Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 4 of 43)

04.11.2022, Hamburg, Lobusch: CRASS DEFECTED CHARACTER + HARBOUR REBELS

Kürzlich hatte ja ein Soli-Konzertabend für die Lobusch im Goldenen Salon stattgefunden, in dessen Rahmen ausschließlich Bands auf der Bühne standen, die ihren Proberaum in der Lobusch haben. Nun folgte sozusagen der kleine Bruder dieser Veranstaltung kurzerhand in der Lobusch selbst, denn auch CRASS DEFECTED CHARACTER und die HARBOUR REBELS proben im Lobuschkeller, teilen sich sogar den Drummer – und an diesem Abend auch Gitarrist Janosch, der den in Musikerrente gegangenen Benny bei HARBOUR REBELS vertrat. Zukünftig möchte man jedoch lediglich zu viert weitermachen, also wie zu Beginn der Band ohne zweiten Gitarristen.

Als Besucher(in) konnte man sich den Eintrittspreis zwischen 5,- und 7,- EUR selbst aussuchen; der bei unserem Erscheinen noch eher übersichtlich gefüllte Konzert- und Kneipenraum wurde rasch voller und bot eine ansehnliche Kulisse, als das Hardcore-Punk-Trio CDC sein Set eröffnete. Gespielt wurden die Hits des einzigen Albums und des Demos, darunter sowohl schnelle Pogokracher als auch melodischeres Midtempo-Material, das zum Mitsingen einlädt. Das ergibt eine schön dynamische Mischung, deren Höhepunkte für mich die nachdenklichen Stücke „Wollt ihr?“, „Wenn die Fahnen wieder wehen“ und das als Zugabe gespielte „An der Zeit“ sind. Rotzig-trotziges wie „Eine Handvoll Fick Dich“, das selbstreferenzielle „CDC“, mit dem der Abend eröffnet wurde, oder auch der alte Live-Favorit „Protest durch Sachschaden“ laufen aber genauso gut rein wie das gekühlte Jever vom Tresen. Ich glaube, ungefähr zur Hälfte des Gigs hatte sich ein – interessanterweise vornehmlich weiblicher – Tanzpit vor der Bühne gebildet und feierte die mal mit dreckigerer, heiserer Stimme von Bassist Manu und mal etwas melodischer und klarer von Gitarrist Janosch gesungenen Songs kräftig ab. Drummer Chris prügelte sich präzise mit Pokerface durch ganze Potpourri und Manu behielt wie immer auch im abgedunkelten Saal seine Sonnenbrille auf. Schön, CDC mal wieder gesehen zu haben, war ja nun doch schon wieder bischn länger her.

Bei Weitem nicht so lang war’s her, dass ich zuletzt den HARBOUR REBELS live beigewohnt hatte. Diesmal also mit Janosch an der zweiten Klampfe, der sichtlich Bock hatte und sich – zumindest für meine tauben Ohren – keinerlei Blöße gab. Generell war die Stimmung auf und vor der Bühne bestens. Jule ist die perfekte Frontfrau für eine solche Band und führte mit gewohnt launigen Ansagen durchs Set, während, wenn mich nicht alles täuscht, vom ersten Song an vor der Bühne getanzt wurde. Diesmal ließ auch ich mich nicht lange bitten und gesellte mich dazu. Mittlerweile war ich betrunken genug, um mich im Nachhinein nicht mehr zu Setlist-Details äußern zu können, aber so weit ich mich erinnere wurden die bekannten deutsch- und englischsprachigen Hits um neue englische Songs vom noch unveröffentlichten zweiten Album erweitert, wofür die eine oder andere Coverversion aus dem Liveset weichen musste. Das klang alles sehr vielversprechend, man darf also erwartungsvoll gespannt sein. Melodischer Oi!-Punk mit Singalongs, einer kräftigen weiblichen Stimme, unverkrampfter, aber unmissverständlicher Haltung, einem hohen Unterhaltungsfaktor und Ambitionen für mehr, was sie zumindest schon mal bis aufs Billing des Rebellion-Festivals 2023 in Blackpool gebracht hat. Glückwunsch, weiter so und, an alle Verantwortlichen und Beteiligten: Danke für die geile Lobusch-Party, nach deren Bühnenprogramm man gar nicht mal so schnell nach Hause wollte und sich vor Ort noch amtlich die Festplatten defragmentierte…

19.10.2022, Fabrik, Hamburg: KIM WILDE

Mit KIM WILDE verbinde ich allem voran natürlich das fantastische, selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahre 1981 mit seinen unverwüstlichen New-Wave-Hits, gefolgt vom sehr angenehmen Pop-Album „Close“, das gerade chartete, als ich mich so richtig für Musik zu interessieren begann. „You Came“ war auf meinem allerersten selbstzusammengestellten Mix-Tape, „Never Trust A Stranger“ auf einem der nächsten. Das zweite Album „Select“ (1982) schlug mit mehreren Songs noch in eine ähnliche Kerbe wie das Debüt, bevor sich die Britin stärker in Richtung Pop orientierte. Nach „Closer“ verlor ich ihre Karriere aus den Augen, die sie Mitte der 1990ern beendete, um Fernsehgärtnerin zu werden. Rund zehn Jahre später gelang ihr mit u.a. mit Hilfe NENAs ein Comeback.

Als ich noch vor Pandemieausbruch verstärkt Lust bekommen, mir den einen oder anderen Pop-/Rock-Act aus meiner Kindheit mal live zu geben und Karten für PET SHOP BOYS und GIANNA NANNINI erworben hatte, war auch KIM WILDEs Gig in der Großen Freiheit darunter. Vom Kartenkauf bis zum tatsächlichen Konzert musste ich dann ca. zweieinhalb Jahre warten, die Gründe sind bekannt. Es sollte eine Greatest-Hits-Tour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum werden – gut, dann eben zum 42. Das Konzert wurde in die Fabrik verlegt, was mir sehr entgegenkam. Rappelvoll wurd’s, eine Vorband war nicht eingeplant. Bierchen geholt, zu ‘nem halbwegs akzeptablen Platz im unbestuhlten Saal gedrängelt und nur kurz der Dinge geharrt, die da kommen mochten, denn ziemlich pünktlich betraten erst die Band inklusive Background-Sängerin und Tänzerin Scarlett Wilde (Kims Nichte) und schließlich die mittlerweile 62-jährige Kim die Bühne. Da wurd’s relativ eng, denn hinten, wo normalerweise ein Schlagzeug steht, erhielt der Keyboarder seinen Platz; links und rechts von ihm waren zwei Drumsets aufgebaut, was mir etwas übertrieben erschien – zumal ich das rechte erst relativ spät entdeckte, weil es aufgrund der Fabrik-Architektur weitestgehend unterm Gebälk verschwand. Die Saitenfraktion trat als Trio in Erscheinung: ein Bassist und zwei Gitarristen, einer von ihnen Kims Bruder und Produzent bzw. Scarletts Vater Ricky, der den Popzirkus seit Anbeginn zusammen mit seiner Schwester wuppt. Das in rot und schwarz getauchte Bühnenbild fand seine Entsprechung in Bühnenkleidung und Haarfarben, wobei Kims Dress, eine Art Mischung aus Corsage, Rüschen und Fransen, vielleicht etwas schrill geraten war…

„Rage for Love“ entpuppte sich als gutgewählter Einstieg und „Never Trust a Stranger“ folgte direkt als erster Überhit, bevor „Million Miles Away“ bewies, dass es sich offenbar lohnt, auch mal den ‘90er-Alben eine Chance zu geben – geile, schwofige Nummer! Die weitestgehend analoge Instrumentierung ließ manch Song organischer klingen als auf Platte, Kims Stimme war überraschend perfekt in Schuss und ihre Ausstrahlung fröhlich, positiv, schwer sympathisch. Scarlett sorgte neben Mehrstimmigkeit vieler Refrains für viel Bewegung und zusätzlichen Esprit auf der Bühne. Die Stimmung im Publikum war vom ersten Ton an prächtig, nur leider versperrten immer wieder hochgehaltene Smartphones und Phablets den ohnehin nicht immer ganz einfachen Blick zur Bühne. Aus Respekt vorm im Durchschnitt wohl etwas älteren Publikum wollten wir uns aber auch nicht bis in die erste Reihe durchrüpeln, als befänden wir uns auf einem Punkkonzert. Zumindest konnte ich in den Displays erkennen, dass eine Reihe wirklich guter Fotos zustande gekommen sein muss – was ich von meinen im Gedrängel reichlich unmotiviert geschossenen leider nicht behaupten kann. Daher hier ein Netzfundstück:

Nach dem tollen „Can’t Get Enough (Of Your Love)“ war das BEE-GEES-Cover „If I Can’t Have You“ Teil des ersten Konzertdrittels. Das empfand ich als etwas unspektakulär, war aber sicherlich das Beste, was aus so’ner ollen Nummer, deren Original mir bestimmt die Fußnägel hochrollen würde, herauszuholen ist. Es ging direkt über in „The Touch“ und „The Second Time“ vom „Teases & Dares“-Album und mündete in „Pop Muzik“ von M in einer sehr charmanten Interpretation, in der Kim und Scarlett sonnenbebrillt mit dem Publikum flirteten und synchron tänzelten. „Kandy Krush“ und „Birthday“ bedeuteten einen Abstecher zum rockigeren jüngsten Studioalbum „Here Come The Aliens“, „Water on Glass“ löste Megahit-Alarm aus, „Anyplace, Anywhere, Anytime“ markierte das Comeback: Eine englischsprachige NENA-Coverversion, seinerzeit zusammen mit Frau Kerner gesungen. Kurios: In der ersten Strophe versuchte sich Kim am deutschen Originaltext. „Perfect Girl“ und das wirklich gute „Love is Holy“ bewiesen einmal mehr, dass hier eben nicht nur die 1980er abgefeiert werden sollten, sondern es Kim und ihrer Band vollkommen zurecht daran gelegen war, alle Dekaden und Phasen abzudecken.

Das letzte Drittel des regulären Sets reihte dann jedoch tatsächlich mehrere ‘80er-Nummern aneinander, darunter die sensible, leise Ballade „Four Letter Word“ (ich schmolz dahin, meine Freundin verdrehte nur die Augen…), das politisch wache und hochatmosphärische „Cambodia“, dessen Chor hunderte Kehlen mitsangen, das traurige, nachdenkliche „View From a Bridge“ – und nicht zuletzt mit dem punkigen „Chequered Love“ eines meiner Lieblingsstücke. Zwischendurch hatte Kim ihre Band vorgestellt und auf die Verwandtschaftsverhältnisse aufmerksam gemacht, von ihrer musikalischen Sozialisation und ihrem Bezug zur Popmusik berichtet sowie wissen lassen, dass sie die pittoreske Hamburger Parkanlage „Planten un Blomen“ besucht habe. Ähnliches wird sie überall erzählen, aber es wirkte nicht aufgesagt, sondern von Herzen kommend – wie alles, was sie an diesem Abend auf der Bühne tat.

