Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 7 of 47)

26.-28.05.2023, Amphitheater, Gelsenkirchen: ROCK-HARD-FESTIVAL 2023

Auf dem Rock-Hard-Festival war ich bisher zweimal, in den Jahren 2015 und 2016. Das Gelsenkirchener Amphitheater mitten im Grünen am Rhein-Herne-Kanal ist sicherlich einer der schönsten Open-Air-Konzertorte Deutschlands und dürfte so um die 8. bis 10.000 Besucherinnen und Besucher fassen, will sagen: Das Festival ist kein überdimensioniertes Spektakel à la Wacken & Co. Dieses Jahr sah das Billing derart vielversprechend aus, dass es selbst bei mir, der ich nun eigentlich kein großer Festival-Gänger bin, zu kribbeln begann und ich letztlich den Entschluss fasste – bzw. mir die Erlaubnis meiner besseren Hälfte einholte –, dann doch mal wieder zu partizipieren. Ausschlaggebend hierfür waren in erster Linie die Ankündigung, dass Tom Warriors TRIPTYKON hier ein spezielles CELTIC-FROST-Klassikerset Schland-exklusiv darreichen würden und ich die Chance erhalten sollte, erstmals in meinem Leben (!) TESTAMENT live zu sehen. Mit HOLY MOSES, DISCHARGE, ENFORCER, KNIFE, den für die verhinderten EXODUS eingesprungenen SODOM und MSG, die ich 2015 bereits ebenda gesehen hatte, klang aber auch der Rest vom Fest vielversprechend – und bei den übrigen Bands dürfte bestimmt wieder die eine oder andere Entdeckung zu machen sein, dachte ich mir.

Als ich mich im Februar auf die Suche nach einer Unterkunft begab, musste ich ernüchtert feststellen, dass es seinerzeit wesentlich einfacher war, günstige, privatvermietete Zimmer in Gelsenkirchen zu finden. Die Preise sind explodiert bei zugleich anscheinend ausgedünntem Angebot – oder ich war schlicht zu spät dran. Letztlich kam ich in einem Nobel-Appartement unter, das für mich als Alleinreisenden sehr großzügig bemessen und nun auch nicht gerade ein Schnäppchen, dafür aber sehr zentral direkt am Bahnhof gelegen war. Wat soll man machen…

Die Anreise mit diesem komischen Flixtrain von HH nach GE verlief zunächst etwas abenteuerlich, am Ende aber beinahe pünktlich und somit ziemlich flott. Die Bude war schnell bezogen; also noch mal feucht durch den Schritt gewischt, ins legere Beinkleid geschlüpft und die Tradition gewahrt, wenigstens an einem der Tage – diesmal am ersten – zu Fuß zum Festivalgelände zu latschen. In den Jahren 2015 und 2016 hatte mich der Weg durch wunderschöne grüne Wanderwege am Rhein-Herne-Kanal geführt, diesmal ging’s längere Zeit an Bahngleisen entlang. Die gut vier Kilometer waren trotzdem ein Genuss, denn das vielgescholtene Gelsenkirchen lädt mit seinen Sandwegen, Wiesen, Parks und Wäldchen auch abseits des Kanal zum Lustwandeln ein. Die grüne Lunge des Ruhrgebiets, oder wat? Gegen 14:15 Uhr traf ich ein, zog mir meine Eintrittskarte an der Tageskasse, ließ mir mein Bändchen geben, griff zum ersten Fischbrötchen und freute mich auf den Eröffnungs-Act um 15:00 Uhr.

Bei diesem handelte es sich um die Schweden SCREAMER, die mir von zwei Clubgigs als gute Liveband in Erinnerung waren. Seit 2009 sind SCREAMER aktiv und hatten nun ihr fünftes Album „Kingmaker“ im Gepäck, von dem sie zum Einstieg gleich die ersten beiden Songs spielten. Das Quintett zockt klassischen Heavy Metal mit ein paar Ausflügen in Richtung Speed. Der Sound war von Beginn an top, der Gesang vielleicht sogar etwas zu laut (ging in den Höhen aber ein bisschen unter). Das Rund des Amphitheaters füllte sich rasch, die Leute hatten Bock. Meine persönlichen Highlights waren „Demon Rider“ und „Shadow Hunter“, „Screamer“ und „Highway of Heroes“ habe ich hingegen vermisst. Die Band gefällt mir am besten, wenn sie etwas ungestümer zur Sache geht, was sie für meinen Geschmack gern wieder öfter tun dürfte. Eher albern sah das (Beinahe-)Einheitsoutfit mit den weißen Westen aus, dem sich nur der Drummer entzog (deshalb „beinahe“). Dieser hatte natürlich wieder seine Becken pervers hoch hängen, eines seiner Markenzeichen. Die Klampfer boten schöne Twinguitars und Soli. Das ging klar und war ein absolut solider Festival-Auftakt.

