Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 6 of 47)

28.02.2024, Markthalle, Hamburg: U.D.O. + PRIMAL FEAR

Udo Dirkschneider, „der kreischende Tarnanzug“, gastierte im Rahmen der Tour zum neuen Album „Touchdown“ in der Markthalle. Ich bin ja Fan der klassischen ACCEPT-Alben mit Udo am Mikro seit seligen Kindheitstagen, hatte aber nie die Gelegenheit, die Band in dieser Konstellation live zu sehen. Ein richtiger Fan seines Soloprojekts, mit dem er es mittlerweile auf sage und schreibe 19 Studioalben bringt, war ich hingegen nie so ganz, wenngleich das Debüt ein Knaller war und sich auch auf den Folgealben manch Hit findet, der in meinen Playlists gelandet ist. Nebenbei hat der umtriebige Mann auch noch weitere Projekte laufen – da lebt jemand ganz für die Musik, und das in Vollzeit. Den Tarnanzug hat er schon lange abgelegt, seine charakteristische Reibeisenstimme hingegen nicht.

Dass auf einem Mittwochabend die Show bereits lange vorher ausverkauft sein würde, hat mich dann aber doch überrascht. Also bin ich auf gut Glück nach Feierabend einfach mal hin. Die Schlange am Einlass staute sich fast bis zur Kreuzung, jeweils flankiert von Leuten, die ebenfalls Karten suchte. Als ich vom anderen der Ende der Schlange bereits wieder auf dem Rückweg war, vernahm ich ein „Braucht noch jemand ‘ne Karte?“ aus der Menge und ich traute meinen Ohren kaum. Ich rief: „Brauchen? Oder Suchen?“„Brauchen!“, schallte es zurück, und der Verkäufer stand sofort direkt vor mir. Sein Kumpel sei leider krankgeworden, daher habe er eine Karte über. Würde er mir für ‘nen Zwanni überlassen. Bei einem ursprünglichen Preis von 40 Öcken! Da er nicht anders auf meinen Schein herausgeben konnte, wurden zwar noch 25,- daraus, ich habe mich aber natürlich trotzdem tierisch gefreut – danke noch mal!

Also auf in die volle Bude und erst mal der Vorband lauschen: PRIMAL FEAR aus BaWü, liebevoll „die Primeln“ genannt, seit Ende der 1990er am Start. Gegründet wurde die Band von Mat Sinner (SINNER) und Ralf Scheepers, der zuvor bei TYRAN‘ PACE (kenne ihn als Sänger daher ebenso wie Udo im Prinzip seit meiner Kindheit) und GAMMA RAY gesungen hatte. Es heißt, er habe GAMMA RAY verlassen, um bei JUDAS PRIEST vorzusingen, die damals nach Rob Halfords Ausstieg auf Sängersuche waren. Das eigentlich Kuriose daran ist, dass er nicht genommen wurde, denn der Mann mit der Schiffschaukelbremserstatur kommt Halfords Gesangsstil doch ziemlich nah und beherrscht auch die höchsten Kopftöne spielerisch. Wie auch immer, ‘90er-Jahre-Power-Metal ist nicht mein Ding und sonderlich intensiv beschäftigt habe ich mich mit PRIMAL FEAR bisher nicht. Aufhorchen lassen hatte mich aber das vorletzte Album „Metal Commando“ aus dem Pandemie-Jahr 2020, das eine ganze Reihe starker Songs aufweist, wie sie auch mir gefallen. Leider ist Mat Sinner von seiner schweren Erkrankung offenbar noch nicht wieder so weit genesen, dass er zu touren in der Lage wäre, sodass er live am Bass ersetzt wird. Der Sound war zunächst mies – vermutlich der im Gegensatz zum Soundcheck vollen Halle geschuldet –, wurde aber bald besser. Als Opener peitschte man den dreisten JUDAS-PRIEST-Rip-Off „Chainbreaker“ durch, der immerhin ordentlich Dampf machte. Im weiteren Verlauf war mir das dann ehrlich gesagt zu viel Teutonen-Stampf-Metal zum Mitklatschen – wozu die Band auch immer wieder animierte. Scheepers hatte ‘ne Extraportion Hall- und Echoeffekte auf seinem Gesang, lieferte aber – wie die gesamte Band – souverän ab. Von meinen persönlichen Hits des „Metal Commando“-Albums wurde leider gar nichts gespielt, und „Another Hero“ von der aktuellen Langrille mag ich trotz gelungener Gesangsmelodie nicht mitsingen, denn wenn nach einem Erlöser verlangt wird, der uns den Weg aus dem Chaos weist, schaudert’s mich. Nach ca. 75 Minuten war dann Schluss, ohne dass ich zum Fan mutiert wäre.

Aber ich war ja wegen U.D.O. hier! Udo konnte seine Band jüngst um seinen alten ACCEPT-Kollegen Peter Baltes, einen weiteren Helden meiner frühen Metal-Sozialisation, verstärken, und der ist unlängst in einen Jungbrunnen gefallen – der Mann altert einfach nicht. Der Rest der Band ist deutlich jünger. Udos Sohnemann Sven an der Schießbude ist ein richtig geiler Drummer geworden, der zudem permanent die Stöcke hochwirft oder zwischen den Fingern wirbelt. Die beiden Gitarristen sahen in ihren Outfits und mit ihren Frisuren zwar etwas gewöhnungsbedürftig aus, waren spielerisch aber über jeden Zweifel erhaben und wurden für ihre auch mal ausgedehnteren Soli stets nach vorn in die Bühnenmitte gelassen, während Udo sich zurückzog, um ihnen die Show zu überlassen. Die Lightshow tauchte die Bühne immer mal wieder in das kühle Blau vom Artwork des aktuellen „Touchdown“-Albums, was schon schnieke aussah. Und die Mucke? Klang, ähnlich wie bei der Vorgruppe, beim ersten Song „Isolation Man“ noch gar nicht mal so gut, wurde aber schnell nachgeregelt. Von „Touchdown“ schafften es noch drei weitere Nummern ins Set, wobei der Titelsong sich auch live als veritable Abrissbirne entpuppte. Mit „Animal House“, dem balladesken „In The Darkness“ und „They Want War” waren drei Stücke des von mir favorisierten Debüts vertreten. Insgesamt fanden 20 Songs von 14 Alben Berücksichtigung, darunter als letzte Zugabe QUEENs „We Will Rock You“, das Udo für seine Solo-Scheibe gecovert hatte, in einer Mischung aus der schnellen und der populäreren Version. Von meinen persönlichen U.D.O.-Hits fand sich insgesamt eher wenig, dafür habe ich aber zum Beispiel „Pain“ durch die Live-Darbietung für mich entdeckt. Und dass man keine ACCEPT-Songs mehr live spielen würde, hat man offenbar ernstgemeint. Geht für mich klar, über ein „Balls to the Wall“ hätte ich mich aber trotzdem nicht beschwert. Alles in allem war’s eine schöne Erfahrung, olle Udo sogar zusammen mit Peter mal live zu sehen – und das begeisterte, nicht nur Refrains, sondern auch die eine oder andere Melodie von Udo dirigiert mitsingende und altersmäßig gut durchmischte Publikum dürfte es ähnlichgesehen und -gehört haben.

Ach, und da ich bei der Sause mit vier lokalen Underground-Bands im Bambi am Wochenende zuvor gesundheitsbedingt passen musste, war das dann tatsächlich mein erstes Konzert des noch jungen Jahres…

22.12.2023, Indra, Hamburg: St. Pauli Punk Festival #3 mit PSYCH OUT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + G31 + BULLSHIT BOY

Diese Veranstaltung stand unter keinem wirklichen guten Stern. Während die ersten beiden von Bitzcore-Juergen durchgeführten Ausgaben mit großen Namen oder einer kultigen Oldie-Punk-Fraktion auftrumpfen konnten, wirkte das Indra diesmal leicht überdimensioniert. Der Vorverkauf war schleppend und als kurzfristig auch noch ASTRA ZOMBIES und – noch kurzfristiger – RESTMENSCH absagten und auch BULLSHIT BOY von der krass grassierenden Krankheitswelle erwischt wurden, stand das Ding sogar komplett auf der Kippe. Als Hoffnungsschimmer erwies sich, dass PSYCH OUT von einem Tag auf den anderen als Ersatz gewonnen werden konnten und BULLSHIT BOY sich bereiterklärten, statt als Trio kurzerhand als Duo aufzutreten. Die Parole lautete also: Durchziehen!

