Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 8 of 47)

24.11.2022, Kulturpalast, Hamburg: VIO-LENCE + XENTRIX + WHIPLASH + ARTILLERY

Dieses warum auch immer als „MTV Headbangers Ball“-Tour angekündigte Thrash-Paket war offenbar bereits seit ca. zwei Jahren angekündigt, musste aber pandemiebedingt verschoben werden. Trotzdem hatte ich erst relativ kurzfristig überhaupt davon Wind bekommen und nicht zuletzt, da ich donnerstags eigentlich mit meiner eigenen Trümmercombo probe, stellte mich der Termin vor Probleme. Andererseits hätte ich vor noch nicht allzu langer Zeit nie geglaubt, mal die Gelegenheit zu bekommen, Bands wie WHIPLASH oder VIO-LENCE livesehen zu können. Headliner VIO-LENCE schaffen es mit dieser Tour erstmals überhaupt nach Europa, die Briten XENTRIX seien seit 1992 nicht mehr auf dem europäischen Festland gewesen, WHIPLASH aus New York seit 1996 nicht mehr, wie ich im Deaf-Forever-Forum las. Kurzentschlossen fuhr ich an jenem Tage also direkt aus dem Büro nach Billstedt und verfolgte eine Ein-Bier-pro-Band-plus-Pre-und-Aftershow-Pils-Strategie, die sicherstellte, dass ich’s Freitag auch wieder rechtzeitig und unzerschossen zum Brötchengeber schaffen würde.

Ein Schnäppchen war’s mit 40 Flocken Eintritt nun nicht gerade, aber auch kein überteuerter Wucher. Noch mal 25 Taler für’n cooles Shirt – beispielsweise das mit dem göttlichen Motiv des ersten WHIPLASH-Albums – sind dann aber auch bei mir heutzutage nicht mehr drin, sorry. Dafür hält man im Kulturpalast die Getränkepreise angenehm zivil, segelte ansonsten aber an diesem Donnerstagabend auf halbmast: Die Garderobe war gar nicht und lediglich ein einziger Bierstand besetzt worden. Dabei war der Besucher(innen)andrang beachtlich und die Bude zwar nicht ausverkauft, aber sehr ordentlich gefüllt. ARTILLERY machten den Anfang. Obwohl ich eigentlich eine gewisse Affinität zu Dänen-Metal habe und mir die Band sympathisch ist, bin ich nie so richtig mit ihrem Stil warm geworden. Michael Stützer & Co. spielen heutzutage melodischen Thrash mit Power-Metal-Gesang, womit ich mich auch bei anderen Bands schwertue. Gerade im Gesangsbereich wies man diese Tendenz schon immer auf, was mir den Zugang erschwerte. Als Opener hatten ARTILLERY auch gar nicht allzu viel Spielzeit, gezockt wurden wohl lediglich sieben Stücke. Die meisten stammten von den Klassikeralben und, klar, „Khomaniac“ beispielsweise gefällt auch mir, war aber zunächst recht schwer erkennbar, weil vor der Bühne Schlagzeug und Bass dominierten und beide Gitarren im Mix eher untergingen. Im letzten Drittel ließ mich „Terror Squad“ hellhörig werden, ein weiterer Bandklassiker, der hier ganz gut rüberkam. Vermisst habe ich tatsächlich „Time Has Come“, den Eröffnungssong des Debüts, denn der läuft mir ebenfalls sehr gut rein. Klar sind ARTILLERY im Jahre 2022 allein schon durch die ganzen Besetzungswechsel eine ganz andere Band als in den ‘80ern, aber mit der ungestümen Energie des „Terror Squad“-Albums hätte ich sicherlich mehr mit diesem Gig anfangen können.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich noch gar kein Abendessen hatte, also ging’s schnell noch mal zum Bahnhof. Mit Börek ausgestattet eilte ich zurück, denn WHIPLASH, deren ‘80er-Œuvre mehr meine Kragenweite ist, wollte ich keinesfalls verpassen. Die ersten beiden Nummern, „Last Man Alive“ und „Killing on Monroe Street“, bekam ich leider nur in der Schlange am Bierstand außerhalb des Saals mit, eilte dann aber flugs nach vorn. Mit „The Burning of Atlanta“ zockte das Trio einen meiner Lieblingssongs, doch leider war der Sound noch schwächer als zuvor bei ARTILLERY:  Die Drums ballerten alles weg, vom Bass war nur Geknarze zu vernehmen und von Tony Portaros Gitarre anscheinend nur das, was vom Bühnensound gerade noch so an die Publikumsohren gelangte. Ich begab mich nach hinten, wo der Sound etwas besser, die Saitenfraktion aber noch immer zu leise war. Eigentlich hatte ich’s mir abgewöhnt, auf Konzerten die Mischer vollzulabern, als ich an den Reglern aber einen Bekannten entdeckte, klage ich mein Ohrenleid. Glücklicherweise bekam man im weiteren Verlauf des Gigs den Sound in den Griff, sodass zumindest hinten auf Mischpulthöhe alles ok war und ich Stoff wie „Walk The Plank“, „Stage Dive“ (wenn auch ohne Stagediving), „Spit on Your Grave“ und „Power Thrashing Death“ genießen konnte. Die Songauswahl fiel also angenehm „Power & Pain“-lastig aus, jenes Debüt hatte einfach den geilsten, punkig-dreckigen Thrash-Sound. Tonys Stimme klingt noch genauso giftig wie zu jenen Tagen und auch die aktuell rekrutierte Rhythmussektion hat das richtige Gefühl für diese Musik. Als Vertretung für den verhinderten nominellen Bassisten Dank DeLong fungiert mit Will Winton von THANATOIC DESIRE ein echter Aktivposten auf der Bühne; Drummer auf dieser Tour ist Charlie Zeleny, ein wahres Tier hinter der Schießbude, der zwischendurch auch mit einem kurzen, aber dafür umso heftigeren Drumsolo verblüffte. Stilistische Verirrungen der 1990er blieben glücklicherweise außen vor, erst der ‘98er-Langdreher „Thrashback“ hielt wieder für Livematerial her. Tony griff sich übrigens zwischendurch seine Kamera und filmte die ersten Publikumsreihen, um das Video später auf Facebook zu veröffentlichen. Musikalisch war dieser WHIPLASH-Gig eine Offenbarung für mich und ich war total glücklich, diese Band endlich einmal live gesehen zu haben.

Von XENTRIX habe ich lediglich das Zweitwerk „For Whose Advantage“ in der Sammlung, das mir aber ausgesprochen gut gefällt und mich an eine Mischung aus SACRED REICH zu „The American Way“- und METALLICA zu „…and Justice for All“-Zeiten erinnert. Auch XENTRIX hatten in den 1990ern einen Stilwechsel hin zu bekacktem Groove-Metal vollzogen, bevor sie sich vorerst aufgelöst hatten. 2019 folgte mit dem neuen Studioalbum „Bury The Pain“ eine Rückbesinnung zum Thrash mit neuem Rhythmusgitarristen/Sänger Jay Walsh. Wenige Tage vor diesem Gig erschien mit „Seven Words“ gar ein brandneues Album – doch weder von diesem noch von „Bury The Pain“ bekam man etwas zu hören, da Originalsänger und -gitarrist Chris Astley für Walsh einsprang, der lieber bei seiner Familie bleiben wollte, da seine Frau das zweite Kind erwartete. Somit gab’s lediglich Material der ersten beiden Alben zu hören, wobei diese sich in der Setlist die Waage gehalten haben dürften. Der technische Thrash mit seinen mitunter etwas komplexeren Strukturen klang vom ersten Song an großartig, die Soundprobleme gehörten endgültig der Vergangenheit an. Nach dem dritten Song ertönte Kriegssound aus der Konserve als Intro, bevor Chris mit seinem kräftigen, kehligen Organ und den an James Hetfield erinnernden Phrasierungen weiter sichtlich spielfreudig durch den Gig führte und die Zeit auf der Bühne offenbar sehr genoss. Ich nutzte das Konzert für die Stimulation meiner Nackenmuskulatur und war schwer beeindruckt von der puren Energie, die XENTRIX auf die Bühne brachten und vor allem die Songs des Debüts in weit besserem Lichte erstrahlen bzw. Sound erklingen ließen. Höhepunkte: „Balance of Power“, „Kept in the Dark“ und „No Compromise“! Ich bin aber auch aufs neue Album gespannt, in das ich noch nicht reingehört habe.