MOTORJESUS folgten, die hatte ich seinerzeit auch schon mal hier gesehen und sind mit ihrem Schweinerock-Metal musikalisch nicht ganz mein Ding, was aber nicht viel heißen muss. Sie traten mit einem Ersatzgitarristen für den leider erkrankten festen eigentlichen Sechssaiter an und der Sänger klagte über eine Erkältung, von der man aber nichts hörte – allerdings habe ich den Gig auch nicht konzentriert verfolgt. Dass das ein sehr energiegeladener Auftritt war, blieb mir dennoch nicht verborgen und mit dem sehr gelungenen SACRED-REICH-Cover „Independent“ als Rausschmeißer holten sie mich dann sogar doch noch ab.

Die deutsche Thrash-Institution HOLY MOSES mit Shouterin Sabina als besonders hervorstechendem, weil damals noch seltener als heute anzutreffendem Alleinerstellungsmerkmal hat gerade ihr finales Studioalbum „The Invisible Queen“ veröffentlicht und wird sich nach einer Abschiedstournee auch von der Live-Front verabschieden. Das Intro aus der Konserve begann mit der ‘80er-Pop-Schnulze „Careless Whisper“; die Band stieg direkt mit „Def Con II“ von „The New Machine of Liechtenstein“ ein, jenem ‘89er-Langdreher, von im weiteren Verlauf auch die meisten Stücke stammen sollten (nämlich vier an der Zahl). Mischer oder Mischerin schienen sich mit dem Sound zunächst etwas schwerzutun, das bekamen er oder sie mit der Zeit aber in den Griff. Die 59-jährige, gertenschlanke und agile Sabina war hochmotiviert und hatte sichtlich Spaß, headbangte, röhrte, grunzte und sprang auf der Bühne herum, wenn sie nicht gerade ungekünstelt und sympathisch mit dem Publikum kommunizierte. Vom aktuellen Album wurden das Titelstück sowie das geniale „Cult Of The Machine“ kredenzt, mit „World Chaos“ war einer meiner absoluten Favoriten dabei und ‘ne echte Überraschung hielt man gegen Ende parat: Sabinas Ex-Mann und Ex-HOLY-MOSES-Mastermind Andy Classen kam auf die Bühne, um bei „Finished With The Dogs“ vom gleichnamigen Kultalbum ‘ne zweite Klampfe zu spielen und mitzusingen, wofür Sabina ihm ihr Mikro hinhielt. Da war er, mein erster magischer Moment des Festivals! Leider war dann anschließend nicht mehr genug Zeit, um sowohl „Life’s Destroyer“ als auch „Current of Death“ zu spielen, weshalb Sabina das Publikum abstimmen ließ: „Current of Death“ erhielt den Zuschlag und besiegelte diesen starken Gig, der einen veritablen Moshpit vor der Bühne erzeugt hatte, vor allem aber einen Unterschied wie Tag und Nacht gegenüber dem Reunion-Gig 2015 in der Hamburger Markthalle darstellte, als die Band wie ein zusammengewürfelter Haufen auf mich wirkte und Sabina unbeholfen auf Pömps über die Bühne stackste und die Texte von der Zettelsammlung auf dem Fußboden abzulesen schien. Apropos Markthalle: Sie lud zum ebendort stattfindenden Abschiedskonzert am 27.12. dieses Jahres ein! Wäre ‘ne Überlegung wert…

VICIOUS RUMORS schenkte ich als US-Metal-Muffel mir. Gitarrist und Bandgründer Geoff Thorpe glaubt anscheinend bis heute, NIRVANA & Co. hätten in den ‘90ern den Metal gekillt. Außerdem spielen die gefühlt auf absolut jedem deutschen Metal-Festival. Stattdessen latschte ich zu „Krachmucker TV“-YouTuber Ernie Fleetenkiekers Lesung aus seinem in Kürze auch im offiziellen Handel erscheinenden autobiographischen Pamphlet „Metal-Manifest“. Aufgrund der Hitze stand er nur in Socken, Hotpants und Kutte (ach ja, und Schlips!) da, las auszugsweise aus seinem Buch, kommunizierte mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern, fragte Fachwissen ab, hielt LPs in die Luft und trank Bier. Sehr sympathisch, sehr eloquent, sehr ehrlich, authentisch und, ja – witzig! Ich fürchte, der Schinken muss beizeiten her… Leider schaffte ich’s das Festival über aber zu keiner der zwei oder drei verschiedenen „Kumpels in Kutten“-Ruhrpott-Metal-Fachbuchlesungen mehr.