Beim Ausloten, wer wann spielen soll, erinnerten wir uns an unseren Schwur, uns nicht mehr bis nach hinten durchreichen zu lassen und verteidigten damit zumindest den dritten Slot. Eine Premiere für uns war, wie alle Bands dieses Abends über Kemper-Amps zu zocken, den Gitarren- und Basssound also aus fertigen Simulations-Presets auszuwählen, statt den erprobten Klang am eigenen Verstärker einzustellen. Dieser wurde dann auch nicht wie üblich über Bühnenboxen abgenommen, wir hatten also lediglich Monitore auf der Bühne. Einer der Gründe hierfür war, dass alle Auftritte auf 24 Spuren mitgeschnitten und den Bands anschließend zur Verfügung gestellt wurden. Eigentlich sollte nur die erste Band ‘nen richtigen Soundcheck machen und die anderen lediglich ‘nen Line-Check direkt vorm jeweiligen Gig bekommen. Da die erste Band aber nur aus zwei Leuten (Gitarre/Schlagzeug) bestand, ging der Plan nicht ganz auf.

Egal, die für diesen Abend zum Duo geschrumpften BULLSHIT BOY machten vor mittlerweile dann doch gar nicht so rar erschienenem Publikum den Anfang und mussten auf ihre Bassistin verzichten. Sängerin/Gitarristin Sabine und Drummer Carsten begannen mit ‘ner coolen Instrumental-Surfnummer, dem das punk’n’rollige „The World is on Fire“ folgte. Mit ‘nem Song über (keine) Mandelhörnchen auf Helgoland kann ich persönlich nun weniger anfangen, mit dem BLONDIE-Cover „One Way or Another“ dafür schon mehr, ebenso mit dem schön aggressiven „The Pressure is on“ von der noch zu veröffentlichenden Single. Der größte Hit war vermutlich „Pretty Boy“ und am Schluss gab’s mit „Bodies“ von den SEX PISTOLS ‘ne weitere Coverversion. Der Mix aus deutsch- und englischsprachigen Punkrocks-Songs machte Laune, war ein guter Opener – wenn auch die Abwesenheit des Basses sich in einem zeitweise etwas dünnen Sound bemerkbar machte. Aber wat willste machen?

G31 um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain haben bereits ihr zweites Album „Die Insel der versunkenen Arschlöcher“ veröffentlicht, flogen bisher aber weitestgehend unter meinem Radar. Gesehen hatte ich sie bisher nur einmal kurz bei der Jede-Band-spielt-nur-Fünf-Minuten-Sause im Störtebeker und das ist schon wieder verdammt lange her. Damals konnten sie mich nicht überzeugen, was sich heute Abend ändern sollte. Mittlerweile hat sich die Band um Peter von u.a. ANTIKÖRPER, LEISTUNGSGRUPPE MAULICH und zahlreichen weiteren HH-Punkbands verstärkt und zockt mit zwei Klampfen schöne Pogoriffs und eingängige Licks, die die Rhythmussektion gut nach vorne peitscht. Mitra legt mit ihrem kräftigen Organ melodischen Gesang zwischen klar und rotzig darauf, der durchdachte, deutschsprachige Texte mit durchaus klischeefreien, originellen Ansätzen formuliert, bewegt sich dazu zum Tanz auffordernd bis lasziv und kokettiert mit ihrem selbstbewussten weiblichen Charme. G31 brachten gut Stimmung in die Bude und haben mich sehr positiv überrascht, wenn auch Monitorprobleme der Band zu schaffen machten und der Bass bis zum Schluss leider viel zu leise war.

Nun galt es, meine nicht mehr ganz nüchternen Bandkollegen zusammenzutrommeln, den Umbau möglichst rasch hinter uns zu bringen und Mischer Andy möglichst noch ‘nen Soundcheck unterzujubeln. Das klappte so semi, denn während des Gigs in ungewohntem Bühnenaufbau (s.o.) stellte sich bald heraus, dass ich anscheinend der Einzige war, der mit seinem Monitorsound wirklich gut klarkam. Die Konsequenz waren über den Gig verteilte verpatzte Einsätze und Asynchronitäten, die uns sicherlich weit mehr auffielen als denjenigen, die vor der Bühne für Bewegung sorgten; immerhin waren wir angetrunken genug, uns davon nicht verunsichern zu lassen. Während „Wænde“ bei seiner Premiere auf dem Gaußplatz noch gut flutschte, verkackten wir ihn diesmal doch ziemlich. Nachdem wir ihn direkt nach dem Einstieg abbrechen mussten, höre ich mich auf der Aufnahme sagen: „So, das war das Intro. Jetzt kommt der eigentliche Song. Kurze Trinkpause. Prost.“ Einfach das Beste daraus machen! Bei „Elbdisharmonie“ schleuderte ich versehentlich mein Mikro von der Bühne, „Spaltaxt“ klang etwas arg schräg usw… Besser liefen da „Blutgrätsche“, den wir bei G31-Peter kürzlich für einen geplanten HH-Punk-Sampler im Studio aufgenommen haben und bei dem er uns auf der Bühne gesanglich unterstützte, sowie die ebenfalls recht neue Nummer „Phoenix aus der Flasche“. Die im unmittelbaren Anschluss – und damit als Abschluss – geplante Livepremiere eines brandneuen Songs sparten wir uns daher besser und räumten die Bühne für PSYCH OUT. Auch wenn die Leute offenbar ihren Spaß hatten, als Fazit für uns nehmen wir mit: Kemper-Amps einmal und nie wieder, und wenn wir schon keine Bühnensound-Boxen haben, müssen wir uns die Zeit für ‘nen ordentlichen Monitor-Soundcheck nehmen.

Völlig wumpe war all dies PSYCH OUT um HH-Punk-Urgestein Holli, Stoffel von YACØPSÆ (und seit einiger Zeit auch RAZORS) sowie den rauschebärtigen Shouter Lars, die knapp 20 Songs in gefühlt genauso vielen Minuten durchschrubbten, bei denen es Lars eher selten auf der Bühne hielt. Auch diese Band kannte ich eigenartigerweise bisher lediglich vom Fünf-Minuten-Gig im Störtebeker anno schießmichtot. Ultrapräzise ballernder Fast- und Oldestschool-US-Hardcore erfreute Kenner(innen) und Genießer(innen) der groben Kelle, die fortgeschrittene Stunde hingegen schien den/die eine(n) oder andere(n) Besucher(in) vertrieben zu haben; die Reihen hatten sich jedenfalls leider gelichtet. Songs wie „Take This Shit And Burn It Down“, „Fuck Your Scene”, „Humanity/Bullshit” oder das HASS-Cover „Ihr Helden” waren für mich der perfekte Abschluss des Abends, der noch bei ein, zwei Bierchen im Backstage-Bereich ausklang.

Danke an alle, die den Abend unter (in erster Linie krankheitsbedingt) widrigen Umständen doch noch zu ’ner geilen Party gemacht haben sowie an Dr. Martin für die Fotos unseres Gigs! Und ‘n Extraküsschen aufs Nüsschen an unseren Ex-Drummer Dr. Tentakel, der unser Merch betreute!

10.12.2023, Bambi Galore, Hamburg: CHRIS HOLMES + HARSH

Blind in Billstedt

In letzter Zeit habe ich irgendwie dann doch (wieder) Spaß an den alten Gassenhauern der US-Sleaze-Show-Metaller W.A.S.P. gefunden, vor allem, seit ich mir kürzlich das „Live at the Lyceum, London“-Video mit einer frühen Liveshow aus der Mitte der glorreichen ‘80er angesehen habe. Die Band existiert noch immer, wenngleich es sich seit geraumer Zeit eher um ein Soloprojekt das Bandkopfs Blackie Lawless handeln dürfte. Auf ein Konzert des unlängst zum „wiedergeborenen Christen“ mutierten Lawless, sprich: auf Playback in irgendwelchen Kackläden, habe ich trotzdem keinen Bock. Manchmal schätze ich die Encyclopaedia Metallum doch sehr für ihre ebenso einfachen wie präzisen Angaben. So findet sich bei W.A.S.P. der Eintrag: „Sex, Party (early); Society, Anti-religion (mid); Christianity, Politics (later)” – das fasst das Œuvre der Band gut zusammen. Eine Show des ehemaligen Gitarristen Chris Holmes, mittlerweile sein Soloprojekt betreibend und auch schon 65 Lenze zählend, reizte mich da schon eher, zumal mir setlist.fm im Vorfeld verriet, dass er üblicherweise eine ganze Reihe alter W.A.S.P.-Kracher zockt. Als ich sah, dass er an einem Sonntag im gemütlichen Billstedter Metal-Club gastieren würde, besorgte ich mir ein Ticket für ‘nen fairen Zwanni und war gespannt, was mich erwarten würde.