Im Prinzip war ich bereits vollends befriedigt, doch der Headliner kam ja erst noch: Die wiedervereinten Amis VIO-LENCE, deren Debüt „Eternal Nightmare“ ein echtes Kultalbum ist. Die drei Alben aus den ‘80ern und ‘90ern spielte noch Robb Flynn mit der Band ein, bevor er MACHINE HEAD gründete und damit ungleich erfolgreicher wurde. Insbesondere „Eternal Nightmare“ ist eine vom Wahnsinn geprägte Geschwindigkeitsorgie und so avancierte auch der Gig zum erwarteten hektischen Gehacke. Das Debüt dürfte nahezu komplett gespielt worden sein, ergänzt um einige Songs vom etwas zugänglicheren Zweitgeborenen „Oppressing the Masses“ und der diesjährigen Comeback-EP „Let the World Burn“. Die Fans reagierten mit fast permanenten Circle Pits, gerieten lediglich gegen Setmitte etwas außer Puste. Der mittlerweile glatzköpfige Sänger Sean Killing war ganz in seinem Element und pflegte im zugeknöpften, aufnäherbewehrten Kragenhemd (das er auf jedem Foto trägt – wie viele hat er davon?!) seine diabolische Aura. VIO-LENCE ist kontrollierter Abriss mit sich manchmal vielleicht etwas sehr ähnelnden Songs, dafür aber herrlich kompromisslosem, konsequentem Stil und viel good, friendly, violent fun. Das von Killing offenbar erwartete kollektive Durchdrehen des Publikums zum letzten Song „World in a World“ blieb jedoch aus, dafür war es dann doch schon zu erschöpft. Wer seine Riffs gern in einem Affenzahn frisch aufgeschnitten serviert bekommt und sich in eine Art Rauschzustand thrashen lassen möchte, ist bei VIO-LENCE richtig.

Mit der Rückfahrt klappte dann alles wie am Schnürchen. Es war eine verdammt gute Entscheidung, dieses Konzert zu besuchen.

Nachtrag/Korrektur: Es handelte sich anscheinend um die erste europäische Whiplash-Tour seit 1996. Seither waren sie aber für mindestens einen Festivalgig in deutschen Landen.

04.11.2022, Hamburg, Lobusch: CRASS DEFECTED CHARACTER + HARBOUR REBELS

Kürzlich hatte ja ein Soli-Konzertabend für die Lobusch im Goldenen Salon stattgefunden, in dessen Rahmen ausschließlich Bands auf der Bühne standen, die ihren Proberaum in der Lobusch haben. Nun folgte sozusagen der kleine Bruder dieser Veranstaltung kurzerhand in der Lobusch selbst, denn auch CRASS DEFECTED CHARACTER und die HARBOUR REBELS proben im Lobuschkeller, teilen sich sogar den Drummer – und an diesem Abend auch Gitarrist Janosch, der den in Musikerrente gegangenen Benny bei HARBOUR REBELS vertrat. Zukünftig möchte man jedoch lediglich zu viert weitermachen, also wie zu Beginn der Band ohne zweiten Gitarristen.

Als Besucher(in) konnte man sich den Eintrittspreis zwischen 5,- und 7,- EUR selbst aussuchen; der bei unserem Erscheinen noch eher übersichtlich gefüllte Konzert- und Kneipenraum wurde rasch voller und bot eine ansehnliche Kulisse, als das Hardcore-Punk-Trio CDC sein Set eröffnete. Gespielt wurden die Hits des einzigen Albums und des Demos, darunter sowohl schnelle Pogokracher als auch melodischeres Midtempo-Material, das zum Mitsingen einlädt. Das ergibt eine schön dynamische Mischung, deren Höhepunkte für mich die nachdenklichen Stücke „Wollt ihr?“, „Wenn die Fahnen wieder wehen“ und das als Zugabe gespielte „An der Zeit“ sind. Rotzig-trotziges wie „Eine Handvoll Fick Dich“, das selbstreferenzielle „CDC“, mit dem der Abend eröffnet wurde, oder auch der alte Live-Favorit „Protest durch Sachschaden“ laufen aber genauso gut rein wie das gekühlte Jever vom Tresen. Ich glaube, ungefähr zur Hälfte des Gigs hatte sich ein – interessanterweise vornehmlich weiblicher – Tanzpit vor der Bühne gebildet und feierte die mal mit dreckigerer, heiserer Stimme von Bassist Manu und mal etwas melodischer und klarer von Gitarrist Janosch gesungenen Songs kräftig ab. Drummer Chris prügelte sich präzise mit Pokerface durch ganze Potpourri und Manu behielt wie immer auch im abgedunkelten Saal seine Sonnenbrille auf. Schön, CDC mal wieder gesehen zu haben, war ja nun doch schon wieder bischn länger her.

Bei Weitem nicht so lang war’s her, dass ich zuletzt den HARBOUR REBELS live beigewohnt hatte. Diesmal also mit Janosch an der zweiten Klampfe, der sichtlich Bock hatte und sich – zumindest für meine tauben Ohren – keinerlei Blöße gab. Generell war die Stimmung auf und vor der Bühne bestens. Jule ist die perfekte Frontfrau für eine solche Band und führte mit gewohnt launigen Ansagen durchs Set, während, wenn mich nicht alles täuscht, vom ersten Song an vor der Bühne getanzt wurde. Diesmal ließ auch ich mich nicht lange bitten und gesellte mich dazu. Mittlerweile war ich betrunken genug, um mich im Nachhinein nicht mehr zu Setlist-Details äußern zu können, aber so weit ich mich erinnere wurden die bekannten deutsch- und englischsprachigen Hits um neue englische Songs vom noch unveröffentlichten zweiten Album erweitert, wofür die eine oder andere Coverversion aus dem Liveset weichen musste. Das klang alles sehr vielversprechend, man darf also erwartungsvoll gespannt sein. Melodischer Oi!-Punk mit Singalongs, einer kräftigen weiblichen Stimme, unverkrampfter, aber unmissverständlicher Haltung, einem hohen Unterhaltungsfaktor und Ambitionen für mehr, was sie zumindest schon mal bis aufs Billing des Rebellion-Festivals 2023 in Blackpool gebracht hat. Glückwunsch, weiter so und, an alle Verantwortlichen und Beteiligten: Danke für die geile Lobusch-Party, nach deren Bühnenprogramm man gar nicht mal so schnell nach Hause wollte und sich vor Ort noch amtlich die Festplatten defragmentierte…

19.10.2022, Fabrik, Hamburg: KIM WILDE

Mit KIM WILDE verbinde ich allem voran natürlich das fantastische, selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahre 1981 mit seinen unverwüstlichen New-Wave-Hits, gefolgt vom sehr angenehmen Pop-Album „Close“, das gerade chartete, als ich mich so richtig für Musik zu interessieren begann. „You Came“ war auf meinem allerersten selbstzusammengestellten Mix-Tape, „Never Trust A Stranger“ auf einem der nächsten. Das zweite Album „Select“ (1982) schlug mit mehreren Songs noch in eine ähnliche Kerbe wie das Debüt, bevor sich die Britin stärker in Richtung Pop orientierte. Nach „Closer“ verlor ich ihre Karriere aus den Augen, die sie Mitte der 1990ern beendete, um Fernsehgärtnerin zu werden. Rund zehn Jahre später gelang ihr mit u.a. mit Hilfe NENAs ein Comeback.