Apropos Muffel: Die britischen Death-Metal-Urgesteine BENEDICTION hatte ich als Death-Metal-Muffel eher unter schleppend bis doomig abgespeichert, was ja nicht so mein Ding ist – je trashiger der Death Metal klingt, desto besser. In diesem Falle war ich anscheinend zu ignorant, denn BENEDICTION zockten überraschend flotte Stücke, hatten im italienischen Drummer ein Tier an den Kesseln und in Dave Ingram einen Sänger mit herrlich tiefem Organ, verziert mit dezentem Hall. Das zog mir die Falten aus dem Arsch, mit dem ich mich auf die Amphitheater-Stufen gefläzt hatte, und der Pöbel drehte völlig frei, schmiss sogar das teure Bier durch die Gegend. Den Song „Stormcrow“ widmete Ingram TRIPTYKON-Bandkopf Tom Warrior. Die Zugabe wurde im direkten Anschluss an den nominell letzten Song dargereicht, ganz ohne die üblichen Spielchen, die ihr normalerweise vorausgehen. Die Überraschung des Festivals für mich, werde mir in Kürze den „WDR-Rockpalast“-Mitschnitt drücken und die Chose reevaluieren.

Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit dann der langerwartete Headliner des Tages und mein persönlicher Festival-Höhepunkt: TRIPTYKON performing early CELTIC FROST! „Danse Macabre“ kam als Intro aus der Konserve, wobei ich auch „Human (Intro)“ (auf einem Livealbum von den KASSIERERN als „Aufschrei der Kreaturen im Moment des Bewusstwerdens“ gecovert) goutiert hätte. Wie auch immer, „Into the Crypts of Rays“ als erster livegespielter Song flashte mich sofort. Dieser Gitarrensound – hier sogar von gleich zwei Klampfen kreiert –, Toms Stimme, die treibenden Drums und der wummernde Bass – hier stimmte einfach alles! Weiter ging’s durch die großartigen Songs von Meisterwerken wie „Morbid Tales“ und später „To Mega Therion“, abgeschmeckt mit ein bisschen „Emperor’s Return“-Material. Ich hatte CELTIC FROST nie live gesehen; als vor Jahren eine ähnliche Veranstaltung zusammen mit dem damals noch lebenden Martin Ain geplant war, war diese ins Wasser gefallen. Hier war ich nun aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Band spielte vor einem riesigen Backdrop mit dem Giger-Gemälde des „To Mega Therion“-Albums, die Lightshow mit ihren Grün- und Lilatönen war erhaben und Tom in all seiner Bescheidenheit dem Publikum überaus dankbar – dabei haben wir zu danken! Mein zweiter magischer Moment des Festivals, wobei sich der „Moment“ vom ersten bis zum letzten Song erstreckte.

Mit dem natürlich mit Festival-Besucherinnen und -Besuchern überfüllten Linienbus ging’s bis fast vor die Haustür meiner Unterkunft zurück und ich schlief zeitig glückselig ein, schließlich wollte ich am nächsten Tag fit sein.

GÜNNIgfeld und KROKUSwinkel!

