dem Mittelfeld versuchte, die entsprechend scheiße aussehen. Zeitweise überwog auch schlicht der Smalltalk mit zum Teil wunderbar angeheiterten Freunden und Bekannten, wozu ALTERI den Soundtrack peitschten.

Ein bisschen schade, dass mit ANTIGEN anschließend bereits die letzte Band des ersten Tags auf der Bühne stand. Die hatte ich zuletzt 2019 in der Lobusch gesehen. Das Trio ist in Prag beheimatet, wo es die deutsche Sängerin/Bassistin Steffi einst hin verschlug. Stilistisch irgendwo zwischen Hardcore-Punk und melodischem Crust, tobte man sich durch englischsprachige, aggressive Songs, über denen Steffis wütender, rotziger Gesang lag. Vor der Bühne ging’s nun ein wenig ruhiger zu, abgefeiert wurde die Band aber natürlich dennoch zurecht und musste ein, zwei Zugaben geben. Zwischendurch gelang es Steffi immer mal wieder, Betrunkene davon abzuhalten, die Bühne zu erklimmen und ihr Mitteilungsbedürfnis durch ihr Mikro zu befriedigen. Klasse Gig, der Laune gemacht und mich noch mal auf Temperatur gebracht hat, sodass noch das eine oder andere Bierchen die Kehle runterlief, während um mich herum die Buden abbauten. Nach vielleicht ‘ner knappen Stunde war’s das dann aber dieses Jahr mit dem Hafengeburtstag für mich.

Respekt: Unabhängig von ihrem jeweiligen Zustand an diesem Abend habe ich alle, die ihr Erscheinen beim AFC-Spiel am nächsten Nachmittag angekündigt hatten, tatsächlich dort gesehen – einen sogar so, wie ich ihn vom Vorabend in Erinnerung hatte: Mit einem Bier in jeder Hand.

Danke allen, die die Punk/HC/etc.-Fahne weiterhin konsequent auf dem Hafengeburtstag hochhalten, sich den Arsch für ein Alternativprogramm aufreißen und Viertel/Wochenende somit nicht dem Tourikommerz überlassen.

11.04.2025, Lobusch, Hamburg: SOCIAL DECLINE + GIF

Fox von ABRUPT feierte ihren Geburtstag mit einem Wochenende in Hamburg und hatte meine Liebste gefragt, was so los sei. U.a. schlugen wir diesen Gig vor, der ihren Zuschlag bekam. Also hin da. GIF kannte ich schon von der THRASHING-PUMPGUNS-Record-Release-Party im Sommer letzten Jahres, die Dänen SOCIAL DECLINE hingegen noch nicht. ‘nen alten Kumpel, der gerade aus der Schweiz auf HH-Besuch war, lockte ich auch noch dorthin. Obwohl zahlreiche Parallelveranstaltungen aus dem Punkbereich stattfanden, fand sich reichlich Volk ein, das es etwas deftiger mochte.

GIF machten exakt da weiter, wo sie aufgehört hatten, und ballerten konsequent hookbefreiten, dafür mit Breaks und ein paar Tempo- bzw. Rhythmuswechseln versetzten Hardcore ins Gebälk. Der Shouter legte, unterstützt von Gitarrist und Drummer, seine meist deutsch, mal englischsprachigen Texte über negative Facetten menschlicher Existenz darüber und befand sich dauerhaft vor statt auf der Bühne, wo er mit dem Publikum tanzte (weshalb er auf keinem Foto ist). Und das hatte Bock, haute kräftig, aber fair auf die Kacke und ließ sich die Lauscher durchpusten. Die Band spielte präzise statt chaotisch und ließ sich zu zwei Zugaben überreden. Der Shouter war noch gar nicht ganz fertig, da baute seine Band schon ab. Wat ‘ne Hektik!

Die im Jahre 2019 gegründeten SOCIAL DECLINE aus Kopenhagen waren musikalisch dann doch ganz anders geartet und lieferten vor allem Riffs, Riffs, Riffs aus zwei Klampfen. Der Thrash Metal des Quartetts wies ein paar Hardcore-Einflüsse auf, erinnerte mich aber vor allem an SACRED REICH und ähnlich klingende Bands. Kontrollierter, wuchtiger Abriss zum Headbangen also, weniger überdrehter Stoff à la MUNICIPAL WASTE und Konsorten. Der Sound hatte Druck, für meinen Geschmack hätte es aber gern etwas weniger Mid-, dafür mehr Uptempo sein dürfen – das flottere Zeug lief mir verdammt gut rein, aber generell machte der Auftritt Laune. Ein neuer, bisher unveröffentlichter Song war auch dabei und vor der Zugabe gab’s ‘ne etwas längere Ansage, in der man sich gegen dänische wie deutsche Faschoparteien und Menschenfeindlichkeit allgemein auskotzte. Die Band hinterließ einen sympathischen Eindruck und mit Sicherheit den einen oder anderen Nackenmuskelkater.