Als ich noch vor Pandemieausbruch verstärkt Lust bekommen, mir den einen oder anderen Pop-/Rock-Act aus meiner Kindheit mal live zu geben und Karten für PET SHOP BOYS und GIANNA NANNINI erworben hatte, war auch KIM WILDEs Gig in der Großen Freiheit darunter. Vom Kartenkauf bis zum tatsächlichen Konzert musste ich dann ca. zweieinhalb Jahre warten, die Gründe sind bekannt. Es sollte eine Greatest-Hits-Tour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum werden – gut, dann eben zum 42. Das Konzert wurde in die Fabrik verlegt, was mir sehr entgegenkam. Rappelvoll wurd’s, eine Vorband war nicht eingeplant. Bierchen geholt, zu ‘nem halbwegs akzeptablen Platz im unbestuhlten Saal gedrängelt und nur kurz der Dinge geharrt, die da kommen mochten, denn ziemlich pünktlich betraten erst die Band inklusive Background-Sängerin und Tänzerin Scarlett Wilde (Kims Nichte) und schließlich die mittlerweile 62-jährige Kim die Bühne. Da wurd’s relativ eng, denn hinten, wo normalerweise ein Schlagzeug steht, erhielt der Keyboarder seinen Platz; links und rechts von ihm waren zwei Drumsets aufgebaut, was mir etwas übertrieben erschien – zumal ich das rechte erst relativ spät entdeckte, weil es aufgrund der Fabrik-Architektur weitestgehend unterm Gebälk verschwand. Die Saitenfraktion trat als Trio in Erscheinung: ein Bassist und zwei Gitarristen, einer von ihnen Kims Bruder und Produzent bzw. Scarletts Vater Ricky, der den Popzirkus seit Anbeginn zusammen mit seiner Schwester wuppt. Das in rot und schwarz getauchte Bühnenbild fand seine Entsprechung in Bühnenkleidung und Haarfarben, wobei Kims Dress, eine Art Mischung aus Corsage, Rüschen und Fransen, vielleicht etwas schrill geraten war…

„Rage for Love“ entpuppte sich als gutgewählter Einstieg und „Never Trust a Stranger“ folgte direkt als erster Überhit, bevor „Million Miles Away“ bewies, dass es sich offenbar lohnt, auch mal den ‘90er-Alben eine Chance zu geben – geile, schwofige Nummer! Die weitestgehend analoge Instrumentierung ließ manch Song organischer klingen als auf Platte, Kims Stimme war überraschend perfekt in Schuss und ihre Ausstrahlung fröhlich, positiv, schwer sympathisch. Scarlett sorgte neben Mehrstimmigkeit vieler Refrains für viel Bewegung und zusätzlichen Esprit auf der Bühne. Die Stimmung im Publikum war vom ersten Ton an prächtig, nur leider versperrten immer wieder hochgehaltene Smartphones und Phablets den ohnehin nicht immer ganz einfachen Blick zur Bühne. Aus Respekt vorm im Durchschnitt wohl etwas älteren Publikum wollten wir uns aber auch nicht bis in die erste Reihe durchrüpeln, als befänden wir uns auf einem Punkkonzert. Zumindest konnte ich in den Displays erkennen, dass eine Reihe wirklich guter Fotos zustande gekommen sein muss – was ich von meinen im Gedrängel reichlich unmotiviert geschossenen leider nicht behaupten kann. Daher hier ein Netzfundstück:

Nach dem tollen „Can’t Get Enough (Of Your Love)“ war das BEE-GEES-Cover „If I Can’t Have You“ Teil des ersten Konzertdrittels. Das empfand ich als etwas unspektakulär, war aber sicherlich das Beste, was aus so’ner ollen Nummer, deren Original mir bestimmt die Fußnägel hochrollen würde, herauszuholen ist. Es ging direkt über in „The Touch“ und „The Second Time“ vom „Teases & Dares“-Album und mündete in „Pop Muzik“ von M in einer sehr charmanten Interpretation, in der Kim und Scarlett sonnenbebrillt mit dem Publikum flirteten und synchron tänzelten. „Kandy Krush“ und „Birthday“ bedeuteten einen Abstecher zum rockigeren jüngsten Studioalbum „Here Come The Aliens“, „Water on Glass“ löste Megahit-Alarm aus, „Anyplace, Anywhere, Anytime“ markierte das Comeback: Eine englischsprachige NENA-Coverversion, seinerzeit zusammen mit Frau Kerner gesungen. Kurios: In der ersten Strophe versuchte sich Kim am deutschen Originaltext. „Perfect Girl“ und das wirklich gute „Love is Holy“ bewiesen einmal mehr, dass hier eben nicht nur die 1980er abgefeiert werden sollten, sondern es Kim und ihrer Band vollkommen zurecht daran gelegen war, alle Dekaden und Phasen abzudecken.

Das letzte Drittel des regulären Sets reihte dann jedoch tatsächlich mehrere ‘80er-Nummern aneinander, darunter die sensible, leise Ballade „Four Letter Word“ (ich schmolz dahin, meine Freundin verdrehte nur die Augen…), das politisch wache und hochatmosphärische „Cambodia“, dessen Chor hunderte Kehlen mitsangen, das traurige, nachdenkliche „View From a Bridge“ – und nicht zuletzt mit dem punkigen „Chequered Love“ eines meiner Lieblingsstücke. Zwischendurch hatte Kim ihre Band vorgestellt und auf die Verwandtschaftsverhältnisse aufmerksam gemacht, von ihrer musikalischen Sozialisation und ihrem Bezug zur Popmusik berichtet sowie wissen lassen, dass sie die pittoreske Hamburger Parkanlage „Planten un Blomen“ besucht habe. Ähnliches wird sie überall erzählen, aber es wirkte nicht aufgesagt, sondern von Herzen kommend – wie alles, was sie an diesem Abend auf der Bühne tat.

Das THE-SUPREMES-Cover „You Keep Me Hangin‘ On“ wurde geschickt vor den Zugabeblock platziert, der mit dem selbstreferenziellen „Pop Don’t Stop“ das dritte Stück vom Aliens-Album bot und mit Kims vermutlich größten Hits „You Came“ und „Kids in America“ einen endcoolen Konzertabend beschloss. Für „Kids…“ setzte sich Kim eine glitzernde Fantasie-Uniformmütze auf, was ihr Outfit gewissermaßen abrundete. Die Songauswahl war gut gelungen, die Dramaturgie stimmte, lediglich „Words Fall Down“ habe ich schmerzlich vermisst. Nach 23 Songs und ca. 100 Minuten schienen alle auf ihre Kosten gekommen zu sein, vom Punk mit ‘80er-Pop-Affinität über die feierlaunigen Twens, das ältere Disco-Pärchen und den Mainstream-Event-Hopper bis hin zum Rocker mit Metal-Shirt.

Auf dem Klo traf ich sogar noch – wie schon bei den PET SHOP BOYS – Captain Blitz, der anschließend am Kiosk ‘ne Runde Pils schmiss. Danke, Captain, danke, Kim, danke, Fabrik. Nun bitte mal CYNDI LAUPER nach Hamburg holen! Ich höre mich – Streaming macht’s möglich – so lange durch die mir bisher weniger geläufigen Untiefen der Wilde’schen Diskographie auf der Suche nach Hits, Hits, Hits…

24.09.2022, Schanzenviertel, Hamburg: Schanzenfest 2022

Nach fünf Jahren wurde erstmals wieder das selbstorganisierte, unangemeldete Schanzenfest gefeiert. Das bedeutet: Anwohner(innen)-Flohmarkt (der diesmal aber recht klein ausfiel), Infostände zu gesellschaftlichen und politischen Themen, Verzehrstände, Soundsystems und eine Bühne für Musik- und Redebeiträge, ohne Standgebühren und ohne von Stadtfest zu Stadtfest tingelnde Profihändlerinnen und -händler. Spenden werden gesammelt und die Gewinne mehrerer Stände guten Zwecken wie beispielsweise der Seenotrettung zugeführt. Das Motto lautete diesmal „Antifa por la vida“, man solidarisierte sich mit von Repression betroffenem antifaschistischen Widerstand im Allgemeinen und den Leidtragenden des „Antifa Ost“-Verfahrens, u.a. Lina, im Speziellen. Details zum Selbstverständnis des Schanzenfests lassen sich im offiziellen Blog nachlesen. Ich tingelte verkatert vom Vortag am frühen Nachmittag Richtung Schanze, fand auf den paar Flohmarktständen, an denen ich vorbeikam, nix für mich, suchte und fand aber schließlich die Bühne, auf der u.a. einige interessante Punkbands spielen sollten. Den HARDCHOR hatte ich verpasst, BETON DE ROUGE ebenfalls, aber SPARCLUB soundcheckten gerade. Das noch junge, weibliche Gitarre/Drums-Duo hatte ‘nen guten Sound mit schön bollerigen Drums, die den fehlenden, eiskalt weggesparten Bass zuweilen vergessen ließen. Die punkigen Riffs gingen gut ins Ohr, der oftmals zweistimmige Gesang auch. Die meisten Song waren auf Deutsch, später kamen ein paar englischsprachige hinzu. Mir hat’s gefallen, wenngleich sich gerade zum Ende hin doch bemerkbar machte, dass sich einige Songs sehr ähneln. Dafür übertrugen sich der Spaß an der Musik und die positive Ausstrahlung aufs trotz etwas Nieselregens gut gelaunte Publikum. Nach knapp 40 Minuten verließen SPARCLUB unter verdientem Applaus die Bühne. Fotos gibt’s übrigens weder von diesem noch von den weiteren Gigs, da seitens der Organisation darum gebeten wurde.