An diesem feuchten Adventsabend schienen sich zunächst einmal nicht allzu viele Freundinnen und Freunde der verzerrten E-Gitarre aufzuraffen und so war es beim Opener HARSH aus Frankreich noch sehr übersichtlich. Vor über’n Daumen gepeilt 20 Nasen (inkl. meinem Bandkollegen Holler und meiner Wenigkeit) erfüllten sich meine Befürchtungen: Vier Poser, von denen insbesondere der Frontmann das Haupthaar „schön“ hatte, zockten schlüpferstürmenden Glam-Hardrock/-Metal, von dem ungefähr die Hälfte von Skid Row, Guns N‘ Roses und wat weiß ich wem zusammengeklaut klang. Trotz Vorband-Status lieferten sich beide Klampfen zwischendurch ein Solo-Battle und zusammen mit jemandem, der sich später als Chris Holmes‘ Sänger und Bassist herausstellen sollte, als Gast-Duettpartner coverte man MICHAEL SEMBELLOs ‘80er-Pop-Klassiker „Maniac“. Gegen Ende des Sets wanderte das HARSH-Frisurenwunder mit seiner Klampfe durchs Publikum und gab sich als Plüschrocker zum Anfassen. Der Gig war insofern ok, als man sich nicht die Ohren zuhalten musste; außerdem dürfte sich heutzutage kaum noch jemand aus geschäftlichen Gründen diesem einst kommerziell so einträchtigen Stil verschreiben, sondern mit einer gewissen ehrlichen Leidenschaft agieren – nur macht das die Mucke leider nicht besser. Not my cup of pee. Umso überraschter war ich vom letzten Song, einem besonders auf der Gitarre und an den Drums sehr kompetent gezockten „Johnny B. Goode“-Cover. Gut, auch daraus haben JUDAS PRIEST in den ‘80ern noch etwas Eigenes gemacht, ein versöhnlicher Abschluss war’s dennoch.

CHRIS HOLMES stieg direkt mit dem W.A.S.P.-Klassiker „On Your Knees“ ein, wie alle Songs seiner ehemaligen Band gesungen von seinem Bassisten (der mit dem „Maniac“-Gastspiel zuvor). Der hat diese Blackie-Lawless-eigene Mischung aus dreckig und klagend zwar nun nicht gerade in der Stimme, ist aber ein wirklich guter, melodischer Sänger, der in den Refrains von Holmes‘ Geknurre unterstützt wird. Beinahe müßig zu erwähnen, dass ich – wie auch bei allen weiteren herrlich eingängigen Refrains des Sets – frohlockend mitsang. Schon nach den ersten drei Songs gönnte sich Holmes‘ einen kleinen Gitarrensolo-Slot, ohne es dabei mit dem Gegniedel zu übertreiben. Die Stimmung stieg und auch vor der Bühne verdoppelte sich die Anzahl der Gäste rasch. Trotz Miniclub und eher spärlichem Sonntagspublikum wirkten Holmes & Co. motiviert – und lieferten ab: Zu geilen Eigenkompositionen wie „The Devil Made Me Do It“ oder „Born Work Die“, von Holmes mit schön dreckiger, rauer Stimme dargeboten, gesellten sich W.A.S.P.-Hits aus der „Sex, Party (early)“-Phase von „L.O.V.E. Machine“ und „Sleeping (in the Fire)“ über „Blind in Texas“, bei dem ich endgültig beschloss, mich zu betrinken (Holmes hingegen hielt sich an einer Wasserflasche gütlich), bis hin zu „Wild Child“ und „Animal (Fuck Like a Beast)“. Das hielt die Party am Laufen und war tatsächlich der große Spaß, den ich mir erhofft hatte. Nur „I Wanna Be Somebody“, einen der größten W.A.S.P.-Hits, hatte ich am Schluss noch erwartet, doch der blieb aus. Möglicherweise ist der gar nicht von Holmes komponiert…? Stattdessen gab’s NEIL YOUNGs „Rockin‘ in the Free World“ als perfekt in die Zeit passenden Abschluss, dem, so meine ich mich zu erinnern, auch ein paar deutliche Worte an die Diktatoren dieser Welt vorausgingen und für den sich Mitglieder von HARSH noch einmal auf der kleinen Bühne einfanden, um mitzuträllern. In dieser Form bleibt uns der dichttätowierte Hüne, der einst wenig vorteilhaft betrunken und dekadent im Swimmingpool innerhalb der „The Decline of the Western Civilization, Part II: The Metal Years“-Doku porträtiert wurde, hoffentlich noch lang erhalten – denn mit dem weltfremd wirkenden L.A.-Rockstar von damals scheint der mittlerweile in Frankreich lebende Holmes nicht mehr viel gemein zu haben – außer dem Gespür für geile Riffs und Licks sowie ins Ohr gehende Singalongs.

P.S.: Den Dokumentarfilm „Mean Man – The Story of Chris Holmes” muss ich mir mal vormerken…

11.11.2023, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: INBREEDING CLAN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Von INBREEDING CLAN hatte ich schon länger nichts mehr gehört, bis im Sommer die Anfrage kam, ob wir ‘nen kleinen Soli-Gig mit ihnen in der Gaußplatzkneipe zocken würden, um ein paar Penunsen für einen alten, von Lukaschenkos Regime drangsalierten Kumpel in Belarus zu sammeln. Klar hatten wir das. Als Termin wurde ein Samstagabend mit Schnapszahl eingetütet. Kurioserweise hatten wir zuletzt an einem 12.12. zusammengespielt, nämlich im Jahre 2015, um unseren damaligen Basser Stef (R.I.P.) gen Frankreich zu verabschieden.

Mit dem Bollerwagen karrten wir unsere Plünnen in die ofenbeheizte, muggelige Kneipe, Aufbau und Soundcheck mit Technikchef und Mischer Wurzel waren weitestgehend entspannt. Nach und nach trudelte der CLAN ein und die ersten Bierchen kreisten. Auch mit Gästen füllte sich das Etablissement langsam, aber sicher, was gar nicht so selbstverständlich war, da am selben Abend mindestens vier weitere Punkkonzerte in Hamburg stattfanden. Als INBREEDING CLAN gegen 20:30 Uhr ihr Scum-Rock-Fass aufmachten und zu derangierten Südstaaten-Hillbillys mutierten, waren jedenfalls genügend neugierige Augenpaare auf die Performance gerichtet, die Sänger Flo beim Grimassieren, Tanzen, Stampfen und ungesund klingenden Krächzen der aus dem Leben eines Inzucht-Clans gegriffenen Texte beobachteten, begleitet von einer bewusst zurückgenommenen Instrumentierung und gelegentlichen Backing Vocals. In seinen Ansagen schimpfte Flo auf JOHNNY CASH, um dann später doch „Ghostriders in the Sky“ zu covern, mal verrutschte er in der Setlist oder verballhornte den KKK, bevor „Riding with the Clan“ angestimmt wurde. Auch das GG-ALLIN-Cover „Fuck Off, I Murder“ wurde im CLAN-Sound kredenzt. Fanden sie seinerzeit in der Lobusch kein Ende, boten sie diesmal ein kompaktes Set von ca. 45 Minuten, während derer sie den Gaußplatz in die subtropischen Sümpfe Louisianas verwandelten. INBREEDING CLAN sind so was wie ein sich stets irgendwie neben der Spur bewegendes Gesamtkunstwerk. Ich find’s großartig. Sollen endlich mal ‘ne Platte aufnehmen!

Wir bildeten anschließend einen musikalischen Kontrast, profitierten aber wie der CLAN von einem anscheinend ziemlich geilen P.A.-Sound, der zudem so gut mit dem Bühnensound abgestimmt worden war, dass ich keinerlei Monitor brauchte, um mich selbst shouten zu hören. Für so etwas lohnt es sich dann eben doch, auch in einem vergleichsweise kleinen Raum alle Instrumente einzeln abzunehmen. Unser Set hatten wir ein wenig umgestellt, das von Basser Holler mitgebrachte PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Cover „ACAB“ deutlich vorgezogen und das ebenfalls anwesende Geburtstagskind Snorre – Sänger des Originals – mit sanftem Druck dazu überredet, die Nummer mit mir zusammen zu schmettern. Bezeichnenderweise entfiel uns beiden im Eifer des Gefechts die dritte Strophe, sodass wir zusagten, sie später nachzureichen… Die Stimmung war prächtig, vor der Bühne einige Bewegung und unsere Live-Premiere „Wænde“ funzte überraschend fehlerarm. „Cop Killing Day“ widmeten wir wie immer Stef, der die Nummer von SCHÖNES GLATTES FELL nach deren Auflösung im Entwurfsstadium zu uns mitgebracht hatte. Nach 15 Songs gab’s dann noch mal „ACAB“ im Duett mit Snorre, diesmal inklusive abwechselnd gesungener dritter Strophe, und weil man uns weiter nötigte, einfach noch mal „Blutgrätsche“. Feierabend!