Schöner Konzertabend zum schmalen Eintrittskurs im gewohnt herrlich rustikalen DIY-Umfeld!

05.04.2025, Volksbad, Flensburg: OI!STURM ASOZIAL+ HEROES 2 NONE + BOLANOW BRAWL

Wie hier bereits vermerkt, bekamen wir die Möglichkeit, aufgrund des kurzfristigen Ausfalls der SPARTANICS einen Tag nach unserem ersten Auftritt in neuer BOLANOW-BRAWL-Besetzung einen zweiten Gig an der Grenze zu Dänemark dranzuhängen, also die von uns besungene „Two Day Session“ draus zu machen. Kurzentschlossen sagten wir zu und machten uns am frühen Samstagnachmittag auf den Weg nach Flensburg – ein Teil im Auto, ein Teil per Bahn (die sogar pünktlich war). Das Volksbad ist eine richtig geile Location, in der verschiedenste Veranstaltungen stattfinden und in die sich die Skinhead Crew Flensburg mehrmals im Jahr für ihre „Kleinstadtwahnsinn“-Konzertreihe einmietet. Witzigerweise hatte unser Gitarrist Christian Teile der Crew erst eine Woche vorher in Bad Oldesloe auf einem Konzert getroffen, wo man über ein mögliches Konzert ins Gespräch kam – das dann unverhofft rasch stattfand. PR-mäßig waren die auch auf zack, die Online-Flyer wurden rasch aktualisiert.

Wie tags zuvor im Bambi brauchten wir auch hier nur das Nötigste mitzubringen, was die Anreise sehr entspannte, und auch hier erwartete uns eine richtig fette Anlage mit sogar vier Monitorboxen am vorderen Bühnenrand. Backstage hatte man mehr als üppig für uns aufgefahren – ein riesiges Buffet, das nie und nimmer komplett verzehrt wurde, und Bier in zig Sorten, darunter sogar das ostdeutsche Kult-Arbeiterbier Sternburg Export, das die Thüringer OI!STURM ASOZIAL sich gewünscht und die Veranstalter tatsächlich kistenweise herangekarrt hatten, nachdem sie es im Bad Oldesloer Netto-Markt ausfindig machen hatten können. Der Soundcheck fand unter professionellen, entspannten Bedingungen statt und so bekamen auch wir einen amtlichen Sound zusammengemischt. Und auch hier waren Monitorboxen im Einsatz, die einfach ihren Dienst taten, ohne herumzuzicken oder nervige Rückkopplungen zu erzeugen. Ein Traum!

Anschließend gab’s lecker Mampf, wobei ich – und mein Umfeld – vom Aioli noch gefühlt drei Tage etwas hatten. Respekt! Inklusive ‘ner zweiten Koffeindosis und Konterbier half das, meinen leichten Kater vom Vortag zu bekämpfen. Mit dem Einlass füllte sich die Bude rasch und wir fingen pünktlich um 21:00 Uhr an. Unser Set war identisch zum Vorabend, der uns hier und da noch etwas in den Knochen steckte. Meine Sorge, dass meine mit aufeinanderfolgenden Gigs keinerlei Routine aufweisende Stimme versagen könnte, erwies sich aber als unbegründet. Dummerweise hatte sich Christian seine Klampfe am Vortag geschrottet, weshalb er auf ein völlig ungestimmtes Ersatzexemplar zurückgriff, dessen Saiten er nach jedem zweiten Song in Panik vor schiefen Tönen komplett durchstimmte. Das nahm etwas den Fluss aus unserer Darbietung, die Zwangspausen überbrückten wir mit dem üblichen debilen, alkoholgeschwängerten Gesabbel. Das Publikum meinte es nichtsdestotrotz gut mit uns. Vor der Bühne waren stets ein paar Leute am Tanzen und die Flucht ergriff niemand. Zwei Viertel der COCK-UPS, mit denen wir am Vorabend gespielt hatten, waren sogar eigens nach Flensburg nachgereist, um uns noch mal zu sehen. Völlig bekloppt, aber geil – herzliche Grüße! Der OI!STURM-Drummer hatte uns freundlicherweise sein Getränkehalterstativ zur Verfügung gestellt, sodass ich diesmal nicht ständig versehentlich mein Bier umtrat oder mit dem Mikrokabel zu Fall brachte. Feuchte Kehle, aber trockene Bühne! So’n Ding will ich jetzt immer. Den ganzen Abend wurden übrigens professionelle Fotos geschossen, die aber anscheinend erst noch entwickelt werden. Gibt aber ein, zwei Livevideos:

Die HEROES 2 NONE stammen aus dem dänischen Aarhus und setzen sich offenbar aus (ehemaligen) Mitgliedern dänischer Oi!-/Streetpunk-Bands wie LAST SEEN LAUGHING, THE GUV’NORS (mit denen wir mal in Kiel gespielt hatten) und THE OUTFIT zusammen, sind Teils etwas älteren Semesters und zocken ‘ne unterhaltsame, gut in Ohren und Beine gehenden Mischung aus klassischem Oi!-Punk, Punkrock, aber auch Pubrock mit durchgehend englischsprachigen Texten. Die Band hat ‘ne verdammt sympathische Ausstrahlung und kam bestens an. Anfänglich sprang der Bassist ins Publikum, um kurz mitzupogen, woraufhin sich die Tanzfläche immer stärker füllte und die Band gebührend abgefeiert wurde, während ich zwischen Merchstand, Schmauchen vor der Tür, Bier holen und -wegbringen mäanderte, also nicht den ganzen Gig auf die Band fixiert verfolgte. Auch von diesem existieren Videos:

Mehr als am Vortag sah ich aber vom Headliner Oi!STURM ASOZIAL, allein schon aufgrund der wesentlich breiteren Fläche vor der größeren Bühne.  Das Quartett packte die gröbere Kelle aus und zockte sich durch seine Trinker- und Szenehymnen und musikgewordenen Mittelfinger an Gesellschaft, Spießer und Faschos. Die Band hat die Kraft der zwei Gitarren, sechs Basssaiten, sechs Sternikästen und acht Eier – und sorgte für eine vor der Bühne im Vergleich zu Hamburg nicht ganz so körperliche, harte, sich dafür über mehr Reihen erstreckende Ekstase. Ich erinnerte mich daran, am nächsten Tag gar nicht so viel vorzuhaben, und gab mir nun auch wider jede Vernunft die Kante, indem ich ihnen das Export wegsoff und mich irgendwann vor der Bühne den einen oder anderen Refrain mitskandierend wiederfand. Songs wie „Spinnennetz“, „Erzähl mir was“ oder auch das besonders prollige „Drecksau“ setzten sich als hartnäckige Ohrwürmer fest, gecovert wurden zeitlose Hits wie „74.000“ der GEWOHNHEITSTRINKER und „Filmriss“ von KNOCHENFABRIK, und immer mal wieder lockerte die Posaune den aggressiven, rauen Oi!-Punk-Sound mit seinem heiseren Gesang und den kräftigen Chören auf. In den vorderen Reihen spritze man euphorisiert mit Bier, die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt und total mitreißend. Gegen Ende befanden sich noch zwei Leute mehr auf der Bühne, weil einer von ihnen Geburtstag hatte und mitsingen sollte oder so… Kriege ich nicht mehr 100%ig zusammen.

Irgendwann verschwimmen dann meine Erinnerungen und ohne Christians wesentlich bessere Hälfte Sandy, die einen Teil von uns völlig selbstlos nach Hause und mich sogar bis vor die Haustür brachte, wäre ich mit meiner Oi!STURM-LP unterm Arm wohl nicht mehr nach Hause gekommen. El Christian und Don Raoul hingegen schlugen sich noch die Nacht in Flensburg um die Ohren. Ach ja, und Christian nickte alles ab, sogar den Arsch vom OI!STURM-Drummer im Takt zur Reggaemusik (kleiner Insider) 😉 Sonntag lagen zwei feucht-fröhliche Konzertabende hinter uns, die uns angefixt haben. An beiden hat man uns überaus freundlich empfangen und aufgenommen, es hat uns an nichts gemangelt! Im Bericht vom Vortag schrieb ich ja bereits, dass mich OI!STURM ASOZIAL an den Sound des Oi!-Revivals in den ‘90ern erinnern. In Flensburg kamen stilecht die zwischenzeitlich ja fast ausgestorben gewähnten bunten aufgestellten Iros und Domestosjacken hinzu – und, und das ist wahrscheinlich das Schönste: gar nicht so wenig Jungvolk. Von der so oft beschworenen Überalterung der Szene war hier nicht viel zu sehen.

Danke an die Skinhead Crew Flensburg für die leidenschaftliche, liebevolle Organisation, den Volkshaus e.V., Sandy und Sheila, Oi!STURM ASOZIAL und HEROES 2 NONE sowie alle Konzertbesucherinnen und -besuchern – das hat geflenst!

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