Mittlerweile war ich beim Konterbier angelangt, hatte meinen ebenfalls noch leicht verschallerten Bandkollegen Holler getroffen und konnte mich von KRATZER anbrüllen lassen. Überaus kompetenter Neo-Crust aus Hamburg, der schön böse ballerte und damit denjenigen Passantinnen und Passanten, die sich zum Wochenend-Shopping in die Straße verirrt hatten, einen wunderbaren Kontrast boten. Der Shouter hatte die Bühne verlassen, nutzte den Raum vor ihr gut aus und schaffte es tatsächlich, einige Anwesende zum Tanzen zu bewegen. Andere machten sich einen Spaß daraus, über sein Mikrokabel zu springen oder spritzten/spuckten mit Bier herum. Herrlich.

Auf diesen rund 45-minütigen Gig folgte ein 20-minütiger Wutausbruch TIÃOs, genauer: derer Shouterin/Gitarristin. Der Trend geht zum Duo, auch hier lediglich Drums, kein Bass. Aufgrund der kurzen Spielzeit habe ich dieses HC-Brett nicht komplett gesehen bzw. gehört; als ich vom Pinkeln zurückkam, war’s schon wieder vorbei. Es folgte ein großartiger Redebeitrag zum „Fall Lina“, der sehr gut aufdröselte, was da gerade im Osten vor sich geht. Solche Beiträge gab es zwischen allen Bands, wobei ich aus unterschiedlichen Gründen nicht alle mitbekam. Sie sollen wohl in Kürze größtenteils in o.g. Blog nachzulesen sein.

Mit DUNKLE STRASSEN folgte ein weiteres Duo: E-Drums aus der Konverse, Schrammelklampfe, Samples und Geschrei – da war ich musikalisch raus, sorry. Stattdessen spazierte ich noch mal ein wenig durchs Viertel. Als ich zurückkam, beendete gerade die Transgender-Künstlerin GÉRALDINE SCHABRAQUE ihr Chanson-Set, bevor die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN adrenalingeladen die Bühne erklomm und direkt mit der an hiesige Verhältnisse angepassten AGNOSTIC-FRONT-Nummer „HH Polizeistadt“ einstieg. Eigentlich erzählt Sänger/Gitarrist Stemmen ja ganz gerne mal bischn was auf der Bühne, was zu den NPP-Gigs schlicht dazugehört. Adrenalinausstoßbedingt schien er sich diesmal etwas zu verhaspeln und ließ lieber wieder die grobe musikalische Kelle sprechen. Vor der Bühne hatte sich inzwischen ein großer Pogomob gebildet, vereinzelte Bengalos erhellten den mittlerweile dunklen Abend. Ich bekomm’s nicht mehr ganz zusammen, aber „HH Polizeistadt“ wurde erst noch mal und am Schluss sogar ein drittes Mal, diesmal zusammen mit Ex-Sänger Sibbe, gezockt, auch ‘nen anderen Song gab’s mindestens zweimal zu hören. Der Gig wirkte punkig-chaotisch, passte damit zur vorgerückten Stunde sowie meinem persönlichen Zustand und wurde von den feierwütigen Besucherinnen und Besuchern gnadenlos abgefeiert.

Bei den JESUS SKINS war die aufgekratzte Menge anschließend in guten Händen, bereitwillig ließ sie sich das Oi!-Evangelium in Form von Songs wie „77 heißt Grüß Gott“, „Skinheads in der Kirche“, „3 Könige“ oder auch „Saufen beim Fußball“ andrehen. Die JESUS SKINS sind gewissermaßen ein Projekt, bei dem jeder mal mitmachen darf, mittlerweile sitzt Paul von DER UNFUG UND SEIN KIND und SPIKE an der Schießbude und Band-Tausendsassa Ritchy spielt Klampfe. Laut meinem Konzerttagebuch habe ich es elf (!) Jahre (!!) lang geschafft, den JESUS SKINS live zu entkommen, vielleicht, weil der Witz im Prinzip ja schon länger auserzählt ist. Aber, Alter: Alkoholisiert auf dem Schanzenfest ist das schon noch ‘ne Ansage! Und tatsächlich waren mir die meisten Texte noch geläufig, sodass ich mit ausgebreiteten Armen kräftig mitsingen konnte. „77 heißt Grüß Gott“ wurde als Zugabe noch mal dargereicht, bevor die Messe gelesen war und ein in meiner lückenhaften Erinnerung sehr guter Redebeitrag zur aktuellen Situation im Iran das Schanzenfest mit ernsten, aber auch kämpferischen Worten beendete.

23.09.2022, Monkeys Music Club, Hamburg: SPERRZONE + THE SOUL INVADERS

Der gute Maggie feierte seinen Fuffzichsten im Monkeys mit zwei befreundeten Bands, und zwar ausgerechnet an einem Abend, an dem man sich vor Konzerten in Hamburg kaum retten konnte. Das änderte aber nichts an einer gelungenen Party mit ordentlichem Besucherinnen- und Besucherzuspruch, allein schon, weil Maggies alte Heimat Hagen massiv vertreten war. Als wir eintrafen, beendete gerade ein Singer/Songwriter sein Set, der überraschend den Abend eröffnet hatte. SPERRZONE aus dem sächsischen Torgau begannen dann mit gut abgehangenem Midtempo-Punkrock mit deutschen Texten, die sowohl von einem der beiden Gitarristen als auch vom Bassisten geschmettert wurden. Man wechselte sich ab oder spielte sich gegenseitig die Bälle zu, die Gesangsharmonien saßen und korrespondierten auch gut mit den Backgrounds. Zwischendurch wurde „Little Old Wine Drinker Me“ in punkiger Version gecovert, es folgten weitere englischsprachige Songs, die dann auch mehr Schmackes hatten. „Nobody’s Hero“ der STIFF LITTLE FINGERS bot man in einer Offbeat-Version dar, eine JOHNNY-CASH-Nummer wurde verpunkt und mit VANILLA MUFFINS‘ „For What I Fight With You?“ schloss das Quartett den regulären Teil seines dann doch recht fremdkompositionsreichen Sets. Das Publikum forderte eine Zugabe, die es in Form des umjubelten STRASSENJUNGS-Covers „Ich brauch meinen Suff“ erhielt. SPERRZONE wirkten mit ihrer positiven Ausstrahlung und ebensolchen Aussagen sehr sympathisch, und an der Basslautstärke ließ sich ablesen, wer offenbar Kopf der Band ist. 😉

Die Hagener THE SOUL INVADERS stimmten ein Geburtstagsständchen für Maggie an und hauten danach so richtig auf die Kacke, wobei Sänger Böhme möglicherweise sogar noch etwas wahnsinniger als während meines letzten beigewohnten SOUL-INVADERS-Gigs im Jahre 2017 wirkte. Gut, mal war er nicht vorbereitet und wusste nicht, welcher Song kommt, mal ging’s der Band ähnlich, aber hatte man sich erst mal auf das jeweilige Stück geeinigt, wurde ein Inferno aus Punk, Rock’n’Roll und Garage entfacht, das dazu einlud, sein Hirn an die Wand zu werfen. Hier und da war auch kleine ‘ne MISFITS-Schlagseite herauszuhören. Ein von Böhme gehasster Song entpuppte sich für meine Ohren als vielleicht beste Nummer, aber das Hit-Niveau war generell hoch. Immer mal wieder wurde er vom aus Hagen mitgereisten Sänger der MAD MOISELLES unterstützt, der sich auf der Bühne ebenfalls sichtlich wohlfühlte (und bereits bei „Ich brauch meinen Suff“ während des SPERRZONE-Gigs das Mikro geentert hatte). Böhme nahm sich zwischendurch die Zeit, die Bandmitglieder namentlich vorzustellen, preschte im nächsten Moment aber schon wieder wild über die Bretter. Natürlich mussten auch hier Zugaben her; auf eine relativ neue, als Schmusesong angekündigte mit leichter Postpunk-Tendenz folgte noch eine Schunkelnummer. Herausragendes Punkrock-Entertainment einer grenzgenialen Liveband!

