Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 19 of 38)

15.08.2015, Balduintreppe, Hamburg: Elbdisharmonie-Soli-Festival

elbdisharmonie 2015Seit Jahren eine feste Hamburger Institution und Sommer-Attraktion ist das Elbdisharmonie-Soli-Festival, das umsonst und draußen auf den Balduintreppen an der Hafenstraße stattfindet. Die Stufen zwischen den Punk-Kneipen Onkel Otto und Ahoi dienen dann jeweils als Zuschauerränge und bieten optimalen Blick auf die Bühne, die sich unten neben dem Ahoi befindet. Leicht verkatert vom Vortag, an dem wir (DMF) einen Gig auf dem Rondenbarg gespielt hatten, trudelte ich nebst netter Begleitung pünktlich nach Abpfiff der Bundesliga-Konferenz ein – also viel zu spät, um die erste Band TAPE SHAPES zu sehen. Stattdessen waren LIFELINE gerade zugange, wie zu erwarten vor beachtlicher Kulisse. Der melodische, flotte Punkrock nach US-Manier lief mir prima rein und bot einen prima Soundtrack zum Open-Air-Bierchen. Die MESCAL OWLS im Anschluss weckten verstärkt mein Interesse, da sie während des Aufbaus verdächtig nach Rockabilly oder ähnlichem Oldestschool-Sound aussahen und tatsächlich: Die kredenzte Mischung aus ursprünglichem Rock’n’Roll, Garage und Surf inklusive herrlich übertrieben lauter und halliger Gitarre erwies sich als willkommene Abwechslung zu meinen vergangenen Konzertbesuchen und -aktivitäten und ließ mich kräftig applaudieren, während ich es mir bei für Hamburger Verhältnisse keinen Anlass zur Kritik bietendem Sommerwetter bequem gemacht hatte. Das war richtig gut, gern mehr davon! Die zu Hamburgs neuen Hoffnungsträgern in Sachen individuellem Punk mit gewissem politischem Anspruch zählenden KOUKOULOFORI hatte ich vor ein paar Monaten schon in der Villa Dunkelbunt gesehen, wo ich absolut positiv überrascht war. Auch heute ließen die abwechslungsreichen, gern mal ungewöhnlichen, jedoch nie zu sperrigen Songs aufhorchen, jedoch war der Sound (zumindest direkt vor der Bühne) nicht ganz optimal. Was genau, ist bereits meiner Erinnerung entfleucht, aber gerade die etwas wütenderen Songs kommen im Zusammenhang mit kurzen, prägnanten Ansagen ziemlich überzeugend, während es der Bassist vielleicht ein wenig übertrieb, als er das Publikum beinahe für dessen Anwesenheit kritisierte, weil zeitgleich die Demo für das von staatlicher Repression betroffene Koze-Wohnprojekt stattfand. Ich weiß natürlich, wie’s gemeint war, finde aber beides wichtig – immerhin dient das Elbdisharmonie-Festival ja auch einem guten Zweck und ist auf Gäste angewiesen. Trotzdem nicht verkehrt, auch mal darauf hinzuweisen, was sonst noch gerade in Hamburg abseits von Partymeilen und Fußball passiert. Den Anspruch des Festivals unterstrich auch dieses Jahr wieder Rapper SUH, der nicht nur moderierte, sondern zwischen den Gigs auch Rap-Einlagen zu diversen aktuellen Themen lieferte. Das sorgt immer mal wieder für verdutzte Gesichter, wenn der Sound aus der P.A. kommt, aber viele Blicke zur leeren Bühne gerichtet sind – bis man irgendwann schnallt, dass SUH mit Funkmikro von den Treppenstufen aus, also aus dem Publikum heraus, agiert. Bei der WILLY WANKER GROUP, die sich wenig puristisch „Ska-Rock-Funk-Metal“ auf die Fahne geschrieben hat, gönnte ich mir eine Auszeit, ging TIN CAN ARMY aus der Konserve im Onkel Otto hören und gesellte mich schließlich zu mittlerweile bis auf die Straße sitzenden Bekannten, wo man den mittlerweile lauen Sommerabend bei mehr oder weniger gehaltvollen Gesprächen und in freundschaftlicher, entspannter Atmosphäre genießen konnte. Rechtzeitig zum „Guerilla-Soul“ von JAMES & BLACK, die ich einst im Vorprogramm der SLACKERSim Hafenklang sah, gesellte ich mich wieder vor die Bühne, wo es mittlerweile so voll war, dass man sich fast gegenseitig auf die Füße trat. Kein Wunder, denn der Soul der alten Schule, den die Texaner zum Besten geben, ist ebenso hör- wie tanzbar, Sängerin Black brachte mit ihrem kraftvollen Organ manch Trommelfell zum Klingeln und dass außer James’ Orgel alle Sounds von einem DJ beigesteuert werden, tut dem dennoch sehr traditionell anmutenden Vergnügen keinen Abbruch. So wurde im Abenddunkel geschwoft, getanzt und gewankt und vor allem nicht nur seitens der Festivalleitung, sondern auch des Publikums viel musikalische Aufgeschlossenheit bewiesen, die anscheinend von rauem Punk bis zu ans Herz gehendem Soul reichte. Für mich bedeutete das sodann auch den Schlusspunkt des Festivals, der „Gypsy Swing“ von DANUBE’S BANKS ging ohne mich über die Bühne, stieß aber bestimmt ebenfalls auf viele offene Ohren – ebenso wie die Aftershow-Party im Ahoi.

Die Elbdisharmoniker hatten ein gutes Händchen bei der Bandauswahl und Glück mit dem Wetter. Gerade die zugleich kämpferische und entspannte Stimmung trug zusätzlich dazu bei, mir diesen verkatert begonnenen Samstag zu versüßen, die Organisation schien wieder top, die Getränkepreise waren fair wie immer, will sagen: das Gesamtambiente stimmte. Bleibt zu hoffen, dass es sich nicht nur fürs Publikum gelohnt hat und uns das Festival noch lange erhalten bleibt. Danke an alle, die den organisatorischen Aufwand auf sich nehmen und einmal jährlich so viel subversive Kultur auf die Treppen wuchten!