Dieses Unterfangen klappte dann auch ganz gut. Die Buslinie vom Vortag fuhr zwar gerade nicht, aber mit einer anderen konnte ich nach einem nahrhaften und fair bepreisten Frühstück vom Bahnhofspassagenbäcker zumindest in die Nähe der entgegengelegenen Seite des Festivalgeländes fahren. Der anschließende Fußmarsch zeigte mir abermals sehr malerische Seiten Gelsenkirchens und pünktlich zum Eröffnungs-Act des heutigen Tages fand ich mich vor der Bühne ein: MIDNIGHT RIDER aus Koblenz um die ehemaligen METAL INQUISITORen Blumi und Cliff haben letztes Jahr ihr zweites Album „Beyond the Blood Red Horizon“ veröffentlicht und spielen trotz nur einer Klampfe recht JUDAS-PRIEST-lastiges Material. Diesen Eindruck verstärkt auch Sänger Wayne, der früher bei einer Priest-Coverband sang, über eine ähnliche Stimmfarbe wie Rob Halford verfügt und auch in seinen Bewegungen mitunter stark an den Metal God erinnert, auf dessen spitze Schreie er aber weitestgehend verzichtet. Blumi kam mit Gipsbein und musste daher auf einem Stuhl sitzend spielen, was seiner Spielfreude aber anscheinend keinen Abbruch tat. „Your Parole“ entpuppte sich als klasse Opener und das getragene „Beyond the Blood Red Horizon“ kam ebenso gut rüber wie „Intruder“, wobei letztgenanntes Stück wirklich sehr stark nach Priests mittlerer Schaffensphase klang. Weiß jemand, welcher Song danach gespielt wurde? Der konnte nämlich auch echt wat. Mit „Demons“ folgte ein echter Hit und mit „Opium Trail“ ging’s zurück zur Debüt-Maxi-Single aus dem Jahre 2008. Vereinzelte spitzere Gesangstöne und Refrainbetonungen wurden durch Echoeffekte verstärkt, auf Backgroundgesang hingegen vollständig verzichtet. Der wäre aber auch tatsächlich nicht nötig gewesen. MIDNIGHT RIDER wurden gut gefeiert und freuten sich sichtlich über den schon zu früher Stunde – 12:30 Uhr – starken Zuspruch, durften sogar für eine Zugabe wiederkommen: ihren Signature-Song „Midnight Rider“! Ein gelungener Auftritt, bei dem meines Erachtens aber der eine oder andere Gitarrensolo-Passus etwas abfiel. Eventuell über einen zweiten Gitarristen nachdenken? Ach ja, und „Always Marching On“ hätte ich mir noch im Set gewünscht – aber man kann nicht alles haben.

Mandy vom Rock-Hard-Team gab nun auf der Bühne bekannt, dass der Flug der Schweden NESTOR gestrichen worden sei und die Band daher später einträfe, weshalb der Ablaufplan geändert werden müsse. Die drei nach dem nächsten Act folgenden Bands wurden also vorgezogen, Nestor auf 18:20 Uhr datiert. Gut wäre vermutlich gewesen, dies öfter mal durchzusagen und hier und da ‘nen entsprechenden Aushang anzubappen, denn das dürfte nicht jeder mitbekommen haben…

KNIFE aus dem Hessischen rüpeln sich mit ihrem angeschwärzten Speed Metal und punkiger Attitüde seit 2019 durch die Szene, haben einige Hits auf Lager und Bock auf ‘nen nietenbesetzten, kettenbehangenen Gig bei prallem Sonnenschein. Eigentlich gehört so was eher in ‘nen stickigen Club, aber auch auf großer Bühne mit protzigem Riesen-Backdrop ließ ich mir den Einstieg „Chromium Pryer“ und Knaller wie „Black Leather Hounds“ (ein verdammter Ohrwurm!), „K.N.I.F.E.“ und natürlich „Sword Loser“ gefallen. Nach „I Am the Priest“ stellte der Sänger mit dem wunderschönen Künstlernamen Vince Nihil seinen Drummer als Kaiser (heißt der mit bürgerlichem Nachnamen so?) und nach dem nächsten Song Basser Gypsy Danger vor, ließ ‘ne schöne Ansage gegen Homophobe, Faschisten und ähnliches Geschmeiß da und kommunizierte und interagierte generell viel mit dem Publikum. Diverse Songs widmete er diversen Personen, bevor’s am Schluss mit „Sacrifice“ noch ein Cover der frühen BATHORY auf die Ohren gab. Unterhaltsamer Gig für Freundinnen und Freunde der etwas gröberen Kelle!

Nun hieß es abwägen: DEPRESSIVE AGE mit ihrem ‘90er-Thrash sind weniger was für Vadder sein‘ Sohn und die krankheitsbedingt leider DISCHARGE ersetzenden VOIVOD habe ich hier schon mal gesehen, sind mir nach den ersten vier Alben aber zu proggy und lahm geworden. Apropos: Was war das eigentlich für ‘ne Nummer, VOIVOD aus ‘nem kleineren Konzert in Ulm, wo sie eigentlich am Abend spielen sollten, herauszukaufen und die Ulmer Szene damit im Regen zu stehen zu lassen? So etwas trägt mit Sicherheit nicht dazu bei, dass die Leute noch Bock haben, sich Konzertkarten im Vorverkauf zu holen – worunter ja größere Teile des Konzertbetriebs ohnehin zu ächzen scheinen. Da hätte ich als DISCHARGE-Ersatz lieber ein, zwei Punk- oder Hardcore-Bands aus dem Pott herangeholt. Ich weiß, das war alles sehr kurzfristig, aber diese Aktion hinterlässt doch einen schalen Beigeschmack. Doch ich hatte ja ohnehin andere Pläne: Schnell mal die Karten-App angeschmissen und nach „Fußballkneipe“ gesucht, 15:30 Uhr war Anpfiff des Erstligafinals. Aha, zwei Kilometer entfernt sollte es eine geben. Nur wenige Meter hinterm Festivalgelände traf ich aber bereits auf einen schnieken Biergarten mit bezahlbarem Imbiss und Fussek-Bezahlfernsehen, wo ich sogar nach Jahren mal wieder gezapftes Alt trinken konnte. Um mich herum bereits zahlreiche Metallerinnen und Metaller, deren Anzahl sich nach und nach erhöhte. Ich war erwartungsgemäß also nicht der Einzige, der Metal mal eben Metal sein ließ und lieber dem Gekicke überbezahlter Söldner beiwohnen wollte. Dass die Nummer für die Region alles andere als gut ausging, ist hinlänglich bekannt und muss hier nicht vertieft werden. Nur eines dazu: Schalke 04 – Seele vom Revier! Jetzt erst recht!