Das THE-SUPREMES-Cover „You Keep Me Hangin‘ On“ wurde geschickt vor den Zugabeblock platziert, der mit dem selbstreferenziellen „Pop Don’t Stop“ das dritte Stück vom Aliens-Album bot und mit Kims vermutlich größten Hits „You Came“ und „Kids in America“ einen endcoolen Konzertabend beschloss. Für „Kids…“ setzte sich Kim eine glitzernde Fantasie-Uniformmütze auf, was ihr Outfit gewissermaßen abrundete. Die Songauswahl war gut gelungen, die Dramaturgie stimmte, lediglich „Words Fall Down“ habe ich schmerzlich vermisst. Nach 23 Songs und ca. 100 Minuten schienen alle auf ihre Kosten gekommen zu sein, vom Punk mit ‘80er-Pop-Affinität über die feierlaunigen Twens, das ältere Disco-Pärchen und den Mainstream-Event-Hopper bis hin zum Rocker mit Metal-Shirt.

Auf dem Klo traf ich sogar noch – wie schon bei den PET SHOP BOYS – Captain Blitz, der anschließend am Kiosk ‘ne Runde Pils schmiss. Danke, Captain, danke, Kim, danke, Fabrik. Nun bitte mal CYNDI LAUPER nach Hamburg holen! Ich höre mich – Streaming macht’s möglich – so lange durch die mir bisher weniger geläufigen Untiefen der Wilde’schen Diskographie auf der Suche nach Hits, Hits, Hits…

24.09.2022, Schanzenviertel, Hamburg: Schanzenfest 2022

Nach fünf Jahren wurde erstmals wieder das selbstorganisierte, unangemeldete Schanzenfest gefeiert. Das bedeutet: Anwohner(innen)-Flohmarkt (der diesmal aber recht klein ausfiel), Infostände zu gesellschaftlichen und politischen Themen, Verzehrstände, Soundsystems und eine Bühne für Musik- und Redebeiträge, ohne Standgebühren und ohne von Stadtfest zu Stadtfest tingelnde Profihändlerinnen und -händler. Spenden werden gesammelt und die Gewinne mehrerer Stände guten Zwecken wie beispielsweise der Seenotrettung zugeführt. Das Motto lautete diesmal „Antifa por la vida“, man solidarisierte sich mit von Repression betroffenem antifaschistischen Widerstand im Allgemeinen und den Leidtragenden des „Antifa Ost“-Verfahrens, u.a. Lina, im Speziellen. Details zum Selbstverständnis des Schanzenfests lassen sich im offiziellen Blog nachlesen. Ich tingelte verkatert vom Vortag am frühen Nachmittag Richtung Schanze, fand auf den paar Flohmarktständen, an denen ich vorbeikam, nix für mich, suchte und fand aber schließlich die Bühne, auf der u.a. einige interessante Punkbands spielen sollten. Den HARDCHOR hatte ich verpasst, BETON DE ROUGE ebenfalls, aber SPARCLUB soundcheckten gerade. Das noch junge, weibliche Gitarre/Drums-Duo hatte ‘nen guten Sound mit schön bollerigen Drums, die den fehlenden, eiskalt weggesparten Bass zuweilen vergessen ließen. Die punkigen Riffs gingen gut ins Ohr, der oftmals zweistimmige Gesang auch. Die meisten Song waren auf Deutsch, später kamen ein paar englischsprachige hinzu. Mir hat’s gefallen, wenngleich sich gerade zum Ende hin doch bemerkbar machte, dass sich einige Songs sehr ähneln. Dafür übertrugen sich der Spaß an der Musik und die positive Ausstrahlung aufs trotz etwas Nieselregens gut gelaunte Publikum. Nach knapp 40 Minuten verließen SPARCLUB unter verdientem Applaus die Bühne. Fotos gibt’s übrigens weder von diesem noch von den weiteren Gigs, da seitens der Organisation darum gebeten wurde.

Mittlerweile war ich beim Konterbier angelangt, hatte meinen ebenfalls noch leicht verschallerten Bandkollegen Holler getroffen und konnte mich von KRATZER anbrüllen lassen. Überaus kompetenter Neo-Crust aus Hamburg, der schön böse ballerte und damit denjenigen Passantinnen und Passanten, die sich zum Wochenend-Shopping in die Straße verirrt hatten, einen wunderbaren Kontrast boten. Der Shouter hatte die Bühne verlassen, nutzte den Raum vor ihr gut aus und schaffte es tatsächlich, einige Anwesende zum Tanzen zu bewegen. Andere machten sich einen Spaß daraus, über sein Mikrokabel zu springen oder spritzten/spuckten mit Bier herum. Herrlich.

Auf diesen rund 45-minütigen Gig folgte ein 20-minütiger Wutausbruch TIÃOs, genauer: derer Shouterin/Gitarristin. Der Trend geht zum Duo, auch hier lediglich Drums, kein Bass. Aufgrund der kurzen Spielzeit habe ich dieses HC-Brett nicht komplett gesehen bzw. gehört; als ich vom Pinkeln zurückkam, war’s schon wieder vorbei. Es folgte ein großartiger Redebeitrag zum „Fall Lina“, der sehr gut aufdröselte, was da gerade im Osten vor sich geht. Solche Beiträge gab es zwischen allen Bands, wobei ich aus unterschiedlichen Gründen nicht alle mitbekam. Sie sollen wohl in Kürze größtenteils in o.g. Blog nachzulesen sein.

Mit DUNKLE STRASSEN folgte ein weiteres Duo: E-Drums aus der Konverse, Schrammelklampfe, Samples und Geschrei – da war ich musikalisch raus, sorry. Stattdessen spazierte ich noch mal ein wenig durchs Viertel. Als ich zurückkam, beendete gerade die Transgender-Künstlerin GÉRALDINE SCHABRAQUE ihr Chanson-Set, bevor die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN adrenalingeladen die Bühne erklomm und direkt mit der an hiesige Verhältnisse angepassten AGNOSTIC-FRONT-Nummer „HH Polizeistadt“ einstieg. Eigentlich erzählt Sänger/Gitarrist Stemmen ja ganz gerne mal bischn was auf der Bühne, was zu den NPP-Gigs schlicht dazugehört. Adrenalinausstoßbedingt schien er sich diesmal etwas zu verhaspeln und ließ lieber wieder die grobe musikalische Kelle sprechen. Vor der Bühne hatte sich inzwischen ein großer Pogomob gebildet, vereinzelte Bengalos erhellten den mittlerweile dunklen Abend. Ich bekomm’s nicht mehr ganz zusammen, aber „HH Polizeistadt“ wurde erst noch mal und am Schluss sogar ein drittes Mal, diesmal zusammen mit Ex-Sänger Sibbe, gezockt, auch ‘nen anderen Song gab’s mindestens zweimal zu hören. Der Gig wirkte punkig-chaotisch, passte damit zur vorgerückten Stunde sowie meinem persönlichen Zustand und wurde von den feierwütigen Besucherinnen und Besuchern gnadenlos abgefeiert.

Bei den JESUS SKINS war die aufgekratzte Menge anschließend in guten Händen, bereitwillig ließ sie sich das Oi!-Evangelium in Form von Songs wie „77 heißt Grüß Gott“, „Skinheads in der Kirche“, „3 Könige“ oder auch „Saufen beim Fußball“ andrehen. Die JESUS SKINS sind gewissermaßen ein Projekt, bei dem jeder mal mitmachen darf, mittlerweile sitzt Paul von DER UNFUG UND SEIN KIND und SPIKE an der Schießbude und Band-Tausendsassa Ritchy spielt Klampfe. Laut meinem Konzerttagebuch habe ich es elf (!) Jahre (!!) lang geschafft, den JESUS SKINS live zu entkommen, vielleicht, weil der Witz im Prinzip ja schon länger auserzählt ist. Aber, Alter: Alkoholisiert auf dem Schanzenfest ist das schon noch ‘ne Ansage! Und tatsächlich waren mir die meisten Texte noch geläufig, sodass ich mit ausgebreiteten Armen kräftig mitsingen konnte. „77 heißt Grüß Gott“ wurde als Zugabe noch mal dargereicht, bevor die Messe gelesen war und ein in meiner lückenhaften Erinnerung sehr guter Redebeitrag zur aktuellen Situation im Iran das Schanzenfest mit ernsten, aber auch kämpferischen Worten beendete.

23.09.2022, Monkeys Music Club, Hamburg: SPERRZONE + THE SOUL INVADERS

Der gute Maggie feierte seinen Fuffzichsten im Monkeys mit zwei befreundeten Bands, und zwar ausgerechnet an einem Abend, an dem man sich vor Konzerten in Hamburg kaum retten konnte. Das änderte aber nichts an einer gelungenen Party mit ordentlichem Besucherinnen- und Besucherzuspruch, allein schon, weil Maggies alte Heimat Hagen massiv vertreten war. Als wir eintrafen, beendete gerade ein Singer/Songwriter sein Set, der überraschend den Abend eröffnet hatte. SPERRZONE aus dem sächsischen Torgau begannen dann mit gut abgehangenem Midtempo-Punkrock mit deutschen Texten, die sowohl von einem der beiden Gitarristen als auch vom Bassisten geschmettert wurden. Man wechselte sich ab oder spielte sich gegenseitig die Bälle zu, die Gesangsharmonien saßen und korrespondierten auch gut mit den Backgrounds. Zwischendurch wurde „Little Old Wine Drinker Me“ in punkiger Version gecovert, es folgten weitere englischsprachige Songs, die dann auch mehr Schmackes hatten. „Nobody’s Hero“ der STIFF LITTLE FINGERS bot man in einer Offbeat-Version dar, eine JOHNNY-CASH-Nummer wurde verpunkt und mit VANILLA MUFFINS‘ „For What I Fight With You?“ schloss das Quartett den regulären Teil seines dann doch recht fremdkompositionsreichen Sets. Das Publikum forderte eine Zugabe, die es in Form des umjubelten STRASSENJUNGS-Covers „Ich brauch meinen Suff“ erhielt. SPERRZONE wirkten mit ihrer positiven Ausstrahlung und ebensolchen Aussagen sehr sympathisch, und an der Basslautstärke ließ sich ablesen, wer offenbar Kopf der Band ist. 😉

Die Hagener THE SOUL INVADERS stimmten ein Geburtstagsständchen für Maggie an und hauten danach so richtig auf die Kacke, wobei Sänger Böhme möglicherweise sogar noch etwas wahnsinniger als während meines letzten beigewohnten SOUL-INVADERS-Gigs im Jahre 2017 wirkte. Gut, mal war er nicht vorbereitet und wusste nicht, welcher Song kommt, mal ging’s der Band ähnlich, aber hatte man sich erst mal auf das jeweilige Stück geeinigt, wurde ein Inferno aus Punk, Rock’n’Roll und Garage entfacht, das dazu einlud, sein Hirn an die Wand zu werfen. Hier und da war auch kleine ‘ne MISFITS-Schlagseite herauszuhören. Ein von Böhme gehasster Song entpuppte sich für meine Ohren als vielleicht beste Nummer, aber das Hit-Niveau war generell hoch. Immer mal wieder wurde er vom aus Hagen mitgereisten Sänger der MAD MOISELLES unterstützt, der sich auf der Bühne ebenfalls sichtlich wohlfühlte (und bereits bei „Ich brauch meinen Suff“ während des SPERRZONE-Gigs das Mikro geentert hatte). Böhme nahm sich zwischendurch die Zeit, die Bandmitglieder namentlich vorzustellen, preschte im nächsten Moment aber schon wieder wild über die Bretter. Natürlich mussten auch hier Zugaben her; auf eine relativ neue, als Schmusesong angekündigte mit leichter Postpunk-Tendenz folgte noch eine Schunkelnummer. Herausragendes Punkrock-Entertainment einer grenzgenialen Liveband!