14.08.2015, Wagenplatz Rondenbarg, Hamburg: PROJEKT PULVERTOASTMANN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

disillusioned-motherfuckers-@wagenplatz-rondenbarg,-14.08.2015

Icke feierte seinen Geburtstag in der Platzkneipe und gab sich weltmännisch bescheiden, wünschte er sich doch lediglich einen Gig dieser beiden lokalen Bands. Zu essen gab’s frische Flammkuchen, zu trinken Bier und zu gucken Fußball, denn die Bundesliga-Saison wurde mit einer Liveübertragung des HSV-Kicks in Bayern eingeläutet. Auf meinen Wunsch hin schaltete man die Glotze ein und so konnte ich zusehen, wie sich schließlich der HSV einen nach dem anderen fing, während die Jungs zusammen mit Soundmann Norman in aller Ruhe den Aufbau vollzogen. Nach dem gemeinsamen Soundcheck wurde der Konzertbeginn von Icke auf 22:10 Uhr festgelegt und pünktlich nahm vor für ‘ne Privatparty ordentlicher Kulisse das Unheil seinen Lauf. So schlimm war’s aber gar nicht, ich war noch etwas heiser von der derben Probe am Abend zuvor und hier und da rumpelte es etwas, aber für DMF-Verhältnisse war das glaube ich ganz ordentlich und wenig desillusionierend fehlerarm. Soundtechnisch gab’s auch keine größeren Probleme, so dass mir eigentlich nur die enorme Hitze an diesem schwülen Tag, dessen Abenddämmerung kaum Abkühlung bot, zu schaffen machte. Ich schränkte zwar meine Bewegungen etwas ein, triefte aber trotzdem wie auf den letzten Metern eines Marathons. Meine ach so geschickte Taktik, bereits den vorletzten Song als letzten anzukündigen, in der Hoffnung, mit dem von Stef gesungenen „Les Rebelles“ als Zugabe den Schlusspunkt setzen zu können, ging leider nicht auf, die Pulvertoasties forderten lautstark „Waffel-Vibe“, dafür überhörten wir aber geflissentlich (wie arrogante Rockstars…) die Rufe nach Wiederholung von „Elbdisharmonie“, hähä…

projekt pulvertoastmannPROJEKT PULVERTOASTMANN kamen gerade aus dem Amsterdamer Bandurlaub und hingen erschöpfungsbedingt einigermaßen in den Seilen, sind jedoch längst abgewichste Profis genug, sich während des Gigs nichts anmerken zu lassen. Während ausnahmsweise der alte Drummer wieder an der Schießbude saß, drehte Sänger Snorre wie gewohnt am Rad, pogte durch die Publikumsreihen und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Da gab’s wieder die volle Dröhnung HC-/Streetpunk mit deutschen Texten auf die Mütze, wenn mir auch das Set etwas gekürzt vorkam – was, wenn es so war, ihnen selbstverständlich gegönnt sei! Ordentlich Rambazamba war’s mal wieder und für mehr hätte dann aber auch die Aufmerksamkeitsspanne wohl nicht mehr gereicht, außerdem sollte die Party auch mit Mucke vom Band noch lange und feuchtfröhlich weitergehen. Ein klasse Abend auf dem Rondenbarg mal wieder; danke an Icke, Norman, die Pulvertoasties und alle anderen, die dazu beigetragen haben!

Weitere Bilder gibt’s hier.

07.08.2015, Rock Café St. Pauli, Hamburg: NERVOSA + CRISIX + DESOLATOR

nervosa + crisix + desolator 2Erst kürzlich hatte ich erfahren, dass im Rock Café St. Pauli, an dem ich schon oft vorbeigelatscht war, in unregelmäßigen Abständen empfehlenswerte Metal-Gigs stattfinden – und just stand ein wahres Knallbonbon bevor: Die brasilianischen Thrasherinnen NERVOSA zusammen mit zwei anderen Bands des Genres, von denen ich vorher nicht wirklich etwas gehört hatte. Freitag nach der Arbeitswoche also direkt auf den Kiez, (Veggie-)Döner verspeist, Bierchen geköppt, 12,- EUR Eintritt gelatzt und erst mal vor der Tür postiert und gesabbelt. Kurz darauf begannen DESOLATOR aus Southampton pünktlich wie die Maurer zu rödeln, ich vernahm da draußen zünftigen Krach mit DESTRUCTION-artigen Screams. Als ich dann nach einiger Zeit den Club betrat, wurde weniger geschrieen, dafür umso heftiger gemörtelt. Das Trio hatte sich der ultraschnellen Variante verschrieben und ehrlich gesagt klang das zwar in seinen besten Momenten schön punkig, oft aber auch schlicht chaotisch bis, äh, desolat (man verzeihe mir dieses Wortspiel). Briten und Thrash ist ja immer so’ne Sache (XENTRIX-Vinyl brauche ich trotzdem noch!), aber beim vergewaltigten „Iron Fist“-Cover begann ich langsam warm zu werden und mitzusingen – und nach ich glaube einer Zugabe war der Spuk dann auch vorüber.

nervosa + crisix + desolator 1Ganz anders CRISIX! Die fünf Spanier kamen, thrashten und siegten. Fand ich’s zunächst noch etwas albern, wie sie sich, während ihr Intro vom Band ertönte, mit dem Rücken zum Publikum stellten, hatten sie sofort meinen Respekt, als sie wie ein Inferno über den Laden brachen und sich auch kein Stück davon beeindrucken ließen, dass der Bassist kurzerhand die Bühne gen Backstage verließ, weil sein Instrument versagte und er – ohne dass der Gig unterbrochen worden wäre – kurz darauf mit nun funktionstüchtigem Viersaiter zurückkehrte. Chapeau! Teile des Publikums gingen steil und bangten heftig zum größtenteils flotten, hektischen, bisweilen crossoverigen Sound, der übrigens astrein abgemischt klang, und die – allein schon durch den nicht an ein Instrument gebundenen Sänger – auf der Bühne ziemlich aktive Band (mit Irokesenträger an den Drums) schaukelte sich gemeinsam mit dem Mob gegenseitig hoch. Irgendwann war dann der Bass schon wieder weg, erneut interessierte das die Bandkollegen keinen Meter; plötzlich wurden auch noch die Instrumente getauscht und in bester ANTHRAX-Manier „I’m The Man“ gerappt sowie METALLICAs „Hit The Lights“ zum Besten gegeben. Welch ein geniales organisiertes Chaos! Schwer unterhaltsam und technisch verdammt fit, von der ersten bis zur letzten Minute. Mich haben die Jungs etwas an BONDED BY BLOOD und ähnliche Neo-Oldschool-Thrasher erinnert, sprich hektisches, dabei erstaunlich präzises Geholze und alles etwas überdreht, dadurch dem Wahnsinn immer mal wieder sympathisch nah und insbesondere live perfekt zum Aufputschen und Auspowern geeignet. Geradezu unverschämt gut!