Kopfschmuck…

Zurück auf dem Festival bekam ich immerhin noch das letzte Drittel des BRIAN-DOWNEY’S-ALIVE-&-DANGEROUS-Auftritts mit. Downey, ehemaliger THIN-LIZZY-Drummer, hat sich eine Band zusammengestellt, mit der er das legendäre „Live & Dangerous“-Album wieder auf die Bühne bringt. Für Bass und Gesang hat er tatsächlich eine Art Phil-Lynott-Double gefunden und zockt die Nummern offenbar möglichst originalgetreu. Wer auf diese Art klassischen irischen Hardrocks schwört, dürfte damit viel Freude haben, denn zumindest hier war der Sound astrein, konnten sich die Twin-Gitarren optimal entfalten und war es äußerst respektabel, wie der ja nicht mehr ganz taufrische Downey auf seinem Kit umherwirbelte. Man scheint das Erbe in vollen Ehren zu halten und verzückte das Publikum, das fröhlich mitsang und die Band anfeuerte. The Boys sind mal wieder back in town! Und mit dem Traditional „Whiskey in the Jar“ als krönendem Abschluss kann man ohnehin nicht viel falsch machen. Nicht nur ich schmettere die einst von METALLICA einer jüngeren Generationen wieder nahegebrachte Nummer artig mit.

Nun aber zu einer Band, auf die ich mich so richtig gefreut hatte: NESTOR! Die Schweden haben sich einem Sound zwischen AOR und Pop-Rock der ausgehenden 1980er verschrieben, allerdings jener Variante, die ihre Wurzeln im Hard’n’Heavy-Bereich hat, sprich: Es dominiert Keyboard und -tar (!) zum Trotz eine entschlossen riffende und zuweilen sehr gekonnt solierende Gitarre. Das Retro-Kommando – der Legende nach bereits 1989 gegründet, aber erst vor wenigen Jahren wiedervereint, um nun tatsächlich etwas außerhalb des Proberaums zu reißen – trat zum Rollback in mein Lieblingsjahrzehnt an und zelebrierte diesen mit Mut zu Geschmacksverirrung und Klischee, aber auch einem stets mitschwebenden Augenzwinkern. Da wird Schauspielerin Demi Moore ebenso besungen wie das „lost child on the run“ oder eben jenes magische Jahr 1989, bei dem auch mir ganz warm ums Herz wird. Bis auf das Album „Kids in a Ghost Town“ hat man zwar, von zwei obskuren CD-EPs in den ‘90ern, noch nichts veröffentlicht, ist in diesem speziellen musikalischen Metier aber nach wie vor eine der Bands der Stunde. Dies liegt u.a. daran, dass es sich um kein vom Frontiers-Label zusammengecastetes Studio- oder ein Ein-Mann-Heimprojekt für Bandcamp und Co. handelt, sondern um eine fantastische Live-Band, die in Sänger Tobias Gustavsson eine echte Rampensau in ihren Reihen weiß und der es spielend gelingt, diese spezielle ‘80er-Atmosphäre zu reproduzieren. Tobias hat anscheinend längere Zeit in Deutschland gelebt und versuchte sich an der einen oder anderen deutschsprachigen Ansage respektive Publikumskommunikation („Du bist der Bestes!“), sang das auf der LP mit Samantha Fox (!) eingesungene Duett „Tomorrow“ zusammen mit einer anderen Dame und fiel lediglich aus der Retro-Rolle, als er darum bat, zu diesem Song das Smartphone zu schwenken (argh!). Das als Zugabe nachgeschobene, auf der LP etwas abfallende, weil an das schmissige Original nicht herankommende WHITNEY-HOUSTON-Cover „I Wanna Dance With Somebody“, wurde hier ebenfalls zusammen mit der Gastsängerin intoniert und avancierte zur fulminanten Party, bei der das Amphitheater kollektiv zum Grinsen und Mitsingen bewegt wurde. Der nächste magische Moment!