Danke, Maggie, für die geile Sause und die Getränkemarken! Nochmals Herzlichen und auf die nächsten Fuffzich!

16.09.2022: Hamburger Hafengeburtstag/Affengeburtstag

Erster Hafengeburtstag seit 2019, vom Mai in den September verlegt. Also lecker Spätsommer? Nix da: Hamburger Schietwetter! Zudem abgespecktes Programm, weil ohne die famose Jolly-Roger-Bühne. Dass ich mich am Freitag trotzdem auf den Weg durch den Regen machte, lag zum einen am DIY-Alternativprogramm auf der „Hafengeburtstag von unten“- alias Affengeburtstag-Bühne vorm Störtebeker und zum anderen daran, dass sich mir die Gelegenheit bot, gratis dann doch mal wieder EXTRABREIT zu sehen. Die spielen zwar, so glaube ich zumindest, immer mal wieder auf Stadtteilfesten und sowat, habe sie dort selbst mal gesehen – doch das ist gefühlt hundert Jahre her. In den letzten Jahren waren mir EXTRABREIT medial immer mal wieder über den Weg gelaufen, wenn ich mich mit ‘80er-Retrospektiven und artverwandten Formaten beschäftigt hatte. In diesem Kontext hatte ich auch meine Plattensammlung ein wenig erweitert und so letztlich richtig Bock bekommen, mir die Hagener aus heutiger Perspektive endlich mal wieder live zu geben, zumal sie auch studiotechnisch weiter aktiv sind, vor zwei Jahren das Album „Auf Ex! (weiter breiter)“ veröffentlicht haben. Als ich hörte, dass sie auf der Bühne des Radiosenders Rock-Antenne zocken würden, wusste ich, was zu tun war.

Also Landungsbrücken raus, einmal über die gesamte Veranstaltungsmeile latschen, die gegenüber 2019 noch mal gestiegenen Preise an den kommerziellen Verzehrbuden bestaunen und bei den Anarchos nahe der Balduintreppe ‘nen köstlichsten Veggie-Döner inhalieren. Und natürlich die Rock-Antenne-Bühne suchen, die ich in all den Jahren zuvor geflissentlich ignoriert hatte. Diese befand sich am anderen Ende der Meile, wo ich dann auch überraschend auf Kai Motherfucker samt Nachwuchs traf, die lässig an Balustrade lehnten, während OHRENFEINDT gerade schweinerockten. Nach zwei Sterni trennten sich unsere Wege jedoch schon wieder und ich ging hoch vors Störtebeker. Dort war ‘ne Menge los, CRACKMEIER waren just durch und INFERNO PERSONALE aus Bremen gerade beim Soundcheck. Die Band ist mit Mitgliedern aus Kolumbien, Argentinien, Italien und Deutschland international besetzt und hat letztes Jahr ihr Demotape veröffentlicht. Voll auf die Zwölf gab’s dann krachenden D-Beat-HC-Punk mit dem für diese Bühne anscheinend üblichen geil schrotenden Gitarrensound und reichlich Tempo, dazu zum Namen passendes infernales Gebrüll am Mikro. Die Klampfe hatte immer mal wieder winzig kurze Aussetzer, was am etwas zu locker sitzenden Kabel zu liegen schien, aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel. Großartiger Gig, der leider schon nach maximal 20 Minuten vorüber war.

Während sich im Hintergrund ein Arbeiterliederchor (!) langsam mit der Bühne vertraut machte, verabschiedete ich mich langsam in Richtung Rock-Antenne-Bühne, denn um 22:00 Uhr sollten EXTRABREIT anfangen. Fünf Minuten vorher war ich vor Ort, konnte mich problemlos ziemlich weit nach vorne durchschlängeln und traf dort auf eine Gruppe Punks, die bereits vor mir dorthin aufgebrochen war. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, ich hatte ‘nen Vorratssterni in der Hand und pinkeln konnte man links von der Bühne ans Elbufer. Eigentlich gute Voraussetzungen, hätte nur nicht offenbar gerade erst der todlangeweile Soundcheck durch die Bühnencrew begonnen, der sich endlos zu ziehen schien. In dieser Zeit hätten INFERNO PERSONALE ihr Set locker noch zweimal spielen können und tatsächlich verpasste ich in dieser Zeit nicht nur besagten Chor, sondern leider auch die HARBOUR REBELS.

Als es endlich, endlich losging, war ich längst betrunken und in einer Scheißegalstimmung, die mich das teure Bierstandpils kaufen ließ. Die Gruppe Punks war schon längst wieder abgezogen, als EXTRABREIT mit dem gleichnamigen Song eine Art Best-of-Set eröffneten, aus dem ich längst nicht alle Nummern kannte. Weiter ging’s mit „Her mit den Abenteuern“, „Geisterbahn fahrn“ und „Glück und Geld“, bevor mit „Kleptomanie“ eine meiner Lieblingsnummern folgte (obwohl ich schon Schweißausbrüche bekomme, wenn ich ‘ne einzelne Zwiebel im Supermarkt mitgehen lasse, weil ich keinen Bock habe, ein ganzes Netz zu kaufen…). Zwei Songs später der große Klassiker „Polizisten“, inhaltlich eine der stärksten EXTRABREIT-Nummern. Allerspätestens jetzt war mir auch alles egal, euphorisiert vertrank ich mein letztes Geld und lauschte andächtig mehreren mal rockigeren, mal tanzbareren, mal bluesigeren Songs, die mir nicht sonderlich geläufig waren, bis mich das HILDEGARD-KNEF-Cover „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ins Jahr 1992 zurückversetzte, als das Stück im Radio rauf und runter lief und ich zwölfjähriger Bengel einen Narren an ihm gefressen hatte. Die ja irgendwie melancholische Stimmung des Songs verdoppelte sich durch den nostalgischen Effekt, den er in mir auslöste.

Weiteren Anlass zum Feiern boten neben dem HANS-ALBERS-Cover „Flieger, grüß mir die Sonne“, ohne das bis heute vermutlich keine NDW-Party auskommt, das vielleicht punkigste EXTRABREIT-Stück „3-D“, mit dem ich gar nicht unbedingt gerechnet hatte, und natürlich „Hart wie Marmelade“. Tschüs, das war’s, die Band verließ die Bühne. Es folgte das übliche Spiel: Zugaberufe, die nach ‘ner Zigarettenlänge erhört wurden, woraufhin Sänger Kai Havaii endlich von den kleinen Mädchen aus der Vorstadt berichten konnte, die heute Nasenringe aus Phosphor tragen. Für den Rausschmeißer, das eingedeutschte LOU-REED-Vehikel „Junge, wir können so heiß sein“, betrat ein befreundeter Musiker die Bühne, der an der Mundharmonika unterstützte. So wurde die Stimmung, die bei den vorausgegangenen Songs tatsächlich zu Pogo und ähnlichem Ausdruckstanz geführt hatte, wieder ein gutes Stück weit heruntergekocht, bevor man das Publikum in die Nacht entließ.

EXTRABREIT machten einen musikalisch topfitten Eindruck und Kai Havaii scheint derselbe drahtige Typ wie eh und je zu sein. Klar war das ein professionell und vermutlich entsprechend routiniert durchgeführtes Rockkonzert mit Ü40-Zielgruppe. Punk- und NDW-Klänge, textliche Provokationen und organisiertes Chaos sind längst im gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten, eingängigen Stil der Band aufgegangen, den sie selbst schlicht als Deutschrock bezeichnet (und entweder bewusst ignoriert oder nicht mitbekommen hat, welche Konnotation dieser Begriff zuweilen annimmt, sobald er mit bestimmten Bands assoziiert wird). Spaß gemacht hat’s aber allemal, die Band wirkt sympathisch, hat ihre großen Hits und ein abwechslungsreiches Programm vorzuweisen. Für umme kann man das auf jeden Fall mal mitnehmen. Man verwies noch auf ein Konzert in der Markthalle, das offenbar am 30. Dezember stattfindet und Teil einer traditionellen „Weihnachts-Blitztournee“ ist.

Extrabreit schlenderte ich zurück zur Affengeburtstagsbühne und feierte noch die Bremer(innen) CATAPHILES ab, die sich den Gitarristen mit INFERNO PERSONALE teilen: Wavelastiger Post-/Goth-Punk mit, wie ich in dem Moment fand, geilen ‘80er-Synthie-Melodien, halligem Gesang sowie einer Nebelmaschine, die die halbe Straße einhüllte. Die Band ist noch jung, in Kürze soll wohl ein Album auf Sabotage Records kommen. Mal die Augen nach offenhalten.

Gegen 1:00 Uhr war fürs Erste Feierabend, ab Samstagnachmittag spielten noch Bands wie KONG FUSS, THRASHING PUMPGUNS, ECHOES, STRACH und KID KNORKE & BETTY BLUESCREEN – doch da musste ich passen. Schön, dass diese Bühne wieder eine echte Alternative zum offiziellen und „kommerziellen“ (relativiert sich, weil die Gigs alle gratis sind) Hafengeburtstagsprogramm bot. Vielleicht schaffe ich’s nächstes Mal auch wieder, mehr davon zu sehen.

09.09.2022, Goldener Salon, Hamburg: ORÄNGÄTTÄNG + SHITSHOW + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

„Lobusch goes Hafenklang“, lautete das Motto: Ein paar im selbstverwalteten Wohn-/Veranstaltungs-/Proberaum-Komplex in der Lobuschstraße probende Bands sollten unentgeltlich im zum Hafenklang gehörenden Goldenen Salon auftreten, um das Minus, das die Covid-19-Pandemie-bedingten Schließungsphasen in die Kasse gerissen hatten, etwas abzufedern. Zusammen mit der Lobusch-Hausband JAUCHENPUMPE sollten’s derer vier werden, krankheitsbedingt blieben die o.g. drei übrig. Zusätzlich wurde eine liebevoll gestaltete Tombola mit etlichen kuriosen bis verdammt töften Gewinnen anberaumt, die auf viel Zuspruch stieß; diverse Merch-Stände rundeten das Ambiente ab. Jede Band durfte sich ‘ne XXL-Pizza beim Bringdienst aussuchen und bekam Freibier sowie zusätzliche Getränkemarken. Eigentlich alles knorke, bis auf den Umstand, dass unser Basser Holler sich die Seuche eingefangen hatte und wir daher ohne ihn auftreten mussten…

Schon am Nachmittag hatten sich meine Bandkollegen zusammen mit Teilen der Veranstalter auf den Weg gemacht, um das Equipment rüberzuwuchten und aufzubauen. Eisenkarl bastelte das Schlagzeug zurecht und trommelte sich sowie das Instrument so lange warm, bis der Sound stimmte. Ich stieß etwas später direkt von der Lohnarbeit kommend hinzu und musste diese erst mal mit ein paar Bierchen abschütteln. Der Einlass war mit 19:00 Uhr relativ früh terminiert und wurde offenbar ernstgenommen, denn überraschend schnell füllten sich der direkt an der Elbe gelegene Vorplatz und der Club.