Danke, Maggie, für die geile Sause und die Getränkemarken! Nochmals Herzlichen und auf die nächsten Fuffzich!

16.09.2022: Hamburger Hafengeburtstag/Affengeburtstag

Erster Hafengeburtstag seit 2019, vom Mai in den September verlegt. Also lecker Spätsommer? Nix da: Hamburger Schietwetter! Zudem abgespecktes Programm, weil ohne die famose Jolly-Roger-Bühne. Dass ich mich am Freitag trotzdem auf den Weg durch den Regen machte, lag zum einen am DIY-Alternativprogramm auf der „Hafengeburtstag von unten“- alias Affengeburtstag-Bühne vorm Störtebeker und zum anderen daran, dass sich mir die Gelegenheit bot, gratis dann doch mal wieder EXTRABREIT zu sehen. Die spielen zwar, so glaube ich zumindest, immer mal wieder auf Stadtteilfesten und sowat, habe sie dort selbst mal gesehen – doch das ist gefühlt hundert Jahre her. In den letzten Jahren waren mir EXTRABREIT medial immer mal wieder über den Weg gelaufen, wenn ich mich mit ‘80er-Retrospektiven und artverwandten Formaten beschäftigt hatte. In diesem Kontext hatte ich auch meine Plattensammlung ein wenig erweitert und so letztlich richtig Bock bekommen, mir die Hagener aus heutiger Perspektive endlich mal wieder live zu geben, zumal sie auch studiotechnisch weiter aktiv sind, vor zwei Jahren das Album „Auf Ex! (weiter breiter)“ veröffentlicht haben. Als ich hörte, dass sie auf der Bühne des Radiosenders Rock-Antenne zocken würden, wusste ich, was zu tun war.

Also Landungsbrücken raus, einmal über die gesamte Veranstaltungsmeile latschen, die gegenüber 2019 noch mal gestiegenen Preise an den kommerziellen Verzehrbuden bestaunen und bei den Anarchos nahe der Balduintreppe ‘nen köstlichsten Veggie-Döner inhalieren. Und natürlich die Rock-Antenne-Bühne suchen, die ich in all den Jahren zuvor geflissentlich ignoriert hatte. Diese befand sich am anderen Ende der Meile, wo ich dann auch überraschend auf Kai Motherfucker samt Nachwuchs traf, die lässig an Balustrade lehnten, während OHRENFEINDT gerade schweinerockten. Nach zwei Sterni trennten sich unsere Wege jedoch schon wieder und ich ging hoch vors Störtebeker. Dort war ‘ne Menge los, CRACKMEIER waren just durch und INFERNO PERSONALE aus Bremen gerade beim Soundcheck. Die Band ist mit Mitgliedern aus Kolumbien, Argentinien, Italien und Deutschland international besetzt und hat letztes Jahr ihr Demotape veröffentlicht. Voll auf die Zwölf gab’s dann krachenden D-Beat-HC-Punk mit dem für diese Bühne anscheinend üblichen geil schrotenden Gitarrensound und reichlich Tempo, dazu zum Namen passendes infernales Gebrüll am Mikro. Die Klampfe hatte immer mal wieder winzig kurze Aussetzer, was am etwas zu locker sitzenden Kabel zu liegen schien, aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel. Großartiger Gig, der leider schon nach maximal 20 Minuten vorüber war.

Während sich im Hintergrund ein Arbeiterliederchor (!) langsam mit der Bühne vertraut machte, verabschiedete ich mich langsam in Richtung Rock-Antenne-Bühne, denn um 22:00 Uhr sollten EXTRABREIT anfangen. Fünf Minuten vorher war ich vor Ort, konnte mich problemlos ziemlich weit nach vorne durchschlängeln und traf dort auf eine Gruppe Punks, die bereits vor mir dorthin aufgebrochen war. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, ich hatte ‘nen Vorratssterni in der Hand und pinkeln konnte man links von der Bühne ans Elbufer. Eigentlich gute Voraussetzungen, hätte nur nicht offenbar gerade erst der todlangeweile Soundcheck durch die Bühnencrew begonnen, der sich endlos zu ziehen schien. In dieser Zeit hätten INFERNO PERSONALE ihr Set locker noch zweimal spielen können und tatsächlich verpasste ich in dieser Zeit nicht nur besagten Chor, sondern leider auch die HARBOUR REBELS.

Als es endlich, endlich losging, war ich längst betrunken und in einer Scheißegalstimmung, die mich das teure Bierstandpils kaufen ließ. Die Gruppe Punks war schon längst wieder abgezogen, als EXTRABREIT mit dem gleichnamigen Song eine Art Best-of-Set eröffneten, aus dem ich längst nicht alle Nummern kannte. Weiter ging’s mit „Her mit den Abenteuern“, „Geisterbahn fahrn“ und „Glück und Geld“, bevor mit „Kleptomanie“ eine meiner Lieblingsnummern folgte (obwohl ich schon Schweißausbrüche bekomme, wenn ich ‘ne einzelne Zwiebel im Supermarkt mitgehen lasse, weil ich keinen Bock habe, ein ganzes Netz zu kaufen…). Zwei Songs später der große Klassiker „Polizisten“, inhaltlich eine der stärksten EXTRABREIT-Nummern. Allerspätestens jetzt war mir auch alles egal, euphorisiert vertrank ich mein letztes Geld und lauschte andächtig mehreren mal rockigeren, mal tanzbareren, mal bluesigeren Songs, die mir nicht sonderlich geläufig waren, bis mich das HILDEGARD-KNEF-Cover „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ins Jahr 1992 zurückversetzte, als das Stück im Radio rauf und runter lief und ich zwölfjähriger Bengel einen Narren an ihm gefressen hatte. Die ja irgendwie melancholische Stimmung des Songs verdoppelte sich durch den nostalgischen Effekt, den er in mir auslöste.

Weiteren Anlass zum Feiern boten neben dem HANS-ALBERS-Cover „Flieger, grüß mir die Sonne“, ohne das bis heute vermutlich keine NDW-Party auskommt, das vielleicht punkigste EXTRABREIT-Stück „3-D“, mit dem ich gar nicht unbedingt gerechnet hatte, und natürlich „Hart wie Marmelade“. Tschüs, das war’s, die Band verließ die Bühne. Es folgte das übliche Spiel: Zugaberufe, die nach ‘ner Zigarettenlänge erhört wurden, woraufhin Sänger Kai Havaii endlich von den kleinen Mädchen aus der Vorstadt berichten konnte, die heute Nasenringe aus Phosphor tragen. Für den Rausschmeißer, das eingedeutschte LOU-REED-Vehikel „Junge, wir können so heiß sein“, betrat ein befreundeter Musiker die Bühne, der an der Mundharmonika unterstützte. So wurde die Stimmung, die bei den vorausgegangenen Songs tatsächlich zu Pogo und ähnlichem Ausdruckstanz geführt hatte, wieder ein gutes Stück weit heruntergekocht, bevor man das Publikum in die Nacht entließ.

EXTRABREIT machten einen musikalisch topfitten Eindruck und Kai Havaii scheint derselbe drahtige Typ wie eh und je zu sein. Klar war das ein professionell und vermutlich entsprechend routiniert durchgeführtes Rockkonzert mit Ü40-Zielgruppe. Punk- und NDW-Klänge, textliche Provokationen und organisiertes Chaos sind längst im gesellschaftlich weitestgehend akzeptierten, eingängigen Stil der Band aufgegangen, den sie selbst schlicht als Deutschrock bezeichnet (und entweder bewusst ignoriert oder nicht mitbekommen hat, welche Konnotation dieser Begriff zuweilen annimmt, sobald er mit bestimmten Bands assoziiert wird). Spaß gemacht hat’s aber allemal, die Band wirkt sympathisch, hat ihre großen Hits und ein abwechslungsreiches Programm vorzuweisen. Für umme kann man das auf jeden Fall mal mitnehmen. Man verwies noch auf ein Konzert in der Markthalle, das offenbar am 30. Dezember stattfindet und Teil einer traditionellen „Weihnachts-Blitztournee“ ist.