Muss man tragen können

Eigentlich hätten nun die Bay-Area-Thrash-Urgesteine EXODUS spielen sollen, fielen jedoch (wie deren gesamte Tour mit TESTAMENT und VOIVOD) aus, weil Gitarrist Gary Holt sich um seinen Bruder kümmern muss, der einen schweren Autounfall in Italien erlitten hat. Ein solcher Unfall ist natürlich höchst unerfreulich, aber auf EXODUS hätte ich ohnehin gar nicht unbedingt Bock gehabt. Mittlerweile gelten drei Fünftel der Band als Trumpster und selbst Gary Holt sagt von sich, längst zu den Republikanern übergelaufen zu sein, wäre da nicht deren frauenfeindliche Abtreibungspolitik. Traurig. Umso mehr freute ich mich über den Ersatz: SODOM! Die hatten es nicht weit und gehen eigentlich immer. Kurzer Monitor-Check auf der Bühne und Abfahrt! Überraschend mit „Silence is Consent“, der sich als Top-Opener herausstellte, beginnend, knüppelte und riffte man sich bei einem von Beginn an bombigen Sound quer durch die Bandhistorie, wobei das aktuelle Studioalbum „Genesis XIV“ lediglich mit „Sodom & Gomorrah“ berücksichtigt wurde. „Sodomy & Lust“ und „Agent Orange“ dürfen natürlich in keinem SODOM-Set fehlen, „Blasphemer“ ist frühester Kult, „Nuclear Winter“ eines meiner Lieblingsstücke, „Conflagration“ von der „Partisan“-EP ebenso wie der live besonders mächtig kommende „Caligula“ jüngeren Datums und „Equinox“ – neben „After the Deluge“ mein Favorit vom krachigen „Obsessed by Cruelty“-Langrillen-Debüt – eine Nummer, von der ich nie geglaubt hätte, sie mal live um die Ohren geballert zu kriegen. Ich liebe es, wie die aktuelle SODOM-Besetzung die Setlist immer wieder variiert und das musikalische Banderbe pflegt. Dem kürzlich bedauerlicherweise verstorbenen ex-THE-DAMNED-Bassisten und TANK-Gründer Algy Ward widmete die Band das „Don’t Walk Away“-Cover, und Tom betonte, welch bedeutender Einfluss Algy und seine Musik auf ihn waren. Sehr schöne Geste; R.I.P., Algy! Der ins Steigerlied übergehende „Bombenhagel“ setzte den Schlusspunkt hinter diesen herrlich unprätentiösen Auftritt, bei dem SODOM ohne spektakuläre Show-Elemente oder Konfettiregen allem voran die Musik sprechen ließen. Frank Blackfire an der Klampfe tobte sich am Bühnenrand aus und suchte die Nähe zum Publikum, während Toni Merkel an den Drums seine Fills fast wie weiland Chris Witchhunter (R.I.P.) wirbelte. Yorcks zweite Gitarre sorgt für mehr Druck als früher in Trio-Besetzung und lässt erst gar keine Soundlücken entstehen. Über Fußball wollte Tom verständlicherweise nicht reden und über den hohen Festival-Bierpreis schüttelte er den Kopf. Das tat ich auch, war nun aber trotzdem so richtig in Trinklaune gekommen, brüllte begeistert die Refrains mit und feierte zusammen mit dem Großteil des Amphitheaters diese Institution des Ruhrpott-Thrashs, der alles andere als nur ein Ersatz war.