nervosa - victim of yourselfDie Mädels von NERVOSA taten mir jetzt leid – was sollte jetzt noch kommen, was sollten sie dem noch entgegenzusetzen haben? Hatte ich ’ne Ahnung – nämlich keine! Von ersten Minute an fraß man den Damen aus der Hand und auch mich haben sie schlicht umgehauen: Evil Thrash der alten Schule mit gewaltigem Riffing und einer singenden Bassistin, die mich in Sachen Phrasierung äußerst angenehm an CORONER oder auch DESTRUCTION erinnerte. Die Refrains mit ihren extra starken Betonungen ließen mich trotz Text-Unkenntnis mitgrölen und die Fäuste recken, wenn ich nicht gerade ungelenk vor der Bühne herumsprang. Von Nervosität auf der Bühne keine Spur und nachdem ich endlich auch dieses dämliche Wortspiel unterbringen konnte, bleibt einmal mehr der Sound, aber auch die ganze Atmosphäre im in dunkles Licht getauchten Rock Café lobend zu erwähnen, so dass das Gesamtpaket mit wohlverdienten „Nervosa!“-Sprechchören belohnt und die Brasilianerinnen nicht ohne Zugabe entlassen wurden. Nein, gerumpelt hat da nichts, weder Exoten- noch „Titten“-Bonus waren nötig und das Trio machte mit seiner EP und dem Debütalbum (mit dem tollen Titel „Victim of Yourself“) im Rücken nicht nur einen verdammt aufeinander eingespielten, sondern auch spielfreudigen Eindruck. Insbesondere Sängerin/Bassistin Fernanda sah man den Spaß an der Musik stets an, da sind Überzeugungstäterinnen am Werk. Ich weiß auch gar nicht mehr, weshalb mir diese Scheiben im Vorfeld irgendwie durchrutschten. Als ich im Nachhinein noch einmal in Ruhe reinhörte, wanderte das Zeug nicht nur unversehens auf die Einkaufsliste, sondern wusste mich auch ohne Live-Stimmung schwer zu begeistern. Zugegeben, hin und wieder sind die Songs vielleicht ein Minütchen zu lang und ist in Sachen Dynamik im einen oder anderen Refrain noch Luft nach oben, aber auf hohem Niveau.

Nach Verklingen des Schlussakkords liefen Musiker aller drei Bands noch gutgelaunt durchs Publikum und waren sich für kein Foto, Autogramm oder Klönschnack zu schade, die Stimmung war immer noch bestens und bei etwas mehr Werbung könnte ich mir gut vorstellen, dass die Bude rappelvoll geworden wäre. Den Laden habe ich jedenfalls fortan auf dem Schirm und mein Debüt als Gast im Rock Café hätte besser kaum ausfallen können, so dass ich noch lange davon zehrte – insbesondere von den grandiosen musikalischen Arschtritten!

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01.08.2015, Rondenbarg, Hamburg: RONDENBARG OPEN AIR, 2. Tag

rondenbarg open air 2015Das alljährliche Rondenbarg Open Air bedeutet i.d.R. eine abwechslungsreiche Bandauswahl bei freiem Eintritt, Spitzenwetter und ‘ne verdammt gute Party im D.I.Y.-Ambiente bei entsprechend niedrigen Verzehrpreisen – und das gleich zwei Tage lang. Freitag musste ich leider passen, aber als mich unser DMF-Proberaum am späten Samstagabend ausgespuckt hat, beschloss ich spontan, noch vorbeizugucken. Also noch flugs ein paar Leute eingesammelt und bei perfektem Wetter für ein solches Unterfangen mal eben zu Fuß von Altona zum Wagenplatz gelatscht. Als ich eintraf, spielte gerade eine neue Band aus Bremen, bei denen es sich um die HEADSHOX gehandelt haben muss. Die bestehen erst seit wenigen Monaten, haben dafür aber bereits ein beachtliches Programm in ebensolcher Qualität vorzuweisen, Hardcore-Punk mit männlich/weiblichem Wechselgesang und deutschen Texten mit schöner Fuck-off-Attitüde. Geiles Ding, das gut ankam und wenn die Band nicht plötzlich implodiert, wird von ihr noch zu hören sein! Die Umbaupause wurde ebenfalls mit Programm gefüllt; wie ich erfuhr, waren zuvor Teams gebildet worden, die sich verschiedene Wettbewerbe lieferten. In bester Urlaubs-Animateur-Manier erklärte der Moderator, dass es nun gelte, Eier per Löffel im Mund aus einer Schüssel zu fischen und wer am meisten abbekommt, hat gewonnen. Spektakulär versagt hat dabei das Team „Aktives Nichtstun“ um Pulvertoastie Holler, denn die Eier waren gekocht – und landeten so in Hollers Bauch statt auf dem Punktekonto. Das erinnerte natürlich schwer an Kindergeburtstag und ich fragte mich, was als nächstes kommen würde: Topfschlagen? Dosenwerfen?