Damit Drummer Vic, den sich SHITSHOW und ORÄNGÄTTÄNG teilen, nicht zwischen seinen Gigs pausieren muss und wir nicht als letzte Band ranmüssen, machten wir um Punkt 21:00 Uhr den Anfang. Unabhängig von Hollers Ausfall hatten wir geplant, mit unserem ehemaligen Drummer Dr. Tentakel, der in den verdienten Ruhestand gegangen war, die ersten zwei Songs zu zocken, damit er sich noch einmal vor einheimischem Publikum verabschieden kann. Für „Tales of Terror“ und „Elbdisharmonie“ wechselte also Eisenkarl an den Bass, danach wieder an die Drums und wir spielten ohne Bass weiter. Dieses Kuddelmuddel versuchte ich den Anwesenden von der Bühne aus zu erklären. Tatsächlich klappte es wie intendiert: Tentakel zockte noch mal die alten Schoten und heimste sichtlich gerührt Szenenapplaus ein. Danke, Doc!

Um den fehlenden Bass zu kompensieren, improvisierten wir im Anschluss ein wenig: Wir doppelten die tiefen Gitarrenfrequenzen, um akustisch so etwas wie einen Tieftonteppich zu suggerieren, Bass-Intro-Parts spielte Kai auf der Klampfe, Soloparts und Background-Gesang entfielen zwangsläufig. Gemessen an den Umständen funktionierte das passabel, wenn ich auch die Bühne als unangenehm leer empfand. Dass unser erst zweiter Gig seit der langen Zwangspause in einem derart gut gefüllten Saal stattfand, machte mich auch glatt wieder ein bisschen nervös. Ich kam mir jedenfalls hüftsteifer als zuletzt vor, versemmelte den letzten „Montag, der 13.“-Refrain und verschüttete ein Bier, woraufhin mir jemand tatsächlich einen Putzlappen auf die Bühne warf. Dafür stießen wir mit unserem herben Sound auf offene Ohren, erhielten Zuspruch (sowie Beleidigungen aus dem engeren Bekanntenkreis :D) und spielten zum Dank am Ende auch ohne Holler „ACAB“, jene hektisch gesungene Nummer seiner derzeit inaktiven Band PROJEKT PULVERTOASTMANN, die keinerlei Luftholen gestattet. Alles in allem dürften wir uns recht achtbar aus der Affäre gezogen haben. Krischan drehte freundlicherweise ein Video von uns und packte es auf YouTube, wo es gleich mal mit ‘ner Altersprüfung versehen wurde…

Bühne frei für Hamburgs derzeit heißesten Scheiß: Über die aus den Trümmern von SORT OF SOBER entstandenen SHITSHOW spricht man nur in Superlativen, umso gespannter war ich auf den Auftritt. Das Quartett aus Marta (ex-SORT OF SOBER, Bass), Vic (u.a. ORÄNGÄTTÄNG, Drums), Krischan (ex-SORT OF SOBER/ORÄNGÄTTÄNG, Gitarre) und Julia (Gesang) spielt ziemlich mitreißenden Punkrock der ‘77er-Schule mit ordentlich Dampf unterm Kessel, Rotz in der Stimme und Hitfaktor, sodass es nicht zuletzt aufgrund der entfesselten Bühnenshow wenig verwunderlich war, dass vor der Bühne kollektiv am Rad gedreht und ekstatisch getanzt wurde. Das eigene Material wurde mit Coverversionen von DEAD MOON und NEW ORDER (ja, „Blue Monday“!) angereichert. Die meisten Songs sind knackig kurz und bilden fettfreie Filetstücke des Rotzlöffelpunks. Bitte dranbleiben, nicht auswimpen und nicht schon nach der zweiten 7“ wieder auflösen! Die pressfrische Debüt-7“ hatte ich mir ungehört schon vorher eingesteckt und es nicht bereut. Coolste Sau des Abends war in jedem Falle Gitarrist Krischan, der von der Bühne aus verkünden konnte, bei der Tombola eine Lederjacke und damit einen der Hauptgewinne eingesackt zu haben, den er dann auch gleich stolz auf der Bühne trug.

ORÄNGÄTTÄNG sind diejenigen dieses Abends, die schon am längsten existieren, sodass die meisten gewusst haben dürften, was sie erwartet: Wie vom Affen gebissener HC-Punk mit Schrammel-Ecken und T(h)rash-Kanten, englischen Texten und seit einiger Zeit gern auch Crossdressing (das ist keine Salatsoße, sondern bedeutet, dass die drei Herren sich in Damenkleidung/-perücken/-schminke präsentieren) sowie diesmal auch einer Extraportion Bühnennebel. Dieser muss mitverantwortlich sein für die nebulösen Erinnerungen, die ich an den Gig habe… Dem Trio gelang es, das Stimmungslevel hochzuhalten, hin und wieder ließ auch ich mich in den Tanzmob schubsen. Details zum Auftritt bitte woanders erfragen; ich erinnere mich neben der exaltierten Bühnenshow noch an einen gut durchpeitschenden Sound, durch den jedoch gerade zum Ende hin der Gesang immer schwerer durchkam – was sich beim SCHLEIMKEIM-Cover natürlich relativierte, das hat jede und jeder mitgesungen. ORÄNGÄTTÄNG sind live ‘ne sichere Bank und Stimmungsgarant!

Ich blieb noch, bis es kein Bier mehr gab, und wankte dann mit meiner Liebsten nach Hause. Das war die bis jetzt vielleicht beste Party des Jahres – danke allen, die sie ermöglicht haben! Es freut mich insbesondere, dass derart viele dem Aufruf gefolgt sind und sich bei Eintritt auf Spendenbasis solidarisch mit der Lobusch und dem Ethos dahinter gezeigt haben.

Wir spielen nächste Woche Donnerstag. 22.09. noch im Viertelzimmer Münzviertel zusammen mit SOCIAL EXPERIMENT aus Schottland, bevor wir unsere Live-Aktivitäten in Hamburg für den Rest des Jahres wieder zurückschrauben.

12.08.2022, Indra, Hamburg: D.R.I.

Einen Tag vor meinem ersten Erholungsurlaub des Jahres (endlich!) ging’s noch mal in den Indra-Club auf den Kiez, um nach etlichen Jahren tatsächlich mal wieder die texanische HC-Punk- und Crossover-Legende D.R.I. zu sehen, die sich ihrer 40th Anniversary Tour befand. Eine Vorband zu finden war offenbar nicht so einfach, sogar uns (DMF) hatte man angefragt – doch unabhängig von meinen Plänen herrschte bei uns noch Urlaubssaison. Dann eben ohne! D.R.I. hatten, so erfuhr ich am Einlass, zwei verschiedene, von einer Pause unterbrochene Sets geplant, was sich schon mal vielversprechend anhörte. Im anheimelnden Biergarten hatte die Band ihren Merchstand aufgebaut, hinter dem bis kurz vorm Gig Shouter Kurt Brecht persönlich die Waren feilbot.

Das Publikum im ordentlich gefüllten, aber nicht ausverkauften Indra war die erwartete Mischung aus HC-Volk, Headbangern und Punks, die dem kleineren bewegungswütigen Teil großzügig die Fläche vor der Bühne überließ. D.R.I. spielten eine ziemlich geile Mischung aus den kurzen eruptiven HC-Songs der Frühphase über den spritzigen, flotten HC-/Metal-Crossover (den sie miterfanden) bis hin zum Mut-zum-Midtempo-Sound, der in den 1990ern Hits wie „Acid Rain“ hervorbrachte. Die Herren im mittlerweile gesetzteren Alter agierten routiniert, aber nicht gelangweilt. Gitarrist Spike Cassidy ließ sich für seine Soli von den Langhaarigen feiern, und wie locker Drummer Rob Rampy die treibenden Beats aus dem Handgelenk schüttelt, ist nach wie vor aller Ehren wert.

Zwischendurch kam es zu einem kuriosen Vorfall: Jemand aus meinem Bekanntenkreis schnappte sich überraschend den Papiermülleimer der Herrentoilette und entleerte ihn mitten im Set auf der Bühne. Beifall- oder Unmutsbekundung? Das wusste er wohl selbst nicht so genau, die verdutzte Band jedenfalls fasste diese Aktion tendenziell eher als Affront auf. „Ok, I see: Now it’s a gig against the crowd!”, und dieser beflügele ihn besonders, ließ Kurt wissen – und trat weiterhin, nun zwischen etlichen Zellstoffknüllen, kräftig Arsch. Auch ich ließ mich zu manch Tänzchen hinreißen, schwitzte an diesem heißen Augusttag wie die Sau und fragte mich nach jedem Song, wann denn wohl die versprochene Pause kommen würde. Pustekuchen! D.R.I. zockten durch und beendeten den Gig erst nach gefühlt 35 Songs. Besonders freute ich mich über meine Favoriten „Couch Slouch“, „Manifest Destiny“, „5 Year Plan“ und „Thrashard“, die allesamt in einem wuchtigen, aber crunchigen Sound dargeboten wurden. Von mir aus hätte seitens des Publikums gern noch mehr ausgerastet werden dürfen, andererseits konnte ich so unfallfrei die Bewegungsfreiheit vor der Bühne genießen.

Anschließend ging’s noch auf ‘nen Absacker und ‘ne kräftige Dosis Sauerstoff in den Biergarten (und kurz ins Semtex), diesmal aber ohne es zu übertreiben. Fazit: D.R.I. waren genau das Richtige, um sich nach einer stressigen Zeit und unmittelbar vorm Urlaub noch mal schön die Ohren durchblasen zu lassen, bevor’s für zwei Wochen an den Ostseestrand ging und fast nur noch die BEACH BOYS aus der Konserve aufspielten.

29.07.2022, Indra, Hamburg: 10 Jahre Tanztee-Soundsystem mit SKASSAPUNKA + GHOSTBASTARDZ + ACULEOS + BOLANOW BRAWL

Es ist die Zeit der Jubiläen: Kürzlich noch bei 8 Jahre Beyond Borders gewesen, nun also 10 Jahre Tanztee-Soundsystem. Vor zehn Jahren haben sich auch BOLANOW BRAWL gegründet, meine unheimlich veröffentlichungsfaule Streetpunk-Band, mit der wir für meine andere Band DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS eingesprungen waren. Diese sollten nämlich eigentlich spielen, entfielen aber aufgrund privater Terminkonfusionen. Es ist eben immer gut, eine Zweitband zur Hand zu haben…

Die passte eigentlich auch besser auf dieses Skinhead-affine zweitägige Festival im Indra, auf dem sich Livebands mit DJ-Sets die Klinke in die Hand gaben. Die rührigen Veranstalter Torben und Anne umsorgten uns mit Speis und Trank und dürften zu den nettesten und entspanntesten Tanzteetrinkern der Szene zählen. Unser Soundcheck lief eigentlich problemlos, die Regel will es aber, dass immer mindestens eine Monitorbox rumzickt (offenbar echt sensibel, diese Dinger). Diesmal gab Oles Monitor keinen Laut, weshalb er kurzerhand gegen ein funktionstüchtiges Exemplar ausgetauscht wurde (der Monitor, nicht Ole). Endlich auch selbst mal auf der Indra-Bühne zu stehen, fand ich schon beim Soundcheck geil, und dass ich ‘nen famosen Monitorsound vom Soundmann gezaubert bekam, war dann die Kirsche auf der Sahnehaube.