Nachdem zuvor bereits der Hut rumgegangen war, wurde nun noch eine restaurierte E-Gitarre, die INBREEDING CLAN zur Verfügung gestellt hatten, für den guten Zweck versteigert, sodass insgesamt anscheinend tatsächlich ein hübsches Sümmchen zusammenkam. Ich hielt mich noch ‘ne Weile am Veltins fest und ging, als ich Gesichter nur noch verschwommen wahrzunehmen begann. Ein gelungener Abend! Danke an alle, die sich eingebracht oder beteiligt haben, insbesondere die Kollegen von INBREEDING CLAN und das Gaußplatz-Team um Wurzel & Co.!

P.S.: Danke auch an Flo(rentine) für die Schnappschüsse unseres Gigs!

14.10.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: COCKNEY REJECTS + NINETEEN EIGHTY FOUR + ON THE RAMPAGE

Man mag es kaum glauben, aber ich hatte die COCKNEY REJECTS noch nie livegesehen – die (Mit-)Erfinder des Oi!-Punk, die West-Ham-Legende aus Londons East End, die mit „Stinky“ Turner & Co. personifizierte Street Credibility! Es ist ja nun nicht so, dass sie nicht seit mittlerweile doch einigen Jahren regelmäßig Station in Hamburg machen würden; einmal hätte ich sogar die Gelegenheit gehabt, mit meiner eigenen Kapelle zu eröffnen, aber es war jedes Mal etwas dazwischengekommen. Nicht so diesmal! Zumal es sich um die Abschiedsrunde der Band handeln soll, die fortan zwar weiterbestehen und vereinzelte Gigs spielen, aber nicht mehr auf Tournee gehen wolle. In meinen Plattenregalen tummeln sich ehrlich gesagt „nur“ die bescheiden „Greatest Hits Vol. I-III“ betitelten drei Alben aus den Jahren 1980 und ‘81, was danach kam, soll seinerzeit mit hardrockigeren Klängen (zeitweise gar unter dem gekürzten Namen „The Rejects“) die alten Fans vergrault haben – und habe ich mir deshalb nie angehört. Könnte ich in diesen Musikstreaming-Zeiten eigentlich locker mal nachholen. Und natürlich auch die jüngeren Alben, mit denen sie zum alten Stil zurückgefunden haben sollen.

Zumindest auf letzteres habe ich nach diesem Konzert richtig Bock, aber der Reihe nach: Im 350 Gäste fassenden, ausverkauften Monkeys hatten die Niederländer ON THE RAMPAGE bereits zu spielen begonnen, als meine bessere Hälfte und ich unsere Tickets gegen Stempel eintauschten, waren demnach ober- oder gar etwas überpünktlich auf die Bühne gegangen. Sie zockten gerade recht kompetent ein THE-CURE-Cover („A Forest“), als wir dazustießen, und peppten ansonsten ihren etwas roheren, mit heiserer Stimme vorgetragenen Streetpunk mit sehr coolen Bassläufen auf, die schon mal die Gitarre als Lead-Instrument ablösten und bei Top-P.A.-Sound viel Spaß machten. ON THE RAMPAGE haben bisher ein Album am Start, das 2020 auf Sunny Bastards und Comandante Records erschienen ist. Ihre Ansagen hielten sie auf Deutsch und über die nächste Band wussten sie zu sagen, dass sie „gar nicht so scheiße“ sei.

Gemeint waren die französischen NINETEEN EIGHTY FOUR, die bisher zwei Alben und eine Handvoll Siebenzöller anzubieten haben. Frauen in Bands sind nichts Außergewöhnliches, eine Drummerin ist aber nach wie vor die Ausnahme. Diese verpasste dem recht smoothen, melodischen Streetpunk, nun mit zwei Gitarren, mit schönen Chören angereichert und einer auf die späten Siebziger abzielenden Oldschool-Ausrichtung, einen ordentlichen Punch. Gesungen wurde – nicht selbstverständlich für französische Bands – auf Angelsächsisch und zwei Nummern, insbesondere die letztere der beiden, erinnerte mich stark an THE CLASHs „Guns of Brixton“ (und andere nicht auf fröhlich getrimmte Punk/Reggae/Ska-Crossover-Songs). Schöner Gig, der nun auch ein paar mehr Leute zum Tanzen animierte. Leider gab’s keine Zugabe.

COCKNEY REJECTS eröffneten mit „Fighting in the Streets“ und hauten anschließend einen Gassenhauer nach dem anderen ‘raus, von frühem Material wie „I’m Not a Fool“ und „Flares ’n‘ Slippers“ über quasi sämtliche Hits der ersten beiden Alben bis hin zu in kleiner Dosis eingestreuten Stücken späterer Platten. Vom ungeliebten „The Power and the Glory“ gab’s den tatsächlich hörenswerten Opener „Power & Glory“ sowie „On the Streets Again“, aufhorchen ließ mich auch der Hit „I love Being Me“, der sich, wie ich jetzt weiß, auf „East End Babylon“ befindet. War überhaupt etwas von der aktuellen Langrille „Power Grab“ dabei? So oder so: Ein Best-Of-Set, wie man es sich als Fan der Klassiker nur wünschen konnte. Über die Form der Band hatte ich die letzten Jahre nur Gutes vernommen, was sich bewahrheiten sollte: Da saß jedes Riff, und Frontmann Turner, ehemaliger Boxer und nebenbei als Boxlehrer tätig, hat sein schrilles, herrlich rotziges Punkorgan kaum eingebüßt, war zudem permanent in Bewegung: Wenn er gerade nicht sang, ging er seinem Erkennungszeichen, dem Schattenboxen, nach und trainierte seine Beinarbeit. Mein lieber Scholli, wenn ich mal in dem Alter bin, will auch noch derart fit sein. Seine Ansagen erfolgten stilecht im breiten Cockney-Slang und er interagierte mit dem Publikum, ging auf Tuchfühlung, hielt dem Pöbel des Mikro zum Mitgrölen der Refrains vor die Fratzen. Entsprechend gut was los war vor der Bühne – Pogo, gereckte Fäuste, inbrünstig skandierte Songtexte. Stimmungshöhepunkte waren „We Are The Firm“, „The Greatest Cockney Rip-Off” (das ich schon den ganzen Tag im Ohr hatte), „Police Car“ und natürlich die West-Ham-Hymne „I’m Forever Blowing Bubbles“ sowie „Oi! Oi! Oi!“, der, soweit ich mich erinnere, bis ganz zum Schluss aufgespart wurde. Die Band gab sich generell keinerlei Blöße, zockte die rüpeligen Songs, als hätten wir 1982, und ist an den entscheidenden Positionen Gesang und Gitarre originalbesetzt. Das Publikum habe ich als angenehm gefunden, gemeinsam wurde ‘ne astreine Party gefeiert. An diesem Auftritt hab‘ ich so gar nichts zu bekritteln; im Prinzip verlief er genauso, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Danke an die COCKNEY REJECTS für die musikalische Rückbesinnung, das Fitbleiben der verbliebenen Originalmitglieder und den Spaß an subkulturellen Clubshows, und danke ans Monkeys, das einmal mehr den idealen Rahmen für eine Veranstaltung wie diese bot. Würde mich freuen, die Band irgendwann noch mal sehen zu können.