Jetzt sollte es eigentlich noch mal richtig feierlich werden: Die US-Thrasher TESTAMENT zählen zu den großen Vier in ihrem Segment und waren eine der allerersten Metal-Bands, die ich jemals zu hören bekommen hatte. Als kleinem Stöpsel von acht Jahren oder so hatte man mir u.a. ein paar Stücke von der „Live in Eindhoven“ überspielt; schon damals war ich hin und weg von Sänger Chuck Billys brachialem Organ und Alex Skolnick Gitarrenzusammenspiel mit Eric Peterson. „The Legacy“ zählt für mich bis heute zu den stärksten Thrash-Scheiben überhaupt. Dass die Band danach meines Erachtens stark nachgelassen hatte und in den unsäglichen 1990ern gar anfing, diese langweilige Groove-Zeug zu spielen – geschenkt. Dafür flashte mich die spät von mir entdeckte „Return to the Apocalyptic City“-Mini-LP noch mal so richtig, enthält sie doch die bestmögliche „Disciples of the Watch“-Liveversion überhaupt. Und „Dark Roots of Earth“ war dann doch noch mal ein richtig geiles Album der Neuzeit. Mein TESTAMENT-Bezug ist also durchaus von starken Liveaufnahmen geprägt. Umso ungläubiger war ich, als ich nach dem Rock-Hard-Festival 2014 (an dem ich nicht teilgenommen hatte) vom durch den eigenen Mischer völlig zergrützten TESTAMENT-Sound gelesen hatte. Von dem hatte man sich aber irgendwann getrennt, konnte also nur besser werden – sollte man meinen. Tatsächlich sollte dies mein erstes TESTAMENT-Konzert werden, meine Vorfreunde war entsprechend groß – auch wenn Phil Demmel von VIO-LENCE für Skolnick einspringen musste, weil dieser aus familiären Gründen passen musste. Über das Castle-Grayskull-Backdrop freute ich mich als alter MOTU-Fan noch, die Lightshow war auch fett, doch, oh Graus: Der Sound war unter aller Kanone. Zunächst flüsterleise, später ein einziger, heillos übersteuerter und höhenlastiger Brei. Wieder einmal wurde im Amphitheater kräftig die Rübe geschüttelt, jedoch von links nach rechts oder umgekehrt. Enttäuscht verließ ein beträchtlicher Teil des Publikum die Szenerie, ich hielt zumindest wacker bis zum Ende durch, ärgerte mich jedoch nur noch. Hinterher erfuhr ich, dass die Band wieder eigenes Personal ans Mischpult gelassen habe, diesmal eine Mischerin. Diese habe erst nach einer halben Stunde bemerkt, dass eine der Gitarren überhaupt nicht über P.A. lief, hat ohrenscheinlich aber so oder so in jeglicher Hinsicht versagt. Beim Headliner und der vermutlich kostspieligsten Combo des Festivals! Ich frage mich, wie die Festivalleitung das nach den Erfahrungen von vor neun Jahren zulassen hat können, warum man der Frau nicht wenigstens jemanden danebengesetzt hat, der sich mit der Location und der Anlage auskennt. Und wie man tatenlos 80 Minuten lang zuhören kann, wie der Sound des Hauptacts komplett in den Sand gesetzt wird. Besten Dank auch.

Kräftig angeheitert ging’s mit dem Bus zurück zur Unterkunft, in deren unmittelbarer Nähe noch ‘ne Hipster-Kneipe geöffnet hatte, die doch tatsächlich die Hamburger Astra-Industrieplörre als vermeintliches In-Getränk ausschenkte, bei den lokalen Marken aber wenigstens halbwegs zivile Preise aufrief. Am Stehtisch vor der Tür laberte ich einige Bierlängen lang mit ‘nem sympathischen Typen von einem Schalker Fan-Projekt und seinem Kumpel über Fußball, und es wurde spät…

Natürlich verschlief ich am nächsten Tag und schleppte ‘n Katerchen mit mir herum, sodass ich die deutschen US-Metaller IRON FATE verpasste, aber immerhin bei meiner Ankunft noch deren kompetent gezockte QUEENSRŸCHE-Coverversion „Walking in the Shadows“ vernahm. UNDERTOWs Groove-Metal ist überhaupt nicht meins, also suchte ich mir ein schattiges Plätzchen bei nach wie vor sengender Sonne und trank artig mein Mineralwasser aus. Für die Dresdner Band WUCAN gesellte ich mich aber vor die Bühne, denn die wollte ich mir dann doch mit möglichst voller Aufmerksamkeit geben – zwecks Urteilbildung, ist nämlich was Besonderes: Die Ende 2011 gegründete Band spielt eine Mischung aus Hippiemucke und Krautrock, Musik also, mit der man mich normalerweise jagen kann. Nach einem atmosphärischen Intro klang das bei perfektem Livesound aber irgendwie frisch statt miefig, was vor allem Frontfrau Francis geschuldet war, die ihre Musik mit einer derartigen Leidenschaft und Inbrunst in der glockenklaren Stimme interpretiert, dass es einen unweigerlich mitreißt – zumindest insoweit, dass man dem Spektakel gern beiwohnt, wenn die Multiinstrumentalistin zur Gitarre greift, die JETHRO-TULL-Flöte auspackt oder Klänge mit dem Theremin (!) erzeugt und dazu schlangenartig ihren in ein sommerlich knappes Outfit gehüllten Körper bewegt. Seit 2015 veröffentlichen WUCAN auch Tonträger, die Titel wie „Fette Deutsche“ enthalten – Humor ist nämlich auch mit von der Partie; ebenso ein Synthie, dessen Tasten Gitarrist Tim und Francis hin und wieder quetschen. Ein als Katerband nicht unangenehmes, sinnliches Retro-Musikerlebnis mit einer überragenden Frontfrau – wenngleich meine musikalischen Präferenzen dann doch etwas anders gelagert sind.