Draußen wurde der Grill und drinnen das erste DJ-Set angeworfen, wir begannen, uns zu betrinken und spielten pünktlich ab dem Anpfiff um 21:00 Uhr ein 35-Minuten-Set vor einem sehr sympathischen Publikum, das in beachtlicher Anzahl die allererste Band des Abends begutachtete. Abgesehen vom Umstand, dass Gitarrist Christian in einer halben Stunde drei Stimmpausen unterbringen musste, flutschte alles gut durch und hat so richtig Laune gemacht.

Die Prager SHARP-Band ACULEOS trat ebenfalls in Fünferbesetzung mit zwei Klampfen an und spielte ‘nen recht rauen Oi!-Stiefel mit vornehmlich in Landessprache verfassten Texten. Apropos Stiefel: Der Sänger hatte sich offenbar den Fuß gebrochen und daher selbigen in einem medizinischen Moonboot stecken. Die meiste Zeit über nahm er auf einem Barhocker Platz, zuweilen stand er aber auch kurz auf. ACULEOS ließen eine Whiskey-Buddel im Publikum kreisen, erregten Aufsehen mit einem im mittleren oder hinteren Teil des Sets integrierten, arschgeilen englischsprachigen Song und coverten die 8°6 CREW mit neuem Text („Rebels“). Die THE-OPPRESSED-Nummer „Work Together“ beschloss den regulären Teil des Sets, doch auf die zahlreichen Forderungen nach einer Zugabe hin fasste man sich ein Herz und spielte einen auf der PENNYWISE’schen „Bro Hymn“ basierenden Song, der im Refrain „Skinhead fight tonight“ oder so verlauten ließ und keinesfalls derart in die Länge gezogen wurde wie das Original, sondern viel zu schnell schon wieder vorbei war. Klasse Gig, der entsprechend gut ankam und die allgemeine Stimmung weiter steigerte. Würde ich mir gern beizeiten noch mal ansehen.

Die nachfolgenden Bands GHOSTBASTARDZ und SKASSAPUNKA bekam ich – entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten – nur noch am Rande mit, weil ich mich erst draußen im Biergarten festquatschte und es dann genoss, einfach dort zu bleiben. Sorry! Ich glaube, meine Aufmerksamkeitsspanne war für diesen Abend auch einfach erschöpft. Ach ja, zwischendurch wurde noch Bingo gespielt; und beide Bands wurden wohl gebührend gefeiert und dürften ebenfalls ‘ne verdammt gute Zeit gehabt haben. Am nächsten Tag war ich anderweitig eingespannt. Dem Vernehmen nach war’s Samstag insgesamt wohl etwas weniger Publikum, das sich Bands wie VIETSMORGEN, ASHPIPE, CITY SAINTS u.a. reinzog. Ich hoffe, dass auch dieser Abend dennoch gelungen war und alle auf ihre Kosten gekommen sind.

Glückwunsch zu zehn Jahren Tanztee; danke, dass wir einspringen durften und so gut umsorgt wurden! Auf die nächsten zehn!

P.S.: Danke auch an Svenja für die Fotos unseres Gigs sowie an Small-Town-Timo für diesen Videoausschnitt:

23.07.2022, Gängeviertel, Hamburg: 8 Jahre Beyond Borders mit DIE SCHWARZEN SCHAFE + FREIDENKERALARM + DR. ULRICH UNDEUTSCH + GESTRÜPP

Fast zwei Wochen war ich in Homeoffice/Covid-19-Isolation, was mich beinahe in den Wahnsinn trieb. Quasi pünktlich zu den endlich wieder negativen Tests feierte die Beyond-Borders-Konzertgruppe ihr Achtjähriges mit einem zweitägigen Festival im großen Konzertsaal des Gängeviertels, was mir wie gerufen kam. Ich musste endlich mal wieder raus, verbrachte den Freitag aber noch im Erholungsmodus. Samstag jedoch raffte ich mich auf, um den zweiten Tag des Festivals mitzunehmen. Ein bisschen zu Hause vorgeglüht und nebenbei noch paar Dinge erledigt, dadurch die ersten GESTRÜPP-Songs verpasst. Es folgten aber noch einige, sodass ich mir einen ersten Eindruck dieser noch jungen Norderstedter Band aus dem SZ-Umfeld verschaffen konnte. Und dieser war positiv: Mit Kontrabass (gespielt von Szenetausendsassa Holli) und wechselnder Instrumentierung spielen GESTRÜPP recht eigenständigen Punk mit Folkeinflüssen. Die Sängerin, die ich noch von AUS DEM RASTER kannte, tauschte ihre Akustikklampfe zuweilen gegen Querflöte und andere folkloristische Instrumente. Das hatte trotzdem alles gut Schmackes, vor allem aber Stil und Atmosphäre. Hat mir gefallen, und beim nächsten Mal werde ich vielleicht auch pünktlich sein und mich besser auf die Band konzentrieren.

DR. ULRICH UNDEUTSCH aus dem Sachsenland hatte ich bereits zweimal genau hier gesehen. Zuletzt waren sie mit zwei Gitarren aufgetreten und hatten einen schön satten Sound, diesmal trat man wieder als Quartett mit nur einer Klampfe auf. Trotzdem gefiel mir die Band so gut wie nie zuvor – entweder haben sich meine Hörgewohnheiten geändert oder der „Undeutschpunk“, wie sie ihren Stil nennen, hat sich gemausert. Die Gitarre sägte amtlich und der flotte Hardcore-Punk wurde von der Rhythmussektion ordentlich nach vorne getrieben. Alles in allem ‘ne runde Sache und für meinen Geschmack hätte der Gesang gern noch etwas lauter gedurft, damit man vielleicht etwas mehr von den hörenswerten, gesellschafts- und politkritischen Texten aufschnappt.

Dies war nämlich beim Trierer FREIDENKERALARM der Fall, die einen Spitzensound bekamen und fast nach mehr als ‘nem Trio klangen: Von der Gesamtscheiße angepisste deutschsprachige Texte, melodisch mit angerautem Organ gesungen, ein angenehmes, tanztaugliches Tempo und vor allem unaufdringlich eingängige, zupackende Gitarrenmelodien bei stets präsentem Druck. Der erste Song klang hingegen noch völlig anders, schien aber eher Intro-Charakter zu haben. Die Darbietung wusste mich doch ziemlich zu begeistern, bis mir das Gequatsche zwischen den Songs zu viel Preaching-to-the-converted-Charakter annahm. Getoppt wurde das noch, als die Band das Publikum aufforderte, den antirassistischen Kniefall durchzuführen – und bis auf zwei, drei Menschen diesem tatsächlich alle nachkamen. Was als Solidaritätsausdruck auf großen Veranstaltungen oder bei TV-Übertragungen, wenn Millionen Augen auf sie gerichtet sind, absolut Sinn ergibt, erscheint mir vor spärlicher Clubkulisse unter Gleichgesinnten eher als kollektiver Akt der Masturbation. Und davon einmal abgesehen fühlt es sich befremdlich an, wenn antiautoritäre, anarchische Punks auf die Knie fallen, weil jemand von der Bühne aus sie dazu auffordert… Dem Gitarristen gelang übrigens das Kunststück, sich während des Gigs gleich zwei Saiten auf einmal zu zerreißen. Es wurde aber rasch Abhilfe geschaffen.

Dass ich DIE SCHWARZEN SCHAFE zuletzt live gesehen hatte, dürfte nicht nur eine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit her gewesen sein. Mit ein paar Songs im Ohr hatte ich mich schon auf dem Hinweg in Stimmung gebracht – und jetzt richtig Bock. Sänger Armin hatte ich gar nicht erkannt, als ich ihn wegen seines blauweißen Brasilien-Trikots neben mir auf dem Klo scherzhaft mit „Schalke!“ oder so anlallte… Ich war überrascht, wie frisch die Herren im mittlerweile etwas fortgeschrittenen Alter (noch? wieder? erstmals?) klingen, zudem bekamen sie einen perfekten P.A.-Sound spendiert. Die Düsseldorfer spielten wirklich all ihre Hits – „Die Weber“, „Neue Rituale“, „So lang dabei“, „Zu spät“, „Nacht“ und wie sie alle heißen – und was mir davon geläufig war, sang ich begeistert mit. Während ich ausgelassen vor der Bühne herumsprang, bekamen erst ich und schließlich auch andere des fröhlichen Pogomobs das Mikro zum Mitsingen einzelner Textzeilen hingehalten, Publikum und Band waren schnell aufeinander eingegroovt und interagierten bestens miteinander. Die Ohrwurmmelodien der SCHAFE erstrahlten gegenüber manch alter Plattenaufnahme in vollem Glanz und wurden von einem supertighten Drummer mit so kräftigem Punch versehen, als sei jeder Schlag eine unmissverständliche Einladung zur grobmotorischen Expression. Ohne Zugabe wurde die Band nicht aus dem Viertel gelassen. Großartiger Gig, punk as fuck, Band in Höchstform, euphorisches Publikum – so muss dat. Wenn die irgendwo in der Gegend spielen: Hin da!

Vermutlich waren am ersten Festivalabend ein paar Besucherinnen und Besucher mehr da und pflegten nun ihren Kater, andererseits haben ja gerade fast alle Veranstalterinnen und Veranstalter mit einem gemessen an präpandemischen Zeiten deutlich zurückhaltenderen Publikum zu kämpfen. Ich vermute jedenfalls stark, dass vor ein paar Jahren noch wesentlich mehr Leute einem Abend wie diesem beigewohnt hätten. Der gelungenen Geburtstagsparty tat dies jedoch keinen Abbruch. Glückwunsch an Beyond Borders zum Achtjährigen!

30.06.-02.07.2022, Göteborg, Schweden: FRAGILE MOUNTAIN PUNK FESTIVAL

„Fraggles, das sind wir…“

Unser neuer Bassist Holler hat ‘ne Schweden-Connection und konnte für uns eintüten, dass wir auf dem ersten FRAGILE MOUNTAIN (Schwedisch für „Fraggle Rock“) spielen. Somit sollte unser erster Gig seit 7“-Veröffentlichung, Pandemie und Umbesetzung (Drummer Dr. Tentakel ging in Punkrockrente und übergab die Sticks an Eisenkarl, den Bass übernimmt seitdem Holler) direkt auf einem ausländischen Open Air stattfinden – zudem unser erster Auslandsgig überhaupt. Dadurch hatten wir ein Ziel vor Augen, auf das sich hinzuproben lohnte. Außerdem ging es um eine gute Sache: Die Göteburger Punkszene, organisiert als „GBG Punkpöbel“, wollte übers Festival Geld zusammenbekommen, um einen Ort für Punks und Ähnlichgesinnte finanzieren zu können. Ursprünglich waren wir für den Samstag vorgesehen, was mir gut gepasst hätte. Das änderte sich irgendwann, wir sollten Freitag spielen – was mich vor ein Problem stellte. Den ersten Arbeitstag eines Monats kann ich mir normalerweise nur freinehmen, wenn ich dessen Arbeit komplett am vorherigen Tag erledige. Den Ersten und den Tag davor freinehmen geht hingegen gar nicht. Das bedeutete: Donnerstag durchziehen und um 18:00 Uhr direkt nach der Maloche los Richtung Schweden. Unsere Spielzeit war auch immer weiter nach vorn gerückt, mittlerweile hieß es 14:40 Uhr. Der Plan war, bis nach Frederikshaven in Dänemark das Pedal durchzutreten und um 00:15 Uhr die Fähre nach Göteborg zu nehmen, um dort um 3:30 Uhr anzukommen und noch ein paar Stunden Schlaf vorm Auftritt zu kriegen.