Extrabreit schlenderte ich zurück zur Affengeburtstagsbühne und feierte noch die Bremer(innen) CATAPHILES ab, die sich den Gitarristen mit INFERNO PERSONALE teilen: Wavelastiger Post-/Goth-Punk mit, wie ich in dem Moment fand, geilen ‘80er-Synthie-Melodien, halligem Gesang sowie einer Nebelmaschine, die die halbe Straße einhüllte. Die Band ist noch jung, in Kürze soll wohl ein Album auf Sabotage Records kommen. Mal die Augen nach offenhalten.

Gegen 1:00 Uhr war fürs Erste Feierabend, ab Samstagnachmittag spielten noch Bands wie KONG FUSS, THRASHING PUMPGUNS, ECHOES, STRACH und KID KNORKE & BETTY BLUESCREEN – doch da musste ich passen. Schön, dass diese Bühne wieder eine echte Alternative zum offiziellen und „kommerziellen“ (relativiert sich, weil die Gigs alle gratis sind) Hafengeburtstagsprogramm bot. Vielleicht schaffe ich’s nächstes Mal auch wieder, mehr davon zu sehen.

09.09.2022, Goldener Salon, Hamburg: ORÄNGÄTTÄNG + SHITSHOW + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

„Lobusch goes Hafenklang“, lautete das Motto: Ein paar im selbstverwalteten Wohn-/Veranstaltungs-/Proberaum-Komplex in der Lobuschstraße probende Bands sollten unentgeltlich im zum Hafenklang gehörenden Goldenen Salon auftreten, um das Minus, das die Covid-19-Pandemie-bedingten Schließungsphasen in die Kasse gerissen hatten, etwas abzufedern. Zusammen mit der Lobusch-Hausband JAUCHENPUMPE sollten’s derer vier werden, krankheitsbedingt blieben die o.g. drei übrig. Zusätzlich wurde eine liebevoll gestaltete Tombola mit etlichen kuriosen bis verdammt töften Gewinnen anberaumt, die auf viel Zuspruch stieß; diverse Merch-Stände rundeten das Ambiente ab. Jede Band durfte sich ‘ne XXL-Pizza beim Bringdienst aussuchen und bekam Freibier sowie zusätzliche Getränkemarken. Eigentlich alles knorke, bis auf den Umstand, dass unser Basser Holler sich die Seuche eingefangen hatte und wir daher ohne ihn auftreten mussten…

Schon am Nachmittag hatten sich meine Bandkollegen zusammen mit Teilen der Veranstalter auf den Weg gemacht, um das Equipment rüberzuwuchten und aufzubauen. Eisenkarl bastelte das Schlagzeug zurecht und trommelte sich sowie das Instrument so lange warm, bis der Sound stimmte. Ich stieß etwas später direkt von der Lohnarbeit kommend hinzu und musste diese erst mal mit ein paar Bierchen abschütteln. Der Einlass war mit 19:00 Uhr relativ früh terminiert und wurde offenbar ernstgenommen, denn überraschend schnell füllten sich der direkt an der Elbe gelegene Vorplatz und der Club.

Damit Drummer Vic, den sich SHITSHOW und ORÄNGÄTTÄNG teilen, nicht zwischen seinen Gigs pausieren muss und wir nicht als letzte Band ranmüssen, machten wir um Punkt 21:00 Uhr den Anfang. Unabhängig von Hollers Ausfall hatten wir geplant, mit unserem ehemaligen Drummer Dr. Tentakel, der in den verdienten Ruhestand gegangen war, die ersten zwei Songs zu zocken, damit er sich noch einmal vor einheimischem Publikum verabschieden kann. Für „Tales of Terror“ und „Elbdisharmonie“ wechselte also Eisenkarl an den Bass, danach wieder an die Drums und wir spielten ohne Bass weiter. Dieses Kuddelmuddel versuchte ich den Anwesenden von der Bühne aus zu erklären. Tatsächlich klappte es wie intendiert: Tentakel zockte noch mal die alten Schoten und heimste sichtlich gerührt Szenenapplaus ein. Danke, Doc!

Um den fehlenden Bass zu kompensieren, improvisierten wir im Anschluss ein wenig: Wir doppelten die tiefen Gitarrenfrequenzen, um akustisch so etwas wie einen Tieftonteppich zu suggerieren, Bass-Intro-Parts spielte Kai auf der Klampfe, Soloparts und Background-Gesang entfielen zwangsläufig. Gemessen an den Umständen funktionierte das passabel, wenn ich auch die Bühne als unangenehm leer empfand. Dass unser erst zweiter Gig seit der langen Zwangspause in einem derart gut gefüllten Saal stattfand, machte mich auch glatt wieder ein bisschen nervös. Ich kam mir jedenfalls hüftsteifer als zuletzt vor, versemmelte den letzten „Montag, der 13.“-Refrain und verschüttete ein Bier, woraufhin mir jemand tatsächlich einen Putzlappen auf die Bühne warf. Dafür stießen wir mit unserem herben Sound auf offene Ohren, erhielten Zuspruch (sowie Beleidigungen aus dem engeren Bekanntenkreis :D) und spielten zum Dank am Ende auch ohne Holler „ACAB“, jene hektisch gesungene Nummer seiner derzeit inaktiven Band PROJEKT PULVERTOASTMANN, die keinerlei Luftholen gestattet. Alles in allem dürften wir uns recht achtbar aus der Affäre gezogen haben. Krischan drehte freundlicherweise ein Video von uns und packte es auf YouTube, wo es gleich mal mit ‘ner Altersprüfung versehen wurde…

Bühne frei für Hamburgs derzeit heißesten Scheiß: Über die aus den Trümmern von SORT OF SOBER entstandenen SHITSHOW spricht man nur in Superlativen, umso gespannter war ich auf den Auftritt. Das Quartett aus Marta (ex-SORT OF SOBER, Bass), Vic (u.a. ORÄNGÄTTÄNG, Drums), Krischan (ex-SORT OF SOBER/ORÄNGÄTTÄNG, Gitarre) und Julia (Gesang) spielt ziemlich mitreißenden Punkrock der ‘77er-Schule mit ordentlich Dampf unterm Kessel, Rotz in der Stimme und Hitfaktor, sodass es nicht zuletzt aufgrund der entfesselten Bühnenshow wenig verwunderlich war, dass vor der Bühne kollektiv am Rad gedreht und ekstatisch getanzt wurde. Das eigene Material wurde mit Coverversionen von DEAD MOON und NEW ORDER (ja, „Blue Monday“!) angereichert. Die meisten Songs sind knackig kurz und bilden fettfreie Filetstücke des Rotzlöffelpunks. Bitte dranbleiben, nicht auswimpen und nicht schon nach der zweiten 7“ wieder auflösen! Die pressfrische Debüt-7“ hatte ich mir ungehört schon vorher eingesteckt und es nicht bereut. Coolste Sau des Abends war in jedem Falle Gitarrist Krischan, der von der Bühne aus verkünden konnte, bei der Tombola eine Lederjacke und damit einen der Hauptgewinne eingesackt zu haben, den er dann auch gleich stolz auf der Bühne trug.

ORÄNGÄTTÄNG sind diejenigen dieses Abends, die schon am längsten existieren, sodass die meisten gewusst haben dürften, was sie erwartet: Wie vom Affen gebissener HC-Punk mit Schrammel-Ecken und T(h)rash-Kanten, englischen Texten und seit einiger Zeit gern auch Crossdressing (das ist keine Salatsoße, sondern bedeutet, dass die drei Herren sich in Damenkleidung/-perücken/-schminke präsentieren) sowie diesmal auch einer Extraportion Bühnennebel. Dieser muss mitverantwortlich sein für die nebulösen Erinnerungen, die ich an den Gig habe… Dem Trio gelang es, das Stimmungslevel hochzuhalten, hin und wieder ließ auch ich mich in den Tanzmob schubsen. Details zum Auftritt bitte woanders erfragen; ich erinnere mich neben der exaltierten Bühnenshow noch an einen gut durchpeitschenden Sound, durch den jedoch gerade zum Ende hin der Gesang immer schwerer durchkam – was sich beim SCHLEIMKEIM-Cover natürlich relativierte, das hat jede und jeder mitgesungen. ORÄNGÄTTÄNG sind live ‘ne sichere Bank und Stimmungsgarant!