Zunächst einmal kamen die Bochumer Punk-Satiriker SHITLERS, deren Hamburg-Gigs stets einer Überraschung gleichen, weiß man doch nie, wer letztlich auf der Bühne stehen wird. Diesmal glänzte Drummer Tristan durch Abwesenheit, dafür bestieg Martin den Drum-Schemel und ein neuer SHITLER übernahm die Streitaxt. Das wiederum zeigt, dass der gute Martin so etwas wie ein Multitalent ist, denn die Schießbude beherrschte er problemlos. Der Auftritt verlief auf quasi gewohnte Weise, was bedeutet, dass manch einer, dem das Bandkonzept nicht geläufig ist, zunächst nicht viel damit anzufangen wusste, man sich mit der Zeit aber sein Publikum erspielte. Die Darbietungen schwankten zwischen bewusst und unbewusst unperfekt, aus dem Konzept ließ man sich nicht bringen und ich kann nur hoffen, dass nicht allzu viele der Ansagen, Kommentare und Dialoge im allgemeinen Trubel untergingen – allein schon, weil auf einem Festival wie dem R:O:A die Mucke für viele eher Hintergrundbeschallung ist. Anschließend war Zeit für eine weitere Runde fröhlichen Wettbewerbs und als sich herausstellte, dass es um das Erkennen eingespielter Film- und Serienmelodien gehen sollte, wurde ich als ehemaliger TV-Junkie und aktiver Film-Delirianer spontan ins Team „Aktives Nichtstun“ einberufen. Die Schnapsidee, dass man erst antworten dürfe, wenn man einen Luftballon bis zum Zerplatzen aufgeblasen hat, wurde glücklicherweise schnell verworfen, denn außer heißer Luft kam da nicht viel, außerdem waren die Ballons zu schnell ausgegangen. So konnten wir tatsächlich ein paar Punkte abstauben, wenn die Wettbewerbsleitung auch gern mal gegen uns entschied, indem sie bei anderen „Axel Foley!“ als Antwort gelten ließ, wenngleich der Film selbstverständlich „Beverly Hills Cop“ heißt. Als die „Schwarzwaldklinik“-Melodie zu früh eingespielt wurde, ging der Punkt ebenfalls nicht an uns und ich witterte Schiebung! Nichtsdestotrotz konnten wir uns am Ende über einige Bierbons freuen, von denen ich einen direkt an denjenigen wieder loswurde, dessen Pils ich im Freudentaumel umgeworfen hatte…

Alles in allem eine sehr spaßige Angelegenheit, die den Ablauf kurzweiliger gestaltet und gekonnt die Bandpausen überbrückt. Den „Rausschmeißer“ machten dann CHAOSFRONT aus dem Westerwald mit äußert potentem und aggressivem Grindcore, der mir über die volle Distanz erstaunlich gut reinlief, was nicht zuletzt an der Top-Performance beider Shouter lag, die eine energetische Show lieferten. Sehr geil! Ein Blick auf den Flyer zeigt mir, wie viele Bands ich durch mein spätes Erscheinen verpasst hatte und ich vermute mal, dass die Party schon lange vorher in vollem Gange war. Der Rondenbarg lohnt sich eben meist und geht man zu Fuß zurück, ist man auch fast wieder nüchtern. 😀

P.S.: Ich hoffe, keine Bandnamen durcheinandergewürfelt zu haben – falls doch, bin ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.

18.07.2015, MarX, Hamburg: Broken Wrist Battlegrounds XXXIV

broken wrist battlegrounds XXXIVMeine Leidenschaft für Oldschool-Thrash sollte hinlänglich bekannt sein. Als ich kürzlich von der Existenz einer möglicherweise hoffnungsvollen Hamburger Nachwuchsband dieses Subgenres erfuhr und zudem vernahm, dass diese am Abend des 18.07. im MarX im Rahmen einer anscheinend regelmäßig stattfindenden, mir aber bisher unbekannten Veranstaltungsreihe namens „Broken Wrist Battlegrounds“ spielen würde, setzte ich meinen Vorsatz, mehr Metal-Konzerte zu besuchen, in die Tat um und traf rechtzeitig an der Markthalle ein. Die Band meines Interesses war REAVERS, bei der ich mir die Karte im VVK für faire 8,- EUR gesichert hatte, von den übrigen Kapellen hatte ich noch überhaupt nichts gehört. Vor Ort erfuhr ich dann, dass es sich bis auf REAVERS wohl ausschließlich um Metalcore handeln solle. Dementsprechend „groß“ war meine Begeisterung, denn damit kann ich i.d.R. nicht wirklich etwas anfangen, ob mit Klargesang in den Refrains oder ohne. Der auf der Karte angekündigte „Special Guest“ entpuppte sich als SUICIDE DOG BRIDGE aus Lübeck und als die bereits begonnen hatten, trank ich noch mein Bier vor der Tür, betrat jedoch wenig später den Ort des Geschehens. Nun ja, technisch sicherlich versiert, Gebrülle, tiefe Gitarren und Breakdowns, wie das eben so ist. Als die Musiker allerdings zum synchronen Crab-Dance-Bangen ansetzten, musste ich doch arg schmunzeln. Sorry, aber nix für Papa sein’ Sohn. BRAIN DAMAGED HORSE schlugen in eine ähnliche Kerbe, hatten allerdings ein paar raffinierte Breaks, die mir durchaus gefielen. Ansonsten war auch das not so really my cup of pee und warum der Shouter den einzigen Song mit Melodie als Schlager ankündigte, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn das irgendein Cover war, hab’ ich’s nicht erkannt. BOREOUT SYNDROME erweiterten das Gesangsspektrum, wenn man es so nennen will, um Gekreische, das sich zum Gebrüll des engagierten Shouters gesellte. Nach dem ersten Song verließ ich den Raum. Erst zum letzten betrat ich ihn wieder, kann also nichts weiter zum Gig sagen. Dann – endlich – wurde die Bühne frei für REAVERS, die alle meine Hoffnungen erfüllten und ein ordentliches Brett Thrash fuckin’ Metal sägten. Zwei Klampfen, der Bassist singt, klassische Vier-Mann-Besetzung also, wäre da nicht an der Lead-Gitarre ein Mädel, weshalb sich diese Bezeichnung verbietet. Vollkommen ausgehungert bangte und zuckte ich extatisch und freute mich, dass sich der Abend doch noch für mich gelohnt hatte. Vorher hatte man mir verraten, dass man eine Cover-Version spielen würde und beim als „Fire in the Hole“ angekündigten Song dachte ich zunächst an LÄÄZ ROCKIT, doch mitnichten: Es handelte sich um einen eigenen Song, das versprochene Cover wurde TANKARDs „Freibier für alle“ und damit neben der viel zu kurzen Spielzeit mein einziger Kritikpunkt: So geil der Song auch ist, ich hätte lieber mehr eigenes Material gehört, denn das gefiel mir ausgesprochen gut! Die ganze Veranstaltung war übrigens leider eher semigut besucht, aber dafür war das Wetter prächtig und die REAVERS + Umfeld sympathisch und lässig drauf sowie gesprächsfreudig, so dass sich kein Kuttenträger verloren vorzukommen brauchte. Ich werde die Band auf jeden Fall weiter im Auge behalten, hoffe, dass die demnächst erscheinenden Aufnahmen den Druck der Livepräsenz annähernd einfangen können und wünsche mir aber für die nächsten Gigs stärker der alten Schule zugewandte Kollegenbands.