Unsere Reisegruppe war illuster: Helldriver T-Check hatte seinen Neunsitzer gesattelt und Holler war schon ‘nen Tag früher abgereist, sodass neben uns übrigen drei Motherfuckern und meiner Liebsten noch weitere Freundinnen und Freunde des erlebnisorientierten Tourismus mitfahren konnten, darunter DK von Erroristic Subculture, der seinen Merchstand dabeihatte, und der für unseren eigentlichen Mercher Dr. Tentakel (leider gesundheitlich verhindert) eingesprungene Carlo, ebenfalls mit gut gefülltem Bauchladen. Britta und Shirin komplettierten die Entourage. Zig Paletten billiges Dosenbier warteten zudem im Kofferraum auf ihre Verköstigung (auf dem Festival herrschte Glasflaschenverbot). Ich kam als Letzter am Treffpunkt an, betrat den Wagen – und das Chaos nahm seinen Lauf.

„…tonnenweise Dosenbier…“

Aufgrund eines Missverständnisses schlug unser Fahrer den Weg zu einer falschen Fähre ein, was er sogar noch irgendwie gesagt hatte, ich als schlechtester Beifahrer der Welt aber gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Bei mir klingelte ohnehin nichts, weil sich Holler um die ganze Planung gekümmert und somit auch unsere Fähre gebucht hatte. Ich hatte zwar die Buchung ausgedruckt dabei, hätte aber nicht ohne abzulesen sagen können, von wo genau unsere Fähre überhaupt ablegen sollte. Relativ frühzeitig fiel das zwar auf und T-Check aktualisierte den Navi – doch, fuck:  Auch wenn wir von vornherein richtig gefahren wären, hätten wir’s zeitlich höchstens gerade so, mit Ach und Krach, rechtzeitig zur Fähre schaffen können. Das war uns Experten gar nicht so bewusst gewesen. Ohne viel Federlesens fasste T-Check den kühnen Entschluss, Fähre Fähre sein zu lassen und über die Brücke auf dem Landweg nach Göteborg zu heizen. Ein Mann, ein Wort. Ich durfte nun auch so viel trinken, wie ich wollte, da der Zeitplan ohnehin über den Haufen geworfen war. Das musste ich auch, allein schon, um die Vorstellung erträglicher zu machen, entweder während der Fahrt zu pennen zu müssen oder kaum noch Schlaf vorm Gig zu finden.

Foto: Kai

Dabei nicht bedacht hatte er allerdings, dass meine Ankündigung, beim Biergenuss ständig pinkeln zu müssen, keinesfalls übertrieben war. So hielten wir auf jedem zweiten Parkplatz, wobei jedes Mal die Dosen aus der Beifahrertür klöterten wie anno dazumal auf dem Weg zum Force Attack oder in seligen Prä-Dosenpfand-Zeiten. Trotzdem durfte ich den DJ machen und lieferte somit den Soundtrack zu dieser Tour de force. Mein Vorsatz, mich nicht schon auf der Hinfahrt zu betrinken, relativierte sich mit jeder getrunkenen Dosenplörre. Dann fiel auch noch der fünfte Gang aus, was uns langsamer zu fahren zwang. Später verabschiedete sich auch der Rückwärtsgang. Am Grenzübergang zu Schweden fragten die Beamt(inn)en, wat wir fürn Haufen seien, woraufhin unser Tross mit „a band“ antwortete. „Which band?“ entgegneten sie, worauf ich ihnen unseren Bandnamen entgegengelallt haben soll, was offenbar für einiges Amüsement sorgte. Kurz vor Ankunft auf dem auf einem Berg gelegenen Gelände (eine zugeschüttete ehemalige allwissende Müllhalde?) am Rande eines Industriegebiets pennte ich ein, kurz vor 7:00 Uhr morgens kamen wir endlich an. Mein erstes Mal in Schweden! Was würde mich erwarten? Ein Festival voller Pippi Langstrumpfs und Michels, die Kinder von Bullerbü als Festival-Crew? Äh, nein. In Empfang nahm uns einer der Ordner, der ausschließlich schlechte Nachrichten für uns hatte. Der Wind hatte das geplante Merch-Zelt zerstört und – Zusammenhang? Unklar. – wir könnten mit dem Wagen dort nicht so stehen bleiben, und sowieso und überhaupt.  Übermüdet und ein bisschen angenervt von allem winkte unser Fahrer ab, zumal wir aufgrund des fehlenden Rückwärtsgangs ohnehin nicht mehr hätten zurücksetzen können. Außerdem stand die Karre doch verdammt gut, so, wie sie stand: in der Backstage-Parkzone am Rand, direkt am Zaun. Also Holler begrüßt, geholfen, das Zelt zum Zeltplatz zu wuchten und dann Google Maps angeschmissen, um den Weg zum 1,7 Kilometer entfernten AirBnB-Zimmer zu finden, das Flo und ich als notorische Camping-Hasser gebucht hatten. Zähneputzen, pipimachen und ab in die Koje.

Menschenzoo

Foto: Kai

Nach wenigen Stündchen Schlaf schreckte mich ein Scherzanruf meiner campenden Bandkollegen auf; nach der zweiten kurzen Pennrunde weckte meine wesentlich bessere Hälfte mich mit Frühstück und nahm mir meine übliche Sorge, durch den Rausch sämtliche Songtexte von der Festplatte gelöscht zu haben. Um 14:00 Uhr sollten wir uns backstage an der Bühne einfinden. Bei brütender Sonne machten wir uns rechtzeitig auf den Weg, ließen das Eingangsprozedere inkl. Filzen und Bändchenkriegen über uns ergehen und verloren ein paar Minuten, weil es dem Gatekeeper nicht reichte, dass Flo ihre Eintrittskarte vorzeigte. Er wollte auch noch die Zahlungsbestätigung sehen, die sie daraufhin umständlich aus ihrem Smartfon heraussuchen musste. Eilig fragte ich mich dann durch, wo ich langmüsse, und traf schließlich auf den Rest. Der hatte sich vorher an der kleinen Bühne versammelt, war von dort aber zur großen geschickt worden. Na, kiek an. Für den Fall meines Nichterscheinens hatte man sich offenbar bereits ernsthafte Gedanken gemacht, wie man die Show gestalten würde…

Die Bands spielten jeweils abwechselnd auf beiden Bühnen, Überschneidungen wurden so vermieden. Seit 13:00 Uhr war der Livebetrieb schon im Gange, tags zuvor hatten schon 23 Bands gezockt. VAROITUS bauten gerade ab und machten die Bühne frei für uns, ich musste erst mal dringend Bier ranschaffen. Auf dem Gelände wurde mit Lebensmittelmarken gearbeitet, jedes Bandmitglied hatte fünf Bier/Cider- und fünf Essensmarken (die für eine Mahlzeit reichten) erhalten. Verabreicht wurde Dosenbier der Sorte „Ey‘ Bro“ mit 5,0 Umdrehungen, in Schweden „Starköl“ genannt. Ich holte für die ganze Mannschaft und bat den „Schankwirt“, die Dinger erst mal geschlossen zu lassen. Das dürfe er nicht, antwortete er, denn dann sei das wie ein Verkauf; er dürfe aber nur ausschenken. Waren wir hier auf dem Fragile Mountain oder auf dem Gipfel der Korinthenkackerei? Schweden und seine Alkoholgesetze – da kannste dir nur an‘ Kopp packen…

Zum Lockerwerden schüttete ich mir das Zeug in den Hals. Schmeckte gar nicht schlecht, verursachte aber – vermutlich katerbedingt – einen latenten, aber schwer zu ignorierenden Kotzreiz bei mir, der sich glücklicherweise ohne Eskalation nach und nach langsam legte. Beim Aufbau und Soundcheck entpuppte sich der Soundmensch als Frankfurter Bub, mit dem wir auf Deutsch sabbeln konnten. Das ging alles reibungslos vonstatten und selten hatte ich einen solch guten Monitorsound auf einer Bühne. Unsere Live-Premiere in dieser Besetzung klappte dann auch beinahe wie am Schnürchen. Ich begrüßte das Fragile-Mountain-Festival und stellte uns als Disillusioned Motherdoozers vor, woraufhin wir uns durch ein Zwölf-Song-Set wüteten und als Zugabe den eigens fürs schwedische Publikum einstudierten PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Hit „ACAB“ brachten. Die Mittagssonne bretzelte kräftig, eine frische Brise ließ sie uns etwas weniger spüren. Gegen Set-Ende spürte ich konditionell trotzdem die mangelnde Live-Erfahrung der letzten Jahre. Kurioserweise fiel, wann immer ich auf der Bühne sprang, die Stromversorgung von Hollers Bass kurz aus, was Eisenkarl am Schlagzeug etwas irritierte. Und so schnell und vor allem ohne Luft zu holen, wie Snorre einst „ACAB“ sang, werde ich’s wohl nie hinbekommen. Dafür sang ein nur mit Badehose bekleideter Besucher in der ersten Reihe den Refrain lauthals mit. Der P.A.-Sound muss sehr wuchtig, klar und differenziert geklungen haben, denn das tat er bei allen nachfolgenden Bands und wurde vom einen oder anderen Gast als ungewöhnlich „professionell“ empfunden. Das glaube ich gern.

Jenes Publikum übrigens hatte sich lediglich in ein paar versprengten Grüppchen vor der Bühne eingefunden. Neben unserer mangelnden Popularität ist der Grund dafür, dass – absurde schwedische Alkoholauflagen, die Zweite – kein Bier vor die Bühnen mitgenommen werden darf. Um’s für die Gäste dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hat die Festivalleitung den Verzehrbereich genau in der Mitte zwischen beiden Bühnen eingerichtet, wo der Großteil der Besucherinnen und Besucher sich die meiste Zeit aufhielt, trank und den Bands lauschte oder miteinander plauschte. Jener Bereich war mit Gitterzäunen abgetrennt, sodass ein Trinkerinnen- und Trinkerkäfig entstanden war, im Prinzip eine Art Menschenzoo. Wäre mir das vor unserem Auftritt bewusst gewesen, hätte ich die Ansage zu unserem gleichnamigen Song entsprechend angepasst. Bei jedem Betreten oder Verlassen des Käfigs fanden Taschenkontrollen statt, uniformierte Möchtegernbullen vom Ordnungsamt überwachten permanent die Schose und sorgten für ein Gefühl permanenter staatlicher Überwachung. Fuck you, Sweden!