Ich blieb noch, bis es kein Bier mehr gab, und wankte dann mit meiner Liebsten nach Hause. Das war die bis jetzt vielleicht beste Party des Jahres – danke allen, die sie ermöglicht haben! Es freut mich insbesondere, dass derart viele dem Aufruf gefolgt sind und sich bei Eintritt auf Spendenbasis solidarisch mit der Lobusch und dem Ethos dahinter gezeigt haben.

Wir spielen nächste Woche Donnerstag. 22.09. noch im Viertelzimmer Münzviertel zusammen mit SOCIAL EXPERIMENT aus Schottland, bevor wir unsere Live-Aktivitäten in Hamburg für den Rest des Jahres wieder zurückschrauben.

12.08.2022, Indra, Hamburg: D.R.I.

Einen Tag vor meinem ersten Erholungsurlaub des Jahres (endlich!) ging’s noch mal in den Indra-Club auf den Kiez, um nach etlichen Jahren tatsächlich mal wieder die texanische HC-Punk- und Crossover-Legende D.R.I. zu sehen, die sich ihrer 40th Anniversary Tour befand. Eine Vorband zu finden war offenbar nicht so einfach, sogar uns (DMF) hatte man angefragt – doch unabhängig von meinen Plänen herrschte bei uns noch Urlaubssaison. Dann eben ohne! D.R.I. hatten, so erfuhr ich am Einlass, zwei verschiedene, von einer Pause unterbrochene Sets geplant, was sich schon mal vielversprechend anhörte. Im anheimelnden Biergarten hatte die Band ihren Merchstand aufgebaut, hinter dem bis kurz vorm Gig Shouter Kurt Brecht persönlich die Waren feilbot.

Das Publikum im ordentlich gefüllten, aber nicht ausverkauften Indra war die erwartete Mischung aus HC-Volk, Headbangern und Punks, die dem kleineren bewegungswütigen Teil großzügig die Fläche vor der Bühne überließ. D.R.I. spielten eine ziemlich geile Mischung aus den kurzen eruptiven HC-Songs der Frühphase über den spritzigen, flotten HC-/Metal-Crossover (den sie miterfanden) bis hin zum Mut-zum-Midtempo-Sound, der in den 1990ern Hits wie „Acid Rain“ hervorbrachte. Die Herren im mittlerweile gesetzteren Alter agierten routiniert, aber nicht gelangweilt. Gitarrist Spike Cassidy ließ sich für seine Soli von den Langhaarigen feiern, und wie locker Drummer Rob Rampy die treibenden Beats aus dem Handgelenk schüttelt, ist nach wie vor aller Ehren wert.

Zwischendurch kam es zu einem kuriosen Vorfall: Jemand aus meinem Bekanntenkreis schnappte sich überraschend den Papiermülleimer der Herrentoilette und entleerte ihn mitten im Set auf der Bühne. Beifall- oder Unmutsbekundung? Das wusste er wohl selbst nicht so genau, die verdutzte Band jedenfalls fasste diese Aktion tendenziell eher als Affront auf. „Ok, I see: Now it’s a gig against the crowd!”, und dieser beflügele ihn besonders, ließ Kurt wissen – und trat weiterhin, nun zwischen etlichen Zellstoffknüllen, kräftig Arsch. Auch ich ließ mich zu manch Tänzchen hinreißen, schwitzte an diesem heißen Augusttag wie die Sau und fragte mich nach jedem Song, wann denn wohl die versprochene Pause kommen würde. Pustekuchen! D.R.I. zockten durch und beendeten den Gig erst nach gefühlt 35 Songs. Besonders freute ich mich über meine Favoriten „Couch Slouch“, „Manifest Destiny“, „5 Year Plan“ und „Thrashard“, die allesamt in einem wuchtigen, aber crunchigen Sound dargeboten wurden. Von mir aus hätte seitens des Publikums gern noch mehr ausgerastet werden dürfen, andererseits konnte ich so unfallfrei die Bewegungsfreiheit vor der Bühne genießen.

Anschließend ging’s noch auf ‘nen Absacker und ‘ne kräftige Dosis Sauerstoff in den Biergarten (und kurz ins Semtex), diesmal aber ohne es zu übertreiben. Fazit: D.R.I. waren genau das Richtige, um sich nach einer stressigen Zeit und unmittelbar vorm Urlaub noch mal schön die Ohren durchblasen zu lassen, bevor’s für zwei Wochen an den Ostseestrand ging und fast nur noch die BEACH BOYS aus der Konserve aufspielten.

29.07.2022, Indra, Hamburg: 10 Jahre Tanztee-Soundsystem mit SKASSAPUNKA + GHOSTBASTARDZ + ACULEOS + BOLANOW BRAWL

Es ist die Zeit der Jubiläen: Kürzlich noch bei 8 Jahre Beyond Borders gewesen, nun also 10 Jahre Tanztee-Soundsystem. Vor zehn Jahren haben sich auch BOLANOW BRAWL gegründet, meine unheimlich veröffentlichungsfaule Streetpunk-Band, mit der wir für meine andere Band DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS eingesprungen waren. Diese sollten nämlich eigentlich spielen, entfielen aber aufgrund privater Terminkonfusionen. Es ist eben immer gut, eine Zweitband zur Hand zu haben…

Die passte eigentlich auch besser auf dieses Skinhead-affine zweitägige Festival im Indra, auf dem sich Livebands mit DJ-Sets die Klinke in die Hand gaben. Die rührigen Veranstalter Torben und Anne umsorgten uns mit Speis und Trank und dürften zu den nettesten und entspanntesten Tanzteetrinkern der Szene zählen. Unser Soundcheck lief eigentlich problemlos, die Regel will es aber, dass immer mindestens eine Monitorbox rumzickt (offenbar echt sensibel, diese Dinger). Diesmal gab Oles Monitor keinen Laut, weshalb er kurzerhand gegen ein funktionstüchtiges Exemplar ausgetauscht wurde (der Monitor, nicht Ole). Endlich auch selbst mal auf der Indra-Bühne zu stehen, fand ich schon beim Soundcheck geil, und dass ich ‘nen famosen Monitorsound vom Soundmann gezaubert bekam, war dann die Kirsche auf der Sahnehaube.

Draußen wurde der Grill und drinnen das erste DJ-Set angeworfen, wir begannen, uns zu betrinken und spielten pünktlich ab dem Anpfiff um 21:00 Uhr ein 35-Minuten-Set vor einem sehr sympathischen Publikum, das in beachtlicher Anzahl die allererste Band des Abends begutachtete. Abgesehen vom Umstand, dass Gitarrist Christian in einer halben Stunde drei Stimmpausen unterbringen musste, flutschte alles gut durch und hat so richtig Laune gemacht.

Die Prager SHARP-Band ACULEOS trat ebenfalls in Fünferbesetzung mit zwei Klampfen an und spielte ‘nen recht rauen Oi!-Stiefel mit vornehmlich in Landessprache verfassten Texten. Apropos Stiefel: Der Sänger hatte sich offenbar den Fuß gebrochen und daher selbigen in einem medizinischen Moonboot stecken. Die meiste Zeit über nahm er auf einem Barhocker Platz, zuweilen stand er aber auch kurz auf. ACULEOS ließen eine Whiskey-Buddel im Publikum kreisen, erregten Aufsehen mit einem im mittleren oder hinteren Teil des Sets integrierten, arschgeilen englischsprachigen Song und coverten die 8°6 CREW mit neuem Text („Rebels“). Die THE-OPPRESSED-Nummer „Work Together“ beschloss den regulären Teil des Sets, doch auf die zahlreichen Forderungen nach einer Zugabe hin fasste man sich ein Herz und spielte einen auf der PENNYWISE’schen „Bro Hymn“ basierenden Song, der im Refrain „Skinhead fight tonight“ oder so verlauten ließ und keinesfalls derart in die Länge gezogen wurde wie das Original, sondern viel zu schnell schon wieder vorbei war. Klasse Gig, der entsprechend gut ankam und die allgemeine Stimmung weiter steigerte. Würde ich mir gern beizeiten noch mal ansehen.