Das knallgelbe „Bad Man“-Shirt vom Merch-Stand hätte ich mir vielleicht im nüchternen Zustand nicht unbedingt zugelegt, aber warum nicht mal wieder etwas Mut zur Farbe? 😀

26.08.2023, Wohlwill-/Paulinen-/Brigittenstraßenfest, Hamburg

Das Wohlwillstraßenfest heißt jetzt (oder schon länger?) Wohlwill-/Paulinen-/Brigittenstraßenfest und deckt damit auch im Namen all jene sympathischen Kiezseitenstraßen ab, in denen es seit jeher stattfindet. Lange war ich nicht mehr dagewesen, aus bekannten Gründen hatte es einige Jahre auch gar nicht stattgefunden. Diesmal war ich pünktlich am Start, um noch den recht großen und um Verzehr- und einige antifaschistische Infostände angereicherten Flohmarkt mitzunehmen, der wie üblich direkt zur Anhängerbühne auf dem Paulinenplatz führt, wo sich diverse Underground-Bands aus Hamburg und dem Umland umsonst und draußen ein Stelldichein geben. Als am Nachmittag THE GENTS den Reigen eröffneten, lieferten sie damit zunächst den Soundtrack zu den letzten Metern meines Flohmarktbummels, bis ich mich gegen Ende des Sets an der Bühne einfand. Garage- bzw., in Anlehnung an einen ihrer Songs, Carport-Punk war angesagt, was nicht unbedingt zu meinen favorisierten Subgenres zählt und mich auch nicht so ganz erreichte. ANNIE ANYWAY zockten anschließend melodischen Punkrock in Triogröße, wobei Gitarristin, Bassistin und Drummerin alle mal singen durften. Mit den flotteren, ruppigeren Stücken konnte ich mehr anfangen als mit dem langsameren, für meine tauben Ohren eher gen Emo tendierenden Songs. Zwischendurch riss eine Saite, doch dank HARBOUR-REBELS-Dennis‘ Hilfe konnte es alsbald weitergehen. Obwohl mittlerweile doch so einiges an interessiertem Publikum zusammengekommen war, war der Abstand zwischen eben jenem und der Bühne noch immer immens, was bei diesem Straßenfest nicht unüblich ist, aber irgendwie doof aussieht und ein Indiz dafür sein könnte, dass für die meisten die Musik eher Hintergrundbeschallung zum Freundetreffen, Sabbeln und Trinken ist, so ehrlich gesagt auch bei mir. Ach ja, leckeres preiswertes Essen vom Grill gab’s auch noch, das Sojaschnitzel im Brötchen war haute cuisine!

Das Duo SPARCLUB war als nächstes an der Reihe und hatte letztes Jahr auf dem Schanzenfest irgendwie mehr gebockt als hier und heute, wo es ein wenig verloren wirkte und nur zu zweit soundtechnisch nicht sonderlich viel Druck erzeugen konnte. Nach ein paar Songs war ich aufgrund eines Zwischenfalls eine Weile unabkömmlich (direkt am Spielplatz herumliegende Sprühdosen sind nur bedingt ‘ne gute Idee…) und bekam somit nicht mehr allzu viel von diesem Gig mit. Auf THE MUTTNICKS verzichtete ich dann zugunsten eines Tipps, der per Mundpropaganda die Runde machte: Man solle unbedingt in die unweit gelegene Jägerpassage kommen, dort spiele eine Hammerband. Wovon redeten wir? Eine geheime EIGHT-BALLS-Reunion? SLIME in Originalbesetzung? Nicht ganz, ging dann doch „nur“ um FAT FLAG, die sich nicht etwa als BLACK-FLAG-Coverband entpuppten, sondern als schön rotzig nach vorne gehender Punkrock mit deutschen Texten von ein paar Herrn im besten Alter und in Feinripp-Unterhemden. In der wohligen Hinterhof-Charme ausatmenden Passage zwischen zwei Wohnhäusern war eine Bühne aufgebaut worden, über die offenbar auch hier ein buntes Programm ging. Ein Getränkestand versorgte einen mit Cocktails und Bier, eine Gemeinschaftstoilette im Haus stand allen zur Verfügung. Geiler Scheiß, der sogar besser angenommen wurde als die Paulinenplatzbühne, wobei es durch die schlauchförmige Enge hier zudem wesentlich drängeliger und gemütlicher wurde und der Mob bis ganz vorn zur Bühne reichte. Der Bassist fiel nach ein oder zwei Songs von derselben und im Publikum wurde gegen Ende eine Pyramide à la SCORPIONS gebildet. Rockte like a Hurricane!

Dabei stand der eigentliche Höhepunkt noch bevor: ATOM ATOM! Das Hamburger Trio spielte als letzte Band Paulinenplatz und machte wieder richtig Laune. Im Prinzip ähnlich wie auf dem Affengeburtstag, mit dem Unterschied, dass ich diesmal das Tanzbein schwang. Da ich damit nicht ganz allein war, kam nun auch mehr Stimmung vor der Bühne auf. Durch die Dunkelheit kamen Bühnenlicht und -nebel gut zur Geltung und sorgten für ein Plus an Atmosphäre. Im Prinzip war das der krönende Abschluss eines ausnahmsweise mal wirklich schönwettrigen Hamburger Sommertags, auf den sogleich ein Regenschauer folgte, vor dem man im Jolly Schutz fand. Warum ich mich dort nun noch derart abfüllen musste, dass es beinahe auf allen Vieren nach Hause ging (inklusive mit irgendwo verlustig gegangenem schwarzem Zipper – jemand gefunden? Finderlohn: Bier!), weiß ich hingegen wirklich nicht, besiegelte aber endgültig meine Urlaubsreife, weshalb mein kleiner Tagebucheintrag erst jetzt, nach zwei erholsamen Wochen auf der Insel, nachgereicht wird…

17.08.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: ANTAGONIZERS ATL + RED BRICKS

…und ANTI-HEROS. Die waren mein primärer Grund für den Konzertbesuch, sollte die US-Oi!-Band, die bereits seit den 1980ern besteht, doch erstmals seit über 20 Jahren drei Gigs in Deutschland absolvieren: in Essen, tags darauf in Hamburg, anschließend in Berlin. Dazu später mehr. Wäre nicht viel potenzielles Publikum bereits zum „Spirit of the Streets“-Festival aufgebrochen gewesen, wäre das Monkeys an diesem Donnerstag sicherlich noch um einiges besser besucht gewesen. Trotzdem bot sich eine ordentliche Kulisse, als ich mir endlich meinen zweiten RED-BRICKS-Gig anschauen konnte. Die machen sich ja eigentlich nicht gerade rar, aber seit sie ihren neuen Sänger haben, hat es irgendwie nie bei mir gepasst. Im Vorprogramm von THE OPPRESSED hatte ich sie zuletzt sogar nur knapp verpasst. Nun ging aber alles klar: Die Hamburger spielten sechs Song ihres im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbums, dazu ein paar jüngere Songs, u.a. das brandneue, am Tag nach dem Gig online veröffentlichte Stück „They Shall Not Pass“. SHARP-Attitüde traf auf die hohe Musikalität erfahrener Bandmitglieder; zwei Gitarren zauberten unkitschige Streetpunk-Melodien, auf die der Sänger mit kräftigem Organ durchdachte Texte mit unwiderstehlichen, oft zum Fäusterecken einladenden Refrains legte. Abgerundet wurde der tolle Auftritt bei ziemlich gutem, differenziertem Sound vom „Ultra Violence“-Cover mit gesanglicher Unterstützung des Publikums. RED BRICKS, die kürzlich auch auf dem englischen Rebellion-Festival aufgetreten sind, sind definitiv eine der Bands der Stunde. Schade nur, dass Bassist Keith an diesem Abend unabkömmlich war. Ersetzt wurde er vom ANTAGONIZERS-Bassisten, der angesichts der kurzen Vorbereitungszeit seine Sache erstaunlich gut machte.