Direkt nach uns spielten auf der kleinen Bühne die latino-berlinerischen DØZIX, von denen ich aber während unseres Abbaus leider nichts so recht mitbekommen habe. Auf der großen beerbten uns REBUKE, die auf diesem Härtnersound-lastigen Festival (uns hatte man wohlgemerkt als punkrockige Auflockerung zwischen all den Crusties eingeladen!) mit flott gespieltem Skatepunk überraschten. Aus Göteborg stammend, hatte man eine kurze Anreise, aber trotzdem die Hi-Hat-Becken vergessen. Eisenkalle half aus und wurde wie ich vom Käfig aus Augen- und Ohrenzeuge eines technisch versierten Gigs mit eingängigen Songs, die zugleich zum Soundtrack meiner Orientierung auf dem Gelände wurden. Aus der Not mit dem zerstörten Merchzelt war eine Tugend gemacht worden; Carlo und DK hatten einen schicken Stand in einer der Ecken des Käfigs aufbauen können, wo er zum echten Hingucker und für unsere Reisegruppe zum Ankerpunkt wurde, um den herum man sich gern versammelte. Das Geschäft lief zudem recht gut und zu beobachten, wie sich Festivalbesucher(innen) mit geilem Scheiß wie z.B. David-Hasselhoff-Buttons eindeckten, machte Spaß. Da war eigentlich ständig was los. Das Publikum war gut gemischt, neben den üblichen Crusties und Iroträgern waren erfreulich viele junge Leute zugegen (einer ließ sich von seiner Mutter eine DOOM-LP kaufen) und nie zuvor habe ich so viele sich offen als nonbinär, also sich der männlich/weiblich-Kategorisierung entziehend, zu erkennen gebende Personen auf einem Punk-Festival gesehen. Wieder andere trugen Black-Metal-Corpsepaint. Generell waren hier gefühlt mehr Black-Metal-Shirts und -Aufnäher als auf ähnlichen Veranstaltungen hierzulande zu sehen. Allgegenwärtig natürlich auch ANTI-CIMEX-Merch an den Körpern. Aber auch auffallend viele Borderlinerinnen und Borderliner waren anhand ihrer Ritznarben auszumachen…

Im direkten Anschluss an REBUKE begab ich mich dann erstmals vor eine Bühne, um mir eine Band etwas fokussierter anzusehen. Meine Aufmerksamkeit geweckt hatten UZI, die einen erfrischenden, mitreißenden Hardcore-Punk-Sound fabrizierten. Die dauerlächelnde Sängerin schien jede Sekunde auf der Bühne mehr als alles andere zu genießen, vor der Bühne war mittlerweile ordentlich was los und der rauere Klang der kleinen Bühne passte perfekt zum Sound der jungen kolumbianischen Band, die bei Bandcamp ein wirklich geiles Album platziert hat. Nach POLIKARPA Y SUS VICIOSAS, die ich gerade auf dem Gaußfest gesehen hatte (und die am nächsten Tag auch hier spielen sollten), also die zweite sehr hörenswerte kolumbianische Combo innerhalb weniger Tage für mich. Zurück im Käfig war’s das dann aber erst mal mit den Bands, denn nun frönte ich dem, was auf Festivals meist genauso viel Spaß macht: dem Begrüßen und Kennenlernen anderer Leute, in meinem Falle in erster Linie anderer Hamburger, die indes schon seit Donnerstag hier waren und sich bereits mit dem halben Publikum angefreundet zu haben schienen. Eine Bier- oder auch mal Cider-Kanne nach der anderen gaben sich die Klinke in die Hand, bis der erste Hamburger auf den Zeltplatz verwiesen wurde, weil er angeblich zu betrunken gewesen sei – was dieser jedoch anstandslos hinnahm. Fuck you, Sweden!

Die musikalische Untermalung der Sause hielt sich in Sachen Krach versus nachvollziehbare Songstrukturen derweil grob die Waage. Die Powerviolencer TJUVKOPPLA fielen mir zumindest an ihrem Merchstand noch mit ihrer genialen Persiflage des ikonischen „Sin egen motståndare“-LP-Covers der schwedischen Band TOTALITÄR (wieso spielten die eigentlich nicht?) auf:

Überhaupt bauten viele Bands ihre Merchstände im Käfig für ein paar Stündchen auf. In Sachen Liveprogramm hellhörig wurde ich noch mal, als eine Reihe Meerjungfrauen auf die große Bühne geschwommen kam und ziemlich krachiges Zeug ablieferte, aber immerhin ein echter Hingucker war. Keine Ahnung, wer das war, aber die Fotos belegen, dass es sich um keine alkohol- oder sonnenstichinduzierte Fata Morgana handelte. Am späten Abend kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein lilafarbener Edding und jemand aus unserer Reisegruppe beteiligt waren und der eigentlich bereits geklärt war, als sich jemand Unbeteiligtes aufspielte und der Rauswurf unseres Freunds die Folge war. Dieser nahm’s jedoch leicht und ging einfach unerkannt wieder rein. Kurz Wogen glätten und gut war’s. Gegen Mitternacht dürfte es gewesen sein, als Flo und mich die Müdigkeit übermannte und wir uns in unser Zimmer zurückzogen. Kai und Eisenkarl hatten sich bereits am späten Nachmittag abgelegt, hatten die Nacht zuvor ja auch fast durchmachen müssen.

The Nightmare Continues

Foto: Kai

Nach einer geruhsamen Nacht, einer erquickenden Dusche und einem stärkenden Frühstück trafen wir unsere Leute beim Mittagsbierchen auf dem Zeltplatz wieder. Eigentlich fand ich es ein bisschen schade, die englischen Anarcho-Pioniere DISORDER verpasst zu haben, erfuhr dann jedoch, dass diese vor dem Kampf mit der Brexit-Bürokratie hatten kapitulieren müssen und somit ausgefallen waren. Fuck you, Boris Johnson! Das „Ey‘ Bro“-Bier war bereits am Vortag ausgegangen und durch „Pripps Blå“ ersetzt worden, das etwas beliebiger schmeckte. BLEACHDRINKER aus Stockholm prügelten einem mit derbem Powerviolence-Geschrote den Schlaf aus den Ohren, der Sänger machte in Sport-BH und Turnhose Frühsport an der Lichttraverse. Die Running Order war an diesem Tag kräftig durchgeschüttelt worden, sodass RAWHEADS aus Stockholm, die eigentlich eröffnen sollten, nun die große Bühne beehrten. Das Trio lenkte meine Aufmerksamkeit mit englischsprachigem HC-Punk/D-Beat-Geprügel, giftigem weiblichen Gesang und einem gewissen Hang zur für diese Musik ungewöhnlichen Eingängigkeit auf sich. Der Drummer goss das auffallend tighte Fundament dieser jungen Band, die mit ihrem Set aber schon wieder durch war, als ich mein Bier ausgetrunken hatte. Anschließend lauschte ich noch kurz bei FIRST IN LINE aus Linköping rein, einer älteren Hardcore-Band. Ich schoss zwar ein paar Fotos, kann mich an den Gig aber ansonsten leider nicht mehr erinnern. Gut möglich, dass es eine der Bands war, die so abartig laut waren, dass es ohne Gehörschutz kaum auszuhalten war und sich tatsächlich der eine oder andere Zuschauer relativ weit hinten positionierte und sich die Ohren zuhielt.

Mit SLÖA KNIVAR folgte tatsächlich mal ‘ne Band, die ich schon kannte – mit meiner anderen Band BOLANOW BRAWL hatten wir mit ihr 2014 mal zusammen in Kiel gespielt. Dort hatte mich die HC-Punk-Combo aus Malmö sehr beeindruckt, weshalb ich auf diesen Gig sehr gespannt war. Zunächst stach ins Auge, dass Sängerin Patricia offenbar einen Image- oder Stilwandel vollzogen hat: Betrat sie in Kiel noch höchst aufgestrapst die Bühne und sparte nicht mit artistischen und akrobatischen Einlagen, machte sie nun mit kurzen Haaren, weitem BODY-COUNT-Shirt und langer Hose einen eher burschikosen Eindruck und beschränkte sich in Sachen Sport auf wenige Moves. Eine ihrer Ansagen übersetzte mir meine des Schwedischen mächtige Freundin: Sie entschuldigte sich für irgendwelchen Ärger, der hinter den Kulissen geschehen sein muss, und begründete diesen mit ihrer mangelhaften Impulskontrolle. Unverändert aber blieb die Musik: Großartiger Hardcore-Punk mit sehr charakteristischem, rotzigem Gesang und überwiegend schwedischen Texten. Am stärksten stach der überaus eingängige Singalong „Depression“ heraus, der von den vorderen Reihen begeistert mitgesungen wurde und sich als veritabler Ohrwurm entpuppte. Zumindest die zweite Songhälfte versuchte ich per Video festzuhalten, versagte dabei aber kläglich, indem ich auf eine falsche Taste tatschte, sodass selbst diese Hälfte nun zweigeteilt ist:

Sei’s drum, SLÖA KNIVAR waren eines meiner Festival-Highlights und hätten hierzulande deutlich mehr Popularität verdient. Fanzinerinnen und Fanziner, knöpft euch diese Band mal vor! Sängerin Patricia ist darüber hinaus auch bei BEYOND PINK aktiv und war im schwedischen Big-Brother-Haus. Wenn das keine Anknüpfpunkte für spannende Interviews sind, weiß ich auch nicht…

Die nächsten Bands ließ ich weitestgehend an mir vorüberziehen und mich dazu überreden, mich an einem Festival-Fanzine-Projekt zu beteiligen, indem ich eine Seite mit meinen Gedanken zum Festival handschriftlich vollklierte. Die Stockholmer Grinder GOD MOTHER erregten immerhin mit den Bühnen- und Zaunklettereinlagen ihres Shouters für Aufsehen – bis eine schwedische Legende im Billing von 1:30 auf 18:10 Uhr wegen des NUKKE-Ausfalls vorgerückt war und an die kleine Bühne lockte: ASOCIAL hatten in den 1980ern ein paar Tapes und Siebenzöller veröffentlicht und sich irgendwann sang- und klanglos aufgelöst. Seit 2017 sind sie zurück und holen nach, was sie damals versäumten: Alben aufnehmen! Drei Stück mit derbstem D-Beat/Crust-Gemetzel in schwedischer Sprache sind seitdem erschienen. Die meisten Songs werden in rund zwei Minuten durchgepeitscht und keine Gefangenen gemacht. Live präsentierten sich die in aller Punkwürde gealterten Herren topfit und angriffslustig. Der kehlig-heiser brüllende Shouter erweiterte den auf der kleinen Bühne ohnehin schon krachigen Bandsound bewusst um Noise-Elemente, indem er Monitorbox-Rückkopplungen mit seinem Mikro erzeugte. It’s not a bug, it’s a feature. Der permanente ASOCIAL-Aggrosound knallte einem endgültig die Synapsen durch – und Kai + DK wurden erstmals beim gemeinsamen Pogo gesichtet.