10.07.2015, Kraken, Hamburg: FAST SLUTS + RASTA KNAST

fast sluts + rasta knast @kraken, hamburg, 10.07.2015Der zweite Gig überhaupt der neuen Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung – und gleich vor der großen Kulisse, die ein Auftritt im Vorprogramm von RASTA KNAST mit sich bringt. Ihre Feuertaufe allerdings hatten die Mädels bravourös vor Kurzem im Linken Laden bestanden und konnten somit zurecht guter Dinge sein. Im ausverkauften Kraken dementsprechend Gedrängel pur, wobei nicht wenige offenbar weniger wegen RASTA KNAST als vielmehr wegen FAST SLUTS gekommen waren! Soundmann Norman schwitzte nicht nur unter den Temperaturen, sondern auch angesichts des Soundchecks, hat dann aber einen grundsoliden Klang gezaubert – wenngleich nicht ganz ohne das berüchtigte „Kraken-Fiepen“, jene Rückkopplungen aus der Hölle, die per Voodoo-Zauber dorthin gelangen, sich jeglicher logischer Erklärungen und technischer Tüfteleien entziehen und mit denen man dort immer mal wieder zu kämpfen hat. 😉 Wie gesagt, halb so wild, bei den Damen flutschte es schon um einiges flüssiger und selbstsicherer als beim Live-Debüt, Bassistin Jule führte mittels launiger Ansagen durch’s Set, Paulines Gitarre schien mir mehr Power zu haben, Rike an den Drums strahlte über’s ganze Gesicht und kannte jeden Einsatz und die gute Alex am Hauptgesang war nicht nur selbstbewusst und textsicher, sondern kam auch stimmlich noch etwas mehr aus sich heraus. Der Gesang in normaler Stimmlage war wieder etwas leise; vielleicht bekommt man das zukünftig noch besser abgemischt, ansonsten gern Mut zu mehr Gebrüll! 😀 Ein besonderer Höhepunkt war das SMEGMA-Cover „Eure Art zu Leben“ mit Unterstützung zweier original SMEGMAner! Wann bekommt man so einen Song schon mal im Duett zu hören?! Ohne Zugabe wurden die FAST SLUTS dann auch nicht von der Bühne gelassen und ich glaube, es befand sich sogar ein neuer Song im Set. Weiter so! In der Umbaupause sorgte ich, wie schon vorm SLUTS-Gig, für handverlesene Mucke aus der Konserve, und nun standen also RASTA KNAST auf dem Plan – ich muss ja zugeben, dass ich die überbewertet finde, spätestens seit man offenbar beschlossen hatte, nach x Besetzungswechseln den Fuß vom Gas zu nehmen und statt flottem „Schwedenpunk“ verstärkt auf Midtempo-„Deutschpunk“ zu setzen. Ich muss aber zugeben, bereits ab einem recht frühem Zeitpunkt den musikalischen Werdegang nicht weiter verfolgt zu haben und das ändert sowieso nichts daran, dass im Kraken natürlich der Schweiß von der Decke tropfte und manch Hit, derer die Band zweifelsohne so einige hat, meine Ohren erreichte – wenn ich mich nicht gerade an der (mehr oder weniger) frischen Luft befand, in Klönschnacks vertieft war oder irgendwas anderes tat. Zwischendurch knallte mehrmals anscheinend hitzebedingt die Endstufe durch, Norman kam wieder ins Schwitzen und alles in allem war das heute nicht mein Konzert, sorry. Vielleicht ein anderes Mal, falls ich die Band mal für mich wiederentdecke. Schön allerdings für den Kraken, dass die Bude dermaßen voll war!

05.07.2015, Indra, Hamburg: THE RIJSEL IRISH BOY’Z + UPPER CRUST

rijsel irish boy'z, the + upper crust @indra, hamburg, 05.07.2015

Die französischen Irish-Folk-Punks THE IRISH RIJSEL BOY’Z waren gerade auf großer Deutschland-Tour und kamen an diesem verkaterten Sonntag aus Gelsenkirchen zurück, um den Indra-Club auf dem Kiez zu beehren. Obwohl der Eintritt nur läppische 5 Taler betrug, hatten sich im Vorfeld nur wenige Gäste angekündigt und letztendlich kamen sogar noch weniger: Als UPPER CRUST als lokaler Opener begannen, befand sich gerade einmal eine Handvoll zahlendes Volk im Laden. Seinen (keinesfalls mit Crustcore zu verwechselnden) Härtner-Sound vollzog das Trio gewohnt versiert und ließ sich kaum irritieren, wenn auch Drummer Lars der immer noch andauernden Hitze Tribut zollen musste, indem ihm öfter mal die Sticks aus den Pfoten flutschten. So richtig in der Stimmung war ich allerdings nicht und lauschte interessiert, ohne jedoch meinen Verstand an die Wand zu werfen. Trotzdem natürlich ein guter Gig, aber kann es sein, dass mein Favorit „Hypochonder“ ausgelassen wurde…? Nach nur kurzer Umbaupause dann die durchgeknallten Franzosen, die unfassbar authentisch auf irisch machen und stilecht in Kilts gewandet die Bühne betraten, um direkt mit einem Sauflied zu starten. Ihren Stil beherrschen sie perfekt, zur klassischen Instrumentierung gesellt sich eine folkige Flöte und Singen darf jeder mal. Es war erwartungsgemäß die pure Energie, die da von der Bühne ausging – und leider im fast leeren Indra verpuffte. Die Boy’Z nahmen’s mit Humor und bewiesen eine unglaubliche Souveränität, doch zum Feiern war niemandem so recht zumute. Das ultraheiße Wochenende schien allen in den Knochen zu stecken und die meisten zogen es daher offenbar vor, an irgendwelchen schattigen Orten Ganztagssiesta zu halten. Von den Anwesenden wollte dann niemand den alleinigen Vortänzer machen und so blieb’s auch hier bei ernstgemeintem Applaus, aber eine Party wie damals, als wir (DMF) mit ihnen zusammen auf dem Gaußplatz spielten, wurde es nicht. Ohne Zugabe verließ man schließlich die Bühne, bedankte sich bei jedem einzelnen Zuschauer per Handschlag persönlich und ich war auch irgendwie froh, endlich ins Bett zu kommen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Eigentlich war es ein Top-Konzert von zwei geilen Bands, aber an diesem Tag leider komplett überflüssig. Ehrlich gesagt war auch ich lediglich anwesend, weil ich mich mit der guten Katharina, Tourbegleiterin der Band, verabredet hatte und in den Genuss der Gästeliste kam. Als die Franzosen am nächsten Tag kurzerhand auf ihren Off-Day verzichteten, um direkt auf dem Gaußplatz noch einmal zu zocken, bekamen sie dann Überlieferungen zufolge endlich ihre wohlverdiente Party und so hätte man’s meines Erachtens von vornherein planen sollen. Ich schließe mit einer Aufforderung: Wenn die RIJSEL IRISH BOY’Z mal wieder für’n Appel und ’n Ei in eurer Nähe spielen sollten, GEHT HIN – bevor sie richtig durchstarten, die Läden größer und der Eintritt teurer werden!