Die ANTAGONIZERS als Atlanta begleiten ihre Nachbarn ANTI-HEROS auf deren Europatour und traten ebenfalls als Quintett mit zwei Gitarren auf. Der Sänger der anscheinend seit den 2010ern existenten Band sorgte von der ersten Sekunde an für Stimmung; völlig entfesselt peitschte er vom Bühnenrand das Publikum an und haute mit kräftiger Background-Unterstützung einen feinen Singalong nach dem anderen heraus, dass es die reinste Freude war. Anfänglich wurde der Gesang noch stark von einer der Gitarren überlagert, aber der Tonmann besserte im Laufe der ersten Songs nach. Der Funke jedenfalls sprang über, einige Gäste (inkl. euer werter Chronist) schwangen fröhlich das Tanzbein und durften sich über das BLITZ-Cover „Warriors“ freuen, für dessen Refrain der Sänger sich ins Publikum begab und die Meute mitsingen ließ. Auf Ansagen verzichtete man größtenteils, als habe man keine Zeit zu verlieren und wolle dem europäischen Publikum so viele Songs wie möglich präsentieren. Einer davon war zudem brandneu. Ein begeisternder Gig, doch die gute Stimmung konnte leider nicht bis zum Ende des Abends gehalten werden…

…denn nachdem die ANTI-HEROS Backing-Band (zu der auch einer der beiden ANTAGONIZERS-Klampfer zählt) als Intro eine ziemlich geil aufgepimpte Version des 4-SKINS-Instrumentals „The Spy from Alaska“ gezockt hatten, betrat Sänger und Bandkopf Mark die Bühne mit einem T-Shirt, das seine Sympathien fürs Trump-Lager mehr als nur erahnen ließ. Das machte dann auch rasch im Publikum die Runde, woraufhin sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Anwesenden in den Pub-Bereich zurückzog und lieber miteinander trank, als die Band vor der Bühne zu unterstützen. Da auch ich dazuzählte, kann ich hier zum Gig nichts weiter schreiben. US-Oi!-Legende hin oder her, auf so etwas habe ich keinen Bock. Nach dem Gig habe Mark dann noch etwas von „Joe Biden ist schlimmer als Hitler und Stalin zusammen, man erzählt euch in Deutschland nicht die Wahrheit!“ gefaselt und auf Facebook hat er Videos von Alt-Right-MAGA-Deppen gepostet. Der dürfte sich aber mal ganz kräftig im Geflecht aus Verschwörungsideologien, Rechtspopulismus und Fehlinformationen verheddert haben. Das Monkeys-Team war davon genauso überrascht wie wir. Schade, denn diese Band bedeutete mir mal etwas und ich hatte mich wochenlang auf den Gig gefreut. Zeichen der Zeit…

21.07.2023, IsoVinyl, Buxtehude: DEEP DYED

Mehr oder weniger durch Zufall war ich darauf gestoßen, dass es nicht nur wieder einen Plattenladen in meiner alten Wahlheimat gibt, sondern dort an einem Freitagabend auch ein Gratis- bzw. Hutspenden-Konzert eines jungen, als „Psych-Pop“ bezeichneten Hamburger Quartetts namens DEEP DYED spielen sollte. Da ich Buxtehude ohnehin mal wieder einen Besuch abstatten wollte, bot es sich an, von der Maloche kommend statt nach Hause direkt in die andere Richtung zu gondeln. In der Este-Metropole angekommen, orderte ich erst mal ‘nen Burger (der teuerste, den ich jemals hatte – verdammte Inflation!) und ‘n Bierchen in der WaschBar, in deren Außenbereich kurioserweise die Band nur einen Tisch weiter von mir saß. Ich brauchte für mein Mahl etwas länger, sodass sie schon zu spielen begonnen hatte, als ich mich am Fleth in den gemütlichen Plattenladen mit Wohnzimmeratmosphäre drängelte und dem ersten Set beiwohnte, das fast ausschließlich auf die ruhigeren Stücke setzte, von denen ein Großteil vom just als LP, MC und CD veröffentlichten Debütalbum „Unmade Beds“ gestammt haben dürfte.

Die Instrumentierung war klassisch: Drums, Bass, zwei Gitarren, Gitarristin und Gitarrist teilten sich den englischsprachigen Gesang. Beide harmonierten gut miteinander; meist wechselten sie sich ab, manchmal ertönte der Gesang auch mehrstimmig. Eine musikalische Zuordnung fällt nicht leicht, Indie-Pop-Rock als Oberbegriff dürfte passen, in einer ein bisschen post-punkigen Ausrichtung, ohne allzu düster zu werden. Dieses erste Set klang sehr zurückgenommen, verträumt, melancholisch, dabei sehr musikalisch mit größtenteils unverzerrten Gitarren, denen zum genüsslichen Zuhören einladende Melodien und Harmonien entlockt wurden. Eine Coverversion befand sich wohl darunter, die ich aber zugegebenermaßen nicht erkannt habe. Kurz vor Ende des Sets ging der Hut rum, der vom spendierfreudigen Buxtehuder Publikum gut gefüllt wurde.

Anschließend war eine gute Stunde Pause angesagt, die prima genutzt werden konnte, um sich aus dem – mir bis dato auch vollkommen unbekannten – Laden nebenan, dem Flethensitzer, Buxtehuder Craft-Bier zu holen und sich damit an den mit einigen Tischen und Bänken ausgestatteten Fleth zu, äh, flethzen. Beinahe müßig zu erwähnen, dass mir auch dieses Buxtehude-eigene Bier vollkommen neu war. Der plötzlich eintretende Regen trübte die angenehm sommerliche Stimmung leider ein wenig, dafür traf ich aber erst jetzt eingetroffene alte Bekannte und konnte ein Pläuschchen mit Iso halten, der seinen Plattenladen als kulturellen Treffpunkt verstanden wissen will und ihn ohne kommerzielle Gewinnabsicht betreibt. Bei alldem wurde mir ein wenig warm ums Herz.

Dieser Zustand hielt auch beim zweiten, dem etwas „wilderen“ Set an. Ein Song, bei dem es etwas mehr zur Sache ging, hatte während des ersten Sets bereits einen Ausblick darauf geliefert. Die Klampfen wurden nun auch verzerrt gespielt, der Sound bekam mehr Nachdruck, die feinen Melodien und melancholische Ausrichtung blieben aber erhalten. Hin und wieder musste ich dabei an ursprünglichen Grunge denken, aber dieser Vergleich hinkt. Das machte nicht nur mir Laune, auch DEEP DYED hatten sichtlich Spaß und ließen sich zu gleich zwei Zugaben überreden. Ich bin nun wahrlich nicht alle Tage auf einem Konzert einer jungen, frischklingenden Indie-Band und kann mit vielem aus diesem Bereich auch so gar nichts anfangen, aber das hier war ‘ne wirklich coole Nummer in heimeligem, intimem Ambiente zwischen Platten von Hardrock bis Schlager und Alf-Hörspielen.

Am Donnerstag, 31.08.2023 spielen DEEP DYED ihre offizielle Record-Release-Show im Hafenklang.

DEEP DYED bei Bandcamp:
https://deepdyed.bandcamp.com/

09.07.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: SHEER TERROR

Die NYHC-Legende SHEER TERROR im Monkeys? Hatte die da nicht gerade erst gespielt? Ja, im November, aber ohne mich, und tatsächlich lag mein letztes SHEER-TERROR-Konzert beinahe unentschuldbar schon wieder saulange zurück (2015 war’s). Offenbar hatte das Monkeys der Band auf ihrer Sommer-Tour kurzerhand mit diesem Slot ausgeholfen, entsprechend kurzfristig war das Konzert für diesen Sonntag anberaumt worden. Es war der Sonntag eines wunderschönen Wochenendes, das sich beinahe wie Sommerferien angefühlt hatte, wenngleich Hamburg unter einem Hitze-Hoch ächzte. Der krönende Abschluss dieses Wochenendes sollte dieser Gig werden, für den ich mir vornahm, es nicht zu übertreiben, da ich am nächsten Morgen wieder zur Maloche musste.

Um 20:00 Uhr sollte es eigentlich losgehen, doch als ich um kurz nach halb acht eintraf und die 18,- EUR an der Abendkasse latzte, war noch ziemlich tote Hose. So richtig voll sollte es auch bis 20:30 Uhr nicht mehr werden, als die Band um Wutbrocken Paul Bearer mit „Here To Stay“ loslegte, aber das war wohl auch nicht zu erwarten. Um die 30 Besucherinnen und Besucher dürften ob des wuchtigen P.A.-Sounds, des genialen, bandtypischen Gitarren-Tunings und Pauls brachialem, fiesen Gebrüll ebenso verzückt gewesen sein wie ich. Der Fokus des Sets lag auf den Klassikern wie „I, Spoiler“, „Twisting and Turning“, dem außergewöhnlichen „Roses“ mit Pauls cleanem Gesang, „3 Year Bitch“, „Ashes, Ashes“ usw., angereichert mit Material vom starken Comeback-Album „Standing Up For Falling Down“ oder auch dem (ebenfalls clean gesungenen, punkrockig-melancholischen) OLD-97‘S-Cover „Salome“.