Die nachfolgenden Bands GHOSTBASTARDZ und SKASSAPUNKA bekam ich – entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten – nur noch am Rande mit, weil ich mich erst draußen im Biergarten festquatschte und es dann genoss, einfach dort zu bleiben. Sorry! Ich glaube, meine Aufmerksamkeitsspanne war für diesen Abend auch einfach erschöpft. Ach ja, zwischendurch wurde noch Bingo gespielt; und beide Bands wurden wohl gebührend gefeiert und dürften ebenfalls ‘ne verdammt gute Zeit gehabt haben. Am nächsten Tag war ich anderweitig eingespannt. Dem Vernehmen nach war’s Samstag insgesamt wohl etwas weniger Publikum, das sich Bands wie VIETSMORGEN, ASHPIPE, CITY SAINTS u.a. reinzog. Ich hoffe, dass auch dieser Abend dennoch gelungen war und alle auf ihre Kosten gekommen sind.

Glückwunsch zu zehn Jahren Tanztee; danke, dass wir einspringen durften und so gut umsorgt wurden! Auf die nächsten zehn!

P.S.: Danke auch an Svenja für die Fotos unseres Gigs sowie an Small-Town-Timo für diesen Videoausschnitt:

23.07.2022, Gängeviertel, Hamburg: 8 Jahre Beyond Borders mit DIE SCHWARZEN SCHAFE + FREIDENKERALARM + DR. ULRICH UNDEUTSCH + GESTRÜPP

Fast zwei Wochen war ich in Homeoffice/Covid-19-Isolation, was mich beinahe in den Wahnsinn trieb. Quasi pünktlich zu den endlich wieder negativen Tests feierte die Beyond-Borders-Konzertgruppe ihr Achtjähriges mit einem zweitägigen Festival im großen Konzertsaal des Gängeviertels, was mir wie gerufen kam. Ich musste endlich mal wieder raus, verbrachte den Freitag aber noch im Erholungsmodus. Samstag jedoch raffte ich mich auf, um den zweiten Tag des Festivals mitzunehmen. Ein bisschen zu Hause vorgeglüht und nebenbei noch paar Dinge erledigt, dadurch die ersten GESTRÜPP-Songs verpasst. Es folgten aber noch einige, sodass ich mir einen ersten Eindruck dieser noch jungen Norderstedter Band aus dem SZ-Umfeld verschaffen konnte. Und dieser war positiv: Mit Kontrabass (gespielt von Szenetausendsassa Holli) und wechselnder Instrumentierung spielen GESTRÜPP recht eigenständigen Punk mit Folkeinflüssen. Die Sängerin, die ich noch von AUS DEM RASTER kannte, tauschte ihre Akustikklampfe zuweilen gegen Querflöte und andere folkloristische Instrumente. Das hatte trotzdem alles gut Schmackes, vor allem aber Stil und Atmosphäre. Hat mir gefallen, und beim nächsten Mal werde ich vielleicht auch pünktlich sein und mich besser auf die Band konzentrieren.

DR. ULRICH UNDEUTSCH aus dem Sachsenland hatte ich bereits zweimal genau hier gesehen. Zuletzt waren sie mit zwei Gitarren aufgetreten und hatten einen schön satten Sound, diesmal trat man wieder als Quartett mit nur einer Klampfe auf. Trotzdem gefiel mir die Band so gut wie nie zuvor – entweder haben sich meine Hörgewohnheiten geändert oder der „Undeutschpunk“, wie sie ihren Stil nennen, hat sich gemausert. Die Gitarre sägte amtlich und der flotte Hardcore-Punk wurde von der Rhythmussektion ordentlich nach vorne getrieben. Alles in allem ‘ne runde Sache und für meinen Geschmack hätte der Gesang gern noch etwas lauter gedurft, damit man vielleicht etwas mehr von den hörenswerten, gesellschafts- und politkritischen Texten aufschnappt.

Dies war nämlich beim Trierer FREIDENKERALARM der Fall, die einen Spitzensound bekamen und fast nach mehr als ‘nem Trio klangen: Von der Gesamtscheiße angepisste deutschsprachige Texte, melodisch mit angerautem Organ gesungen, ein angenehmes, tanztaugliches Tempo und vor allem unaufdringlich eingängige, zupackende Gitarrenmelodien bei stets präsentem Druck. Der erste Song klang hingegen noch völlig anders, schien aber eher Intro-Charakter zu haben. Die Darbietung wusste mich doch ziemlich zu begeistern, bis mir das Gequatsche zwischen den Songs zu viel Preaching-to-the-converted-Charakter annahm. Getoppt wurde das noch, als die Band das Publikum aufforderte, den antirassistischen Kniefall durchzuführen – und bis auf zwei, drei Menschen diesem tatsächlich alle nachkamen. Was als Solidaritätsausdruck auf großen Veranstaltungen oder bei TV-Übertragungen, wenn Millionen Augen auf sie gerichtet sind, absolut Sinn ergibt, erscheint mir vor spärlicher Clubkulisse unter Gleichgesinnten eher als kollektiver Akt der Masturbation. Und davon einmal abgesehen fühlt es sich befremdlich an, wenn antiautoritäre, anarchische Punks auf die Knie fallen, weil jemand von der Bühne aus sie dazu auffordert… Dem Gitarristen gelang übrigens das Kunststück, sich während des Gigs gleich zwei Saiten auf einmal zu zerreißen. Es wurde aber rasch Abhilfe geschaffen.

Dass ich DIE SCHWARZEN SCHAFE zuletzt live gesehen hatte, dürfte nicht nur eine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit her gewesen sein. Mit ein paar Songs im Ohr hatte ich mich schon auf dem Hinweg in Stimmung gebracht – und jetzt richtig Bock. Sänger Armin hatte ich gar nicht erkannt, als ich ihn wegen seines blauweißen Brasilien-Trikots neben mir auf dem Klo scherzhaft mit „Schalke!“ oder so anlallte… Ich war überrascht, wie frisch die Herren im mittlerweile etwas fortgeschrittenen Alter (noch? wieder? erstmals?) klingen, zudem bekamen sie einen perfekten P.A.-Sound spendiert. Die Düsseldorfer spielten wirklich all ihre Hits – „Die Weber“, „Neue Rituale“, „So lang dabei“, „Zu spät“, „Nacht“ und wie sie alle heißen – und was mir davon geläufig war, sang ich begeistert mit. Während ich ausgelassen vor der Bühne herumsprang, bekamen erst ich und schließlich auch andere des fröhlichen Pogomobs das Mikro zum Mitsingen einzelner Textzeilen hingehalten, Publikum und Band waren schnell aufeinander eingegroovt und interagierten bestens miteinander. Die Ohrwurmmelodien der SCHAFE erstrahlten gegenüber manch alter Plattenaufnahme in vollem Glanz und wurden von einem supertighten Drummer mit so kräftigem Punch versehen, als sei jeder Schlag eine unmissverständliche Einladung zur grobmotorischen Expression. Ohne Zugabe wurde die Band nicht aus dem Viertel gelassen. Großartiger Gig, punk as fuck, Band in Höchstform, euphorisches Publikum – so muss dat. Wenn die irgendwo in der Gegend spielen: Hin da!

Vermutlich waren am ersten Festivalabend ein paar Besucherinnen und Besucher mehr da und pflegten nun ihren Kater, andererseits haben ja gerade fast alle Veranstalterinnen und Veranstalter mit einem gemessen an präpandemischen Zeiten deutlich zurückhaltenderen Publikum zu kämpfen. Ich vermute jedenfalls stark, dass vor ein paar Jahren noch wesentlich mehr Leute einem Abend wie diesem beigewohnt hätten. Der gelungenen Geburtstagsparty tat dies jedoch keinen Abbruch. Glückwunsch an Beyond Borders zum Achtjährigen!

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