04.07.2015, Monkeys, Hamburg: INFA-RIOT + RAZORS

infa-riot + razors @monkeys, hamburg, 04.07.2015

Die britische Oi!-Punk-Legende INFA-RIOT zusammen mit den lokalen Punk-Urgesteinen RAZORS an einem der heißesten Tage des Jahres live im Monkeys! Da war klar, dass die Bude voll werden würde, zumal sich rund 50 Gäste einer Geburtstagsparty angekündigt hatten – Schaub aus dem Umfeld der RAZORS feierte nämlich seinen runden Ehrentag und hatte reichlich Szenevolk geladen, das sich auch überregional auf den Weg in die Hansestadt gemacht hatte. So bot der Parkplatz des Geländes dann auch ein buntes Bild gehobenen Altersdurchschnitts, so dass ich mir dann auch mal wieder richtiggehend jung vorkam, vor allem aber einer großen, illustren Runde, die zu manch Klönschnack einlud, weshalb ich offenbar einen nicht geringen Teil des RAZORS-Sets glatt verpasste. Endlich drinnen hinzugesellt, zockte man gerade die berüchtigten, von den RAZORS gar nicht mehr wegzudenkenden Coverversionen wie „Razors in the Night“ und „We Love You““, ja, sogar Bowies „Heroes“ bei prächtiger Stimmung. Auf der Bühne die alte Garde, davor ebenfalls, gemischt mit Jungvolk, aber auch Rollstuhlfahrern – welch ein Bild, und es trotzdem oder gerade deshalb 100% Punk as fuck! Gegen die Hitze reichte man Wasserbuddeln ins Publikum und mittels Ansagen, großformatiger Bilder und eines speziellen Songs gedachte man sehr stilvoll des vor wenigen Jahren viel zu früh verstorbenen Andreas Schwabes, eines weiteren Hamburg-Punk-Originals. Das Geburtstags“kind“ schmetterte einen Song zusammen mit den RAZORS (war das „Because You’re Young“ von COCK SPARRER oder schmeiß’ ich jetzt was durcheinander?) und irgendwann war dann leider schon Schluss. Der Sound war gut, die Band topfit und Danker bewies als Sänger einmal mehr Entertainer- sowie mittels eines rotzigen Nölgesangs wahre Oldschool-Qualitäten. Ein geiler Auftritt nimmermüder Herren, die nach wie vor den ’77-Style würdigst vertreten.

INFA-RIOT sind seit einiger Zeit wieder aktiv und obwohl sie zu meinen Favoriten des UK-82-Oi!-Punks gehören, sollte ich an diesem erstmals in den Genuss kommen, sie live zu sehen. Dementsprechend freute ich mich wie Bolle darauf, wenngleich die Meinungen im Vorfeld offenbar auseinandergingen. Umso spannender war es, ob sie es noch draufhaben würden. Als INFA-RIOT zu mittlerweile vorgerückter Stunde dann endlich anfingen, war ich ehrlich gesagt schon gut besoffen, denn die Höllenhitze hatte mich immer wieder zum Tresen getrieben und die allgemein vorzügliche Stimmung trug ihr Übriges dazu bei. Jedes Detail kann ich insofern nun nicht wiedergeben, nur so viel: Ja, verdammt, es ging ab wie Sau, Hit folgte auf Hit, der Drummer spielt denselben Simpel-aber-effektiv-Beat wie anno schießmichtot (wenn das überhaupt der gleiche Typ ist, ich hab’ keine Ahnung) und der Sänger hat sich seine Stimme bewahrt. Das Tempo schien auch zu stimmen und so feierte ich sie alle ab: „Emergency“, „Still Out of Order“, „You Ain’t Seen Nothing Yet“, „Five Minute Fashion“, „The Winner“, „In For a Riot“, dessen Refrain immer wieder vom Publikum skandiert wurde, bis – jetzt hänge ich mich echt aus dem Fenster und hoffe, dass mich meine Erinnerungsfetzen nicht im Stich lassen – „Each Dawn I Die“ als Zugabe kam. Gut, vermutlich mit ein, zwei anderen Songs, aber das bekomme ich jetzt wirklich nicht mehr zusammen. Egal, zwischenzeitlich fand ich mich auch tanzend vor der Bühne wieder, denn dort war’s gar nicht so voll – doch einige schienen der Hitze und/oder dem Alter Tribut zu zollen und drehten nicht vollkommen durch. Den Eindruck einer müden Rentnerveranstaltung machte das alles jedoch ganz und gar nicht und so hoffe, schon bald wieder „In For a Riot“ sein zu können! Lohnt! Die Party ging anschließend noch lange weiter, ich entdeckte das deliziöse, frisch gezapfte „Monkeys Red“ für mich und ließ es mir gut gehen, bis mein Kumpel und Herbergs“vater“ Oli und ich uns bei unserer privaten After-Aftershow-Party endgültig das Genick brachen. Party hard!