Zwischendurch ließ sich Paul seine berüchtigten Spoken-Word-Beiträge natürlich nicht nehmen. Den ersten widmete er dem leider vor wenigen Tagen an den Folgen seiner langen Krankheit verstorbenen GROWING-MOVEMENT-Sänger und ehemaligen APPD-Sportminister Loll – ein schöner Nachruf auf einen alten Haudegen, den ich seinerzeit als Talkshow-Gast bei „Vera am Mittag“ über die Mattscheibe flimmern sah und den Auftritt abfeierte. Im zweiten machte er unmissverständlich klar, dass Homophobie in der Hardcore-Szene nichts verloren hat, schon gar nicht im Jahre 2023. Beim dritten war ich gerade Wasser abschlagen und bekam daher nicht alles mit, aber er übte wohl (Selbst-)Kritik an der New Yorker Hardcore-Szene, die er polemisch als so etwas wie eine internationale T-Shirt-Verkaufsindustrie bezeichnete. Damit nicht so ganz d’accord ging einer der Gäste, der Paul auf Deutsch ein paar Widerworte gab, die dieser nicht verstand, woraufhin der Besucher um Nachsicht bat („I cannot so good English“) und ein Kumpel von ihm insofern dolmetschte, als er Paul sagte, sein Kollege sei not angry at him, wovon Paul nämlich ausgegangen war. Shakehands, alles gut, weiter im Programm mit Original-Hatecore der alten Schule (lange bevor Neonazis diese Bezeichnung für sich adaptierten).

Einer der Höhepunkte war erwartungsgemäß „Just Can’t Hate Enough“, eine der SHEER-TERROR-„Hymnen“ schlechthin. Doch damit war dann leider auch schon Schluss; auf das eigentlich noch auf der Setlist verzeichnete, zum festen Live-Bestand der Band zählende THE-CURE-Cover „Boys Don’t Cry“ musste man leider verzichten – auch die „One More Song!“-Rufe lockten Paul nicht mehr aus dem Backstage zurück. Gut möglich, dass er seiner Kondition Tribut zollen musste; der Gute wird ja auch nicht jünger und bei seiner körperlichen Konstitution sind Temperaturen wie an diesem Wochenende sicherlich noch mal wesentlich kräftezehrender als für unsereins, die wir zudem keine Hardcore-Show abreißen müssen. Ich gönnte ihm seinen Feierabend und freute mich darüber, einen geilen Gig bei Spitzensound erlebt zu haben, der mich zu ein paar grobmotorischen Zuckungen und Tanzschritten verleitet, mir vor allem aber Songs um die Ohren gehauen hatte, die mir viel bedeuten und mich seinerzeit dazu inspiriert hatten, selbst ‘ne kleine Krawallcombo zu gründen. Ich wünsche SHEER TERROR noch viele geile Konzerte vor wesentlich mehr Publikum auf ihrer Tour!

Nach einem lütten Absacker ging’s flugs nach Hause, denn für den späten Abend waren Regen und Gewitter angesagt und ich war nur in T-Shirt und Kutte unterwegs. Zu Hause ließ ich das Wochenende mit Kopfhörern in den Ohren bei ein, zwei Bierchen auf dem Balkon ausklingen, wo ich aufs Gewitter wartete, das irgendwann eher zaghaft kam, aber die ersehnte leichte Abkühlung mit sich brachte…

09. + 10.06.2023, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2023

Auch im 31. Jahr seines Bestehens lud der Hamburger Gaußplatz zum zweitägigen Gratis-Open-Air-Festival, und mit meiner kleinen Kapelle war ich diesmal sogar live dabei. Das Billing wurde mehrfach durcheinandergewürfelt, wir waren für die leider verhinderten DETROIT 442 nachgerutscht. So traf ich mich am Freitag also direkt nach der Lohnarbeit mit den anderen Motherfuckers + Familienanhang am Proberaum, wo wir einen Bollerwagen mit unseren Plünnen befüllten, den wir anschließend durch den Stadtteil zogen. Am Aldi legten wir ‘nen Zwischenstopp ein, um noch ‘ne Palette Discount-Dosenbier mitzunehmen, als unsere Mobiltelefone einen Alarm meldeten: Schwarze Rauchwolken zogen aus der Hafencity kommend durch die Stadt und das Dachgeschoss eines Gebäudes brannte. Grund: Auf einer Baustelle waren Gasflaschen explodiert. Offenbar bereits zum wiederholten Male… Ein paar Böller zum Salut also. An beiden Tagen herrschte bestes Wetter, dem man aufgrund der Platzvegetation und -bebauung aber auch meist gut in den Schatten ausweichen konnte. GOSSESIEBEN aus Wittmund um Rohrpost-Fazinemacher Torben sollten gegen 18:00 Uhr den Liveband-Reigen eröffnen, waren aber noch mit Aufbau und Soundcheck beschäftigt. Wir holten uns unsere Freibier-/-mampf-Stempel bei Bühnen- und Soundchef Wurzel ab, waren überrascht, dass sogar ‘n Schein für die Bandkasse abfiel, und köpften die erste Pulle.

Als der Soundcheck durch war, ließen sich GOSSESIEBEN nicht lange bitten und traten den bereits zahlreich versammelten Musik- Connaisseuren mit ihrem deutschsprachigen Hardcore-Punk der schnörkellosen alten Schule kräftig in die Hintern. Torben bellte, angepeitscht von seinen drei Bandkollegen, aggressiv ins Mikro, legte gut paar Meter auf der Bühne zurück und kotzte sich über diverse eklige Missstände kräftig aus, dass es eine Freude war. Mit „Stadt der Mörder“ von LEFT JAB fand sich eine originell gewählte Coverversion mit Stadtteil- und Gaußplatzbezug im Set und ich freute mich über diesen gelungenen, schön anstachelnden Festivaleinstand!

GOSSESIEBEN bei Bandcamp:
https://gossesieben.bandcamp.com/

Dann sollten und wollten wir ran, an einen schnellen Umbau war aber nicht zu denken: Ein verdammtes Kabel für Hollers Bass-Amp fehlte. Die Technikdepots des Platzes wurden auf den Kopf gestellt, aber nix zu machen: Ein Ersatzgerät musste her. Dieses war dann aber rasch gefunden und eingestöpselt. Weiter zum Monitor-Check. Nix zu hören, mach ma‘ lauter. Immer noch nix. Noch lauter. Nix. Irgendwann des Rätsels Lösung: Sabotage! Die Dinger waren gar nicht an. Herrlich die Noisecore-Feedback-Orgie, als sie dann eingeschaltet wurden. „Das war unser Konzert, vielen Dank für eure Aufmerksamkeit“, scherzten die Kollegen von der Bühne. Teile des Publikums scharten bereits länger ungeduldig mit den Hufen und bewarfen uns mit Schmutz und Unrat. Gitarrist Kais kleiner Sohn tat es ihnen gleich, wenn er nicht gleich selbst auf der Bühne herumsprang und uns verprügelte. Anarchie und Anomie! Zum Glück gab’s Bier. Nachdem wir beschlossen hatten, dass das mit den Monitoren jetzt so gehe, legten wir direkt los, um Schlimmeres zu verhindern. Mein Gekeife ließen wir während der ersten Songs von Wurzel und seinem Kompagnon einpegeln. Der Gig machte Laune und klappte weitestgehend ohne weitere Probleme. Das Publikum bestachen wir mit dem warmen Billigdosenbier. Das war ‘ne reichlich bekloppte Idee, weil das gekühlte Flaschenpils nur ‘nen lumpigen Euro kostete (inflationsfreie Zone Gaußplatz!), funktionierte kurioserweise aber trotzdem. Wir zockten in ungefähr 40 Minuten 14 Stücke, darunter zum zweiten Mal überhaupt „Blutgrätsche“, und mit „Phoenix aus der Flasche“ gab’s ‘ne Livepremiere. Irgendwann turnte Kais kleiner Racker wieder auf der Bühne herum (natürlich mit Hörschutz, durch den kleine Kinder immer so aussehen, als müssten sie in viel zu jungen Jahren schon auf dem Bau arbeiten – mit dem Presslufthammer!), konterkarierte unseren Hatepunk mit Cuteness und stahl uns glatt die Show. Da wir ohnehin schon im Zeitverzug waren und nun mal auch keine Rockstars sind, übersprangen wir den Tschüß!-Zugabe!-Na-gut…-Teil und zockten das PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Cover ohne vorausgehendes Brimborium. Dass wir daraus eigentlich ein Duett mit Originalsänger Snorre hätten machen können, der genau vor der Bühne stand, fiel mir leider erst im Nachhinein ein… Da ein paar Unentwegte dann aber trotzdem noch mehr wollten, spielten wir einfach „Blutgrätsche“ noch mal. Es war uns ein Vergnügen! Auf der Bühne war’s übrigens so warm, dass das obligatorisch von mir verschüttete Bier am Schluss komplett weggetrocknet war und ich die nun welligen Setlists einfach wieder einpacken konnte.