Eigentlich hätte ich mich nun gern mit etwas BEACH BOYS o. ä. erholt, doch das Fragile Mountain kannte keine Gnade und schickte FREDAG DEN 13:E aus Göteborg ins Rennen. Neo-Crust, also Crust mit bischn (düsterer) Melodie, gab’s nun auf die Omme. Beim Shouter wächst das Haupthaar unten am Kopf statt oben, was zu einem imposanten Rauschebart führte. Auch wenn ich mich nicht wieder vor die Bühne begab, sondern im Käfig dem Biergenuss frönte, empfand ich die Performance als angenehm und atmosphärisch, vor allem auch passend zu den Wetterverhältnissen. Die Sonne verschwand immer öfter hinter dicken Wolken und der Wind blies immer eisiger, sodass es mir mit T-Shirt und Kutte langsam zu kalt wurde. Der Soundtrack dazu kam von der Bühne. Die Band hat mehrere Alben draußen; wer auf diesen Sound steht, sollte die mal anchecken. Kai trieb sein Unwesen wieder vor der Bühne und schwang die morschen Knochen. Im Mob glaubte er, DK wiederentdeckt zu haben, nahm ihn liebevoll in den Schwitzkosten und rubbelte ihm die Fingerknöchel über die Glatze – um dann festzustellen, dass er jemand ganz anderes in der Mangel hatte und dieser entsprechend irritiert dreinblickte. „Irrtum“, sprach der Hahn und stieg von der Ente. Kai hatte übrigens in all seiner Altersweisheit seine EC-Karte zu Hause gelassen. Zum Kauf von Verzehrmarken gab er mir deshalb Bargeld in Euro, damit ich ihm für den jeweiligen Betrag in schwedischen Kronen einige per Zahlung mit meiner Karte besorgte (in Schweden wird alles mit Karte gezahlt, da brauchste kein Geld im Vorfeld wechseln). Gespräch am Nachmittag des Vortags: „Wie viele Biermarken willste denn? Mit fünf kommste nich‘ weit.“ – „Denn mach ma‘ zehn.“ Gesagt, getan. Offenbar hatte er sich im direkten Anschluss pennen gelegt, denn am nächsten Tag konnte er sich daran gar nicht mehr erinnern und wunderte sich über die zehn Biermarken in seinem Besitz…

Der Saufkäfig war mittlerweile prallgefüllt, speziell für diesen hochkarätig besetzten Samstag schien noch einmal wesentlich mehr Publikum gekommen zu sein. Der Soundcheck einiger älterer Herren auf der kleinen Bühne hatte mich neugierig gemacht, also ausgetrunken und hin da, denn THE BRISTLES, weitere schwedische Punk-Pioniere von Beginn der ‘80er, bliesen zum Angriff auf die Gehörgänge. Ihr bewusst rau und ungehobelt gehaltener, schnell gespielter Punkrock mit UK-’82- und Oi!-Punk-Einflüssen sowie englischen Texten bot einen schönen Kontrast zu FREDAG DEN 13:E und zündete sofort. Entsprechend wurde die Band gefeiert. Schönes Ding, wenn mir auch anschließend gut die Ohren klingelten…

Noch während ich am nächsten Bierchen nippte, drangen überraschend ungewöhnliche Klänge an mein Ohr: Die belgischen COCAINE PISS mit garagigem Sound und überdreht klingender Sängerin, mal fast mit Pop-Appeal, dann wieder sperriger oder aggressiver, hysterischer, kaputter. Die Texte englisch, gern wie z. B. in „Fuck This Shit“ aufs Wesentliche beschränkt, die Songs kurz bis ultrakurz. Bei Wind und etwas P.A.-Hall/-Reverb hallte die durchdringende Stimme der Sängerin übers ganze Feld, sodass sich immer mehr Neugierige vor der Bühne versammelten. Lange hielt es die Sängerin nicht auf ihr, dank des extralangen Mikrokabels konnte sie Ausflüge ins Publikum (und über es hinaus) unternehmen und sich im Gras wälzen. Sehr eigenständiges und ebenso unterhaltsames Zeug.

Die nächsten Bands bekam ich nicht so recht mit; Flo und ich beschlossen kurzerhand, kurz zurück zur Bude zu gehen, damit ich auf der Keramik thronen und wir uns etwas Wärmeres überziehen konnten, um DISCHARGE später ohne Zähneklappern genießen zu können. Als wir zurückkamen, war Holler zur Gelbweste geworden und begrüßte uns am zweiten Einlass. Er hatte eine Schicht innerhalb der Fragile-Mountain-Crew übernommen, weil der langsam das Personal ausging. Und er hatte Hiobsbotschaften für uns parat: In der kurzen Zeit, in der wir weg waren, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Jemand aus unserer Reisegruppe hatte im Brausebrand begonnen, die Ordnungsamt-Leute zu necken, welche wiederum keinerlei Spaß verstanden und ihn gleich hinauswarfen. Er kam zurück und sorgte damit offenbar für helle Aufregung, denn nun hatte es die unheilige Dreifaltigkeit aus Ordnungsamt, dem Fragile-Mountain-Crew-Typen, der uns Freitagmorgen in Empfang genommen hatte (und schon die ganze Zeit ein kritisches Auge auf uns zu werfen schien), und den nun erstmals auftauchenden Bullen (!) auf ihn abgesehen – und nicht nur auf ihn, denn plötzlich wurde jemand anderer unserer Gruppe in den Bullenwagen gezerrt. Er erkannte jedoch den Ernst der Lage, blieb ruhig und durfte schließlich wieder gehen. Eine Verwechslung, wie sich später herausstellen sollte. Beide „Delinquenten“ blieben anschließend am bzw. im Zelt, doch zuvor hatte es manch böses Wort zwischen Teilen unserer Gruppe und dem Crew-Mitglied gegeben. Die Folge: Köln-Kalk-, Quatsch, Fragile-Mountain-Verbot und ein wohl endgültig zerschnittenes Tuch zwischen uns und diesem einen Crew-Mitglied. Das wäre sicherlich vermeidbar gewesen, andererseits wird hier offenbar für alles, was in Hamburg eher noch weggelächelt oder deeskaliert würde, gleich ein Fass aufgemacht. Flo und ich hatten das alles jedenfalls verpasst und hörten nun den BRÜNNER TODESMARSCH aus dem tschechischen Brünn dreckig und böse von der kleinen Bühne crustlärmen. Die ebenfalls aus Tschechien stammenden INTERPUNKCE dürften ebendort im direkten Anschluss – erstmals wechselte man sich nicht mit der großen Bühne ab – den Geschwindigkeitsrekord des Festivals aufgestellt haben. „Really fast and crazy hardcore/punk/crust“, hieß es auf der Fragile-Mountain-Website und traf es auf den Punkt.

Nun also der Festival-Headliner, die legendären DISCHARGE, jene Briten, die den D-Beat und damit ein ganzes Subgenre erschufen bzw. zahlreiche Epigonen auf den Plan riefen – und die ich – unfassbar! – bisher kein einziges Mal live gesehen hatte. Die Urväter punkiger Soundtracks zum Untergang. Seit 2014 ist BROKEN-BONES-Sänger JJ auch der DISCHARGE-Sänger, die Band erhält seither wieder überwiegend positive Kritiken, sowohl für aktuelles Material als auch für ihre Liveshows. Der Grund dafür wurde hier deutlich: Eine bestens eingespielte, topfitte Band mit drahtigem, hungrigem Sänger, der sich ideal einfügt. JJ führte mehr als souverän durch ein Best-of-Set, der Sound war zudem perfekt (gar zu perfekt, wie der eine oder andere bekrittelte) und die Stimmung im Publikum gut, wenngleich sich bei manchem – Blog-Chronisten nicht ausgenommen… – ein paar Ermüdungserscheinungen einzustellen schienen. Bei manch Clubgig mit nur einer oder zwei Vorbands geht’s sicherlich noch mal ganz anders zu. Gitarrist Tezz nannte „Ain’t No Feeble Bastard“ einen seiner Favoriten, „Never Again“ wurde aus etlichen heiseren Kehlen mitgesungen und für den letzten Song (Welcher war das? Ich weiß es nicht mehr.) bat man einen befreundeten Gastsänger auf die Bühne. Ich weiß nicht genau, wie lange DISCHARGE spielten, aber von mir aus hätte es gern noch ‘ne halbe Stunde länger sein dürfen. Zugabe-Rufe verhallten leider ungehört – vielleicht, weil diese auf Schwedisch waren… Besagter Gastsänger flog später, wie wir am nächsten Morgen von Holler erfuhren, übrigens auch noch raus. Unsere Freunde schienen also in bester Gesellschaft zu sein 😀

Don’t Pay The Ferryman

Foto: Kai

Die paar weiteren Bands, die noch folgte, u. a. LOWEST CREATURE, auf die ich eigentlich Bock gehabt hätte, sparten wir uns und begaben uns stehend k.o. und vom ungemütlichen Wetter geschafft nach einem letzten Absackerbierchen in die Koje, um am nächsten Morgen pünktlich wie die Maurer um 9:00 Uhr mit gepackten Taschen am Zeltplatz einzutreffen. Als auch der Letzte aus seinem Schlafsack gekrochen gekommen war, wurde abgebaut und gehofft, dass das Auto noch anspringen würde. Das tat es, also rein mit dem ganzen Plunder inklusive uns und zeitig genug Richtung Fähre aufgebrochen, die wir diesmal – obwohl wir, wie uns die Dame am Check-in mitteilte, für die Größe des Vehikels eigentlich die falschen Tickets gebucht hatten – auch bekamen. Dort fläzten wir uns chillig in den Restaurantbereich, aßen, tranken, die ersten griffen schon wieder zum Bier, andere holten noch etwas Schlaf nach. Die über dreistündige Überfahrt verlief zwischenfallfrei und anschließend brachte uns Helldriver T-Check alle, fiesen Wolkenbrüchen und Aquaplaning zum Trotz, sicher von Frederikshaven zurück nach Hamburg. Manch einer verging sich dabei am noch immer in rauen Mengen vorhandenen Dosenbier und obwohl ich gar nicht mittrank, wurde ich für jede Pinkelpause verantwortlich gemacht: „Halt mal an, Günni muss pissen!“ wurde zum Running Gag…

Das war also das erste größere Abenteuer dieses Sommers. Eine sehr gewöhnungsbedürfte Veranstaltung, aufgrund der Gesetzeslage aber anscheinend in Schweden so üblich. Das barg Konfliktpotential. Hatte man sich erst einmal damit abgefunden und sich auf das Konzept mit dem Käfig zwischen beiden Bühnen eingegroovt, konnte man eine Menge interessanter Bands in unheimlich geballter Form erleben und nicht zuletzt einen guten Überblick über die aktuelle schwedische Härtnerpunk-Subszene erlangen. Sich mehr als die Hälfte halbwegs konzentriert reinzuziehen, dürfte aber kaum jemand geschafft und jegliche Aufmerksamkeitsspanne überstrapaziert haben. Wasserklosets gab’s keine, dafür war das seitanbasierte Essen ok und die Getränkepreise mit knapp 3,- EUR für 0,33 l Bier oder Cider moderater, als ich es von Schweden erwartet hatte. Auf einer liebevoll gestalteten, zweisprachigen Webpräsenz wurden sämtliche Bands vorgestellt und verlinkt, was sich insbesondere im Nachhinein bei der Festivalreflektion als angenehmer Service erwies.

Foto: Christoph

An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an den GBG Punkpöbel für die Einladung sowie an alle, die uns unterstützt haben, allen voran Helldriver T-Check mit seiner schier unfassbaren Ausdauer und Geduld auf der Hinfahrt, an Carlo und DK für die Merch-Offensive, an Flo für die Fotos unseres Gigs sowie alle Mitglieder unserer Reisegruppe für die überwiegend geile Zeit! Respekt an die GBG-Punks, dieses Festival allen Widrigkeiten zum Trotz gestemmt zu haben! Die Regel bestätigenden Ausnahmen sind weiter oben beschrieben. Ins Knie ficken sollen sich hingegen die schwedischen Alkoholgesetze und Festivalauflagen bzw. diejenigen, die sie zu verantworten haben. Was für ein idiotischer Kasperkram, insbesondere angesichts des Umstands, dass die Regierung die Bevölkerung in Sachen Covid-19-Schutz weitestgehend auf sich allein gestellt ließ. Während man dabei an die Eigenverantwortung mündiger Bürgerinnen und Bürger appellierte, spricht man sie ihnen in Bezug auf Alkohol ab. Das passt alles nicht so recht zusammen…

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