20.06.2015, Linker Laden, Hamburg: FAST SLUTS + LOKUSBOMBER

lokusbomber + fast sluts @linker laden, hamburg, 20.06.2015Ursprünglich sollten die rustikalen OI!SLUTS diesen Samstag mal wieder ‘nen Gig abliefern, wurden jedoch ausfallbedingt kurzfristig durch die namensverwandten FAST SLUTS ersetzt. Eigentlich wartete die Szene ja gespannt auf den 10.07., an dem die ausschließlich aus Mädels bestehende, brandneue Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung im Vorprogramm von RASTA KNAST im Kraken ihre Feuerteufe bestehen sollte. Diese wurde nun also vorgezogen und in Hamburgs vermutlich kleinsten relevanten Konzertort mit Wohnzimmer-Ambiente verlegt. Dort versammelte man sich und genoss die ersten Kaltgetränke zum Ultraschmalkurs, bevor vier nervöse Deerns die „Bühne“ betraten. Eng war’s, denn kaum jemand wollte sich diesen historischen Augenblick entgehen lassen. Die Unterstützerinnen und Unterstützer entrollten ein schickes FAST-SLUTS-Transparent und die Mädels, die vor Bandgründung kaum bis gar keine Erfahrungen an ihren Instrumenten gesammelt hatten, legten los: „Wir sind nicht Oi!Sluts, wir sind nicht Fast Shit, wir sind die Fast Sluts und spielen Oi!Shit…“. Es folgten Lieder gegen Partypatrioten, die Großveranstaltungen wie Fußball-Weltmeisterschaften missbrauchen, um „endlich“ mal wieder ihre Nation abfeiern zu „dürfen“, eine Liebeserklärung an den FC St. Pauli und weitere Hits wie das bereits im Netz als Demo kursierende „Landgang“, angereichert mit drei Cover-Versionen: „Durstige Männer“ („…das seid IHR!“) von den DIMPLE MINDS, „Eure Art zu leben“ von den stilistisch den FAST SLUTS nicht unähnlichen SMEGMA und der alte Gassenhauer „Wir sind geil, wir sind schön“ von LOIKAEMIE. Klar rumpelte das noch an manch Ecke und Ende, das jedoch sehr charmant. Neben der dem Punk-Spirit entsprechenden Konsequenz, so’ne Band zu gründen und das ungeachtet musikalischer „Perfektion“ wirklich durchzuziehen, verdienen jedoch besonders die eigenen Songs Anerkennung, die allesamt nicht nur über klasse Texte mit gern mal augenzwinkerndem Humor verfügen, sondern mit ihren Ohrwurmmelodien bleibenden Eindruck hinterlassen; der St.-Pauli-Song hatte gar das Zeug zur Hymne! Gitarristin Pauline war übrigens kurzfristig eingesprungen, damit der Gig überhaupt stattfinden konnte und machte ihre Sache ebenso prima wie ihre Kolleginnen. Drummerin Rike vereint ’nen ordentlichen Punch mit Taktgefühl, Sängerin Alex hat eine für solche Mucke prädestinierende heiser-raue Stimme, die besonders zu gefallen weiß, wenn sie lautstarke Refrains schmettert und Bassistin Jule hielt ihre aufgeregte Band zusammen, indem sie souverän like a boss die Ansagen übernahm und durch den Auftritt führte. Zwischenzeitlich wurde sogar ein zweites Transparent entrollt und ohne Zugabe ließ man die Mädels nicht ziehen, die erste Nummer musste wiederholt werden. Ein östrogeniales Live-Debüt, das Hoffnung macht. Sicherlich, dieses fand vor Froinden statt und das wird zukünftig nicht immer so sein, bestimmt wird man sich von Neidern und Nörglern auch mal anhören müssen, von einem „Frauenbonus“ zu profitieren o.ä., doch davon sollten sich die FAST SLUTS nicht beeindrucken lassen und weiter proben, an ihren Songs feilen und Erfahrungen sammeln, denn das Potential ist da!

Nach kurzer Umbaupause kamen LOKUSBOMBER aus Schweinfurt zum Zuge. Angekündigt als „Brutalo D-Punk“ agierte das Trio irgendwo zwischen schnellstmöglich geschrammeltem HC-Punk und brutalem (Fast-schon-)Crust, gebrüllt in Landessprache und die üblichen Themen abdeckend. Das war schon amtlich und vor allem entsprechend deftig serviert, wenngleich ich in diesem Zusammenhang Songs über Anarchie und „Gegen den Staat“ dann doch etwas abgedroschen finde. Insgesamt knallte das alles recht ordentlich und die Band bewies zwischendurch Humor und Selbstironie. Inwieweit das originale Hippie-Outfit des Bassisten auch dazu zu zählen ist, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Zugaben gab’s dann gleich ein paar, die Jungs hatten Bock und sich u.a. BODY COUNTs „Copkiller“ vorgeknöpft. Nicht schlecht!

Am Tresen verweilte man dann noch bis nach Mitternacht, u.a. weil es noch einen Geburtstag zu begießen gab und die alten BROILERS-Scheiben aus der Anlage erschallten, bevor ich mich mitsamt meinen Gesprächspartnern ins Jolly Roger verlagerte. Ein rundum gelungener Abend – und ich freu’ mich auf die FAST SLUTS/RASTA KNAST-Double-Headliner-Show in ein paar Tagen! 😉