Wir sind auch bei Bandcamp:
https://disillusionedmotherfuckers.bandcamp.com/

Nun stand das Heimspiel für Weste, Nina, Needlz und Toni, sprich: die LIQUOR SHOP ROCKERS an. Vor ein paar Jahren hatten wir mit ihnen anlässlich meines Geburtstags schon mal im Gängeviertel gespielt. Die Band hatte letztes Jahr leider krankheitsbedingt absagen müssen und ist durch den ganzen Brexit-Mist und dessen Auswirkungen auf ihren schottischen Gitarristen Needlz ohnehin gebeutelt. Umso schöner, dass es dieses Jahr geklappt hat! Teile des Auftritts verschwimmen in meiner Erinnerung etwas, da ich viel in Smalltalk involviert war, aber nach, ich glaube, anfänglichen Soundproblemen war das wieder ‘ne feine Mischung aus Punkrock und Hardcore-Vibes, dargereicht von alten Szenehasen. Und diese verstehen es nach wie vor, ordentlich Druck zu machen, Spielfreude an den Tag zu legen und eingängige Songs mit dem nötigen Maß an Aggression und Verbindlichkeit herauszuschmettern. Wie Needlz an der Klampfe abgeht, grenzt an Sport und ist ein echter Hingucker, ebenso natürlich der hochgewachsene Weste, der in seiner Gestik seinen HC-Hintergrund nicht verbergen kann (und vermutlich auch gar nicht will, wozu auch?). Nina lässt den Viersaiter ordentlich knarzen und Toni schenkt seinem Drumkit kräftig einen ein. Dass Weste für den einen oder anderen Text zum Spickzettel greifen musste, kann man ihnen kaum verdenken. Klasse Band, die uns den Umständen zum Trotz hoffentlich noch lange erhalten bleibt!

LIQUOR SHOP ROCKERS bei Bandcamp:
https://liquorshoprockers.bandcamp.com/

Mittlerweile war’s dunkel geworden und das französische Heavy-Punk-Trio CAPRICÖRN stand auf der Bühne. Das kannte ich bisher noch nicht, klopfte mit seinem flotten MOTÖRHEAD- und Crust-beeinflussten Hardcore-Punk aber gut aufs Mett. Die englischsprachigen Texte teilten sich der Gitarrist und der Bassist, wobei letzterer zunächst gar nicht zu hören war, aber anscheinend rasch das Mikro ausgewechselt bekam. Die eher düstere Stimmung der Musik passte zur Dunkelheit, die rauen Stimmen schmirgelten gut was weg und an den Instrumenten war man ziemlich tight. Der dominante Bass klang nicht selten – nicht unähnlich der vorausgegangenen Band – wie ‘ne zweite Klampfe. Vor ungefähr ‘nem Jahr ist das aktuelle Album „Sink In Tears“ erschienen, das ziemlich gut durchläuft. Atmosphärischer Stoff mit gutem Gespür für interessante, griffige Songs, live sehr überzeugend dargeboten. Nach dem letzten Akkord ging’s für mich aber flugs in die Koje, schließlich sollte es am nächsten Abend pünktlich weitergehen.

CAPRICÖRN bei Bandcamp:
https://capricornrock.bandcamp.com/

Tatsächlich ging’s Samstag sogar dermaßen pünktlich los, dass HOT SCHROTT bereits spielten, als ich um kurz nach 18:00 Uhr wieder auf dem Platz eintraf. Die hatten ein Heimspiel und stießen auf reges Interesse, sicherlich nicht nur, weil dieser Auftritt als ihr vorletzter überhaupt angekündigt worden war. Ich hatte ehrlich gesagt bis hierhin kaum Berührungspunkte mit der Band, weil mich die in den Plattenkritiken herangezogenen Vergleiche in Richtung Rachut und Früh-/NDW-Punk eher abgeschreckt hatten. „Post-Emotion-Punk“ bezeichnet das Quintett seinen Stil, der mit mal süßlichem, mal rauem weiblich-männlichem Wechselgesang ebenso punktet wie mit zeitgeistkritischen Texten. Manche Songs wurden um ‘ne Geige ergänzt. Der Sound klingt häufig etwas monoton und minimalistisch, die Drums bewusst zurückgenommen. Textlich scheint’s zuweilen aber bischn verklausuliert und eigen zuzugehen. Die Vergleiche kann ich nachvollziehen und so ganz meine Mucke spielen HOT SCHROTT nicht, kreativer als die zigste D-Beat-Combo sind sie aber allemal. Ehrlich gesagt diente mir der Gig ‘ne ganze Weile als Hintergrundbeschallung zum Ankommen, Essen und zu trinken Beginnen, vor der Bühne herrschte aber großer Andrang.

HOT SCHROTT bei Bandcamp:
https://hotschrott.bandcamp.com/

Die Berliner NOT THE ONES hatte ich mir als hörenswerte Band notiert, von der ich mir beizeiten vielleicht mal Vinyl zulegen sollte. Nun stehen mittlerweile so viele Namen auf dieser Liste, dass ich diesen zunächst gar nicht mehr so recht zuordnen konnte, es mir dann aber wie Schuppen aus den Ohren fiel: Klar, das Punktrio mit seinem ‘77er-Sound britischer Machart und den frischen, oft eingängigen Melodien! Die Sängerin/Gitarristin stellte den neuen Drummer Victor vor und kommunizierte relativ viel mit dem Publikum. Den Gaußplatz kannten NTO offenbar von mehreren vorausgegangenen Konzerten. Eine schnelles Nachschlagen in meinem Konzerttagebuch ergab, dass ich sie auf der 2017er Ausgabe des Festivals ins Gespräch vertieft ignoriert hatte. Herrje. Mir lief der Gig bei tollem Sound jedenfalls gut rein. Schnörkelloser melodischer Oldschool-Punkrock bei herrlichem Sonnenschein ist und bleibt halt was Feines!

NOT THE ONES bei Bandcamp:
https://nottheones.bandcamp.com/

Leider waren die Berliner bereits die vorletzte Band, denn die multinationale Latino-Punkband DEATH MARIACHIS, die eigentlich mit BUTCHER BABY auf ‘ner kleinen Tour hätte sein sollen, hatte leider kurzfristigst abgesagt. Der BUTCHER-BABY-Auftritt wurde daraufhin lange hinausgezögert bzw. die MARIACHIS-Spielzeit blieb einfach ungenutzt. Ungefähr 21:45 Uhr dürfte es gewesen sein, als die Londoner, die u.a. ein Mitglied der RESTARTS in ihren Reihen wissen, zum Angriff bliesen. Das war ‘ne sehr rotzige Mischung aus klassischem UK-Iro-und-Nieten-Punk der Marke EXPLOITED und Konsorten sowie wüstem und heavy US-Geballer à la POISON IDEA. Rüpelig, asig, auf Krawall gebürstet und oberkörperfrei, ohne, dass man ihnen dafür den Strom abstellen würde. Irgendwas von POISON IDEA wurde sogar gecovert, angeblich auch etwas von ZZ TOP verpunkt – was aber auch ein Scherz gewesen sein kann. Im Publikum wurden Pyros gezündet, vor der Bühne betrunken gepogt und das Bier floss bei diesem treibenden Beat doppelt so schnell die Kehlen herunter. „No Pasaran“ gab’s einmal im regulären Set und abschließend noch mal als Zugabe, dann war Feierabend. Schade, dass es das jetzt gewesen sein soll, denn der Gig war als letzter BUTCHER-BOYS-Auftritt überhaupt angekündigt. Warum diese vielen Bandauflösungen?

BUTCHER BABY bei Bandcamp:
https://butcherbaby.bandcamp.com/

Die Party war aber noch nicht vorbei und an diesem Abend machte ich ungefähr bis zur magischen Grenze von 2:00 Uhr, nach der bekannterweise meist nichts Gutes mehr passiert, weiter, saß auf den Stufen des Holzrondells, trank, quatschte mit alten und neuen Bekannten (und schleppte gefühlt alle fünf Minuten meine Pionierblase aufs Klo). Eine schöne zweitägige Auszeit war das mal wieder; danke dafür an den Gaußplatz und Vogelfrei e.V., alle Bands und Mitmenschen, die zum Gelingen beigetragen haben, die Veltins-Brauerei und nicht zuletzt Flo (Farbfotos) und Torben (Schwarzweißfotos) für die Schnappschüsse unseres Gigs! Am 11.11. sind wir übrigens wieder dort zu sehen, dann in der Platzkneipe El Dorado zusammen mit unseren verhaltensauffälligen Kollegen vom INBREEDING CLAN für einen Soli-Gig!

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