18.06.2015, Gängeviertel, Hamburg: CONTRAREAL + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + KAOS KABELJAU

contrareal + disillusioned motherfuckers + kaos kabeljau @gängeviertel, hamburg, 18.06.2015Klar, wir hatten uns die letzten Wochen nicht unbedingt rar gemacht in Hamburg, aber wenn das Gängeviertel uns zum Soli-Gig (Flora-Baukosten/Prozesskosten) bittet, sagen wir nicht nein – zumal ich dort zwar bereits mit BOLANOW BRAWL gewesen war, aber noch nicht mit DMF die Bühne besudelt hatte. Leider konnte Mike alias Eisenkarl, unser zweiter Klampfer, nicht dabei sein, aber dann würde Kai halt wieder Krach für Zwei machen. Zuvor allerdings fand noch eine Buchpräsentation/-lesung mit anschließender Diskussionsrunde statt, Anlass war die Veröffentlichung des Schmökers „The City Is Ours! Squatting and Autonomous Movements in Europe from the 1970s to the Present”, das der niederländische Autor persönlich vorstellte. Als ich mich gegen Ende des Vortrags, kurz vor Beginn der Diskussionsrunde hereinschlich, waren alle Plätze besetzt (höhö), diese Veranstaltung stieß also schon mal auf Interesse. Natürlich fragten wir uns aber, wie gut besucht wohl das Konzert werden würde, immerhin war es ein von Regenschauern geplagter Donnerstagabend, der Beginn war spät angesetzt und sonderlich massiv beworben wurde es nun auch nicht. Zunächst einmal gab’s aber was zwischen die Kiemen, Falafel mit ultra-knoblauchhaltiger Paste, gefüllte Weinblätter etc. hielt das Buffet zu meiner Freude bereit. Frisch gestärkt wurden wir dann Zeugen, wie sich der Laden doch erfreulich füllte. Da auch Teile CONTRAREALs am nächsten Tag noch arbeiten mussten, entschied das Los, wer als letzter auf die Bühne musste und CONTRAREAL zogen sprichwörtlich den Kürzeren. Die seit einiger Zeit wieder aktiven, auf Trio-Größe geschrumpften KAOS KABELJAU eröffneten den musikalischen Teil des Abends mit deutschsprachigem HC-Punk und es war schön zu hören, dass die Drei offenbar immer tighter werden. Das hatte ordentlich Tempo und Wumms, den Gesang haben sie untereinander aufgeteilt und der Drummer verleiht mit seiner aggressiven, trotzdem abwechslungsreichen Spielweise den Songs den nötigen Kick, ohne an seinem Headset aus der Puste zu kommen. Klappte alles ziemlich gut und machte Laune, lediglich der letzte Song mit seinem Offbeat-unterlegten Refrain, ein anscheinend schlicht „Kaos Kabeljau“ betitelter Spaß-Song, geriet etwas außer Takt – was Band und Publikum mit Humor nahmen.

Dem Losglück sei Dank nun also wir. Soundcheck mit Wurzel, zu diesem Zwecke auch „Tales of Terror“ durchgezockt und damit erst mal verbraucht, dafür aber an späterer Stelle spontan wieder ins Set eingefügt – nee, wat sind wir Improvisationstalente! Aus Zeitgründen hatten wir „Victim of Socialisation“ und „Montag der 13.“ gestrichen, die übrigens Songs dürften ganz ok funktioniert haben. Sicher, ein, zwei ham’ auch schon mal mehr Arsch getreten und „IS-SS“ sitzt noch immer nicht 100%ig, aber zumindest gab’s weder Songabbrüche noch Textverhaspler… Dafür hat mein Mikro unter meiner Knoblauchfahne (die Falafel…) irgendwann den Dienst quittiert, so dass ich auf Stefs zurückgriff, daraufhin erst mal übertrieben laut war (offenbar nicht nur auf meinem Monitor) und es bestimmt lausig klang, wie ich versuchte, leiser zu brüllen. Als Stef am Schluss „Les Rebelles“ sang, bekam er’s aber wieder und ich nahm einen anderen Knochen zur Hand, um wie gewohnt ein paar französische Zeilen mitzugrölen, die ich mir einst in Lautschrift notierte und über deren Bedeutung ich nach wie vor nur rätseln kann. Wir kamen auf unsere Kosten, aber obwohl ich glaubte, diesmal ohne Handtuch auszukommen, hatte ich am Schluss doch wieder Schweiß inne Augen und war quasi blind (böse Zungen mögen behaupten, taub wäre besser gewesen, aber es kam ja noch eine weitere Band).

Nämlich CONTRAREAL, mit denen wir einst auf dem Elb-Tsunami-Open-Air gespielt hatten und die ich auch von ein paar Konzertbesuchen kannte. Die klangen quasi wie immer, was bedeutet: gut! Zwei Jungs und ein Mädel, die flotten, schnörkellosen Pogo-/HC-Punk mit deutschen Texten zocken. Kämpferische, betont und unmissverständlich antifaschistische, dabei mitunter parolenhafte Texte, zumeist (aber nicht nur) von der Drummerin gesungen (statt gegrölt), gehen einher mit bisweilen fast hymnischen Ohrwurm-Refrains, die zum Faustrecken und Mitsingen einladen. CANALTERROR wurden mittels „Staatsfeind“ gecovert, zwischen den Songs gab’s ein paar gehaltvolle Ansagen, die Hauptgesang/Schießbude-Doppelbelastung funktioniert anscheinend problemlos (was mich, egal bei welcher Band, ja immer ein bisschen erstaunt) und eigentlich war viel zu schnell schon wieder Schluss. Dass das auch besser so war, zeigte ein Blick auf die Uhr, abgebaut werden wollte schließlich auch noch, gleichzeitig galt es, sich noch mal für den einen oder anderen Absacker über’s Bandbier herzumachen und sich, zumindest in meinem Falle, am leckeren Störtebeker zu laben und mit nun gelockerter Zunge das eine oder andere Gespräch zu führen, bevor sich alle langsam wieder in verschiedene Himmelsrichtungen verstreuten. War wieder mal ein geiler Abend im Gängeviertel, wir wurden supernett umsorgt und mit beiden Bands ließ sich gut auskommen. Das Publikum indes ließ sich zwar während der Gigs nur etwas behäbig Emotionen entlocken, die Anwesenheit mitten in der Woche zu später Stunde und die persönlichen Reaktionen im Anschluss zeigten jedoch, dass das alles so verkehrt nicht gewesen sein kann. Hervorheben möchte ich den euphorisierten Snorre von PROJEKT PULVERTOASTMANN, viele Grüße an dieser Stelle! Ich hoffe, dass auch ein bisschen was an Spenden für den guten Zweck zusammenkam und unser Getränkekonsum nicht alle Einnahmen aufgezehrt hat. Danke ans Organisationsteam, Soundmann Wurzel und alle, die sich Donnerstag zu später Stunde aufgerafft haben!

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