Tendenziell liegen diese eher bei den Niederländern LEGION OF THE DAMNED und ihrem Thrash mit Death-Einsprengseln, wenngleich ich einwenden muss, dass, so gut mir das Debüt auch gefiel, danach gefühlt oftmals „more of the same“, nur in nicht mehr ganz so geil, von ihnen kam. In guter Erinnerung ist mir aber noch der Abriss, den die Band vor ein paar Jahren im Hamburger Kulturpalast auf die Bühne gebracht hatte. Dieser Gig hier wurde nach Intro und Signature-Song „Legion of the Damned“ in seinem Fluss durch zahlreiche Intermezzi aus der Konserve immer wieder unterbrochen und die Bassdrum war mir etwas zu laut, bei Doublebass-Geballer wurde alles andere übertönt. Die flotteren Stücke waren aber grundsätzlich geiler Scheiß, „The Poison Chalice“ vom kommenden Album ist ‘ne starke Nummer (mit „Contamination“ gab’s einen weiteren Einblick ins neue Werk), Midtempo-lastiges Material brauche ich persönlich von dieser Band aber eher weniger und mit „The Widows Breed“ und „Malevolent Rapture“ vermisste ich zwei meiner Favoriten.

Also mal gucken, was ENFORCER heute so bringen. Auf die Schweden habe ich mich gefreut, da ich bisher keine schwache Show von ihnen gesehen haben. In ihrem Einheitsoutfit (scheint bei schwedischen Bands gerade im Trend zu liegen, vgl. SCREAMER) mit schwarzen Lederwesten auf nackter Haut sahen die Blondinen wie Vierlinge aus, wobei der Gitarrist einen der fiesesten Schnurries der Szene unter der Nase trägt. Von der reinen Speed-Metal-Lehre ist die Band, die in den 2000ern zu den jungen wilden Traditionalisten zählte, ja schon länger ab, wie auch ihr just veröffentlichtes Album „Nostalgia“ beweist. Hier und heute stand ihnen aber anscheinend der Sinn nach einem Best-of-Set, denn von der neuen LP gab’s lediglich „Coming Alive“ auf die Ohren, auch der umstrittene Vorgänger „Zenith“ kam, so glaube ich, mit nur einem Song zum Zuge. Als Intro hatte man sich JUDAS PRIESTs „Diamonds and Rust“-Coverversion ausgesucht und stieg mit „Destroyer“ rasant ein. Sänger/Gitarrist Olaf poste wieder, was das Zeug hielt, was manchmal (insbesondere bei der „Dieter-Bohlen-Faust“) etwas zu viel des Guten ist, aber die Band hatte Bock und eigentlich sprach alles für einen gewohnt energiegeladenen Auftritt des Quartetts – wenn denn Olafs Gesang adäquat abgemischt statt über weite Strecken zu leise gewesen wäre und es nicht ständig Probleme mit dem Drumsound gegeben hätte, bei denen auch der immer wieder auf die Bühne eilende Techniker nicht viel ausrichten konnte. Dafür fuhr man ein paar Pyros in Form von Sprühfunken auf und integrierte ein kleines Mitsingspielchen in „Take Me Out of This Nightmare“. Als ENFORCER nach zehn Songs von der Bühne gingen, war ich etwas enttäuscht, weil ich gern noch „Katana“ gehört hätte, doch der wurde erfreulicherweise noch als Zugabe nachgeschossen, gefolgt vom Fan-Favoriten „Midnight Vice“. Die Energie und Spielfreude waren wieder mitreißend, das Gesamterlebnis wurde aber vom suboptimalen Sound etwas getrübt.

Energie und Spielfreude sind auch gute Stichworte für TANKARD, Alcoholic Thrash Metal aus Frankfurt am Main, Veteranen seit den ‘80ern und Wiederholungstäter auf dem RHF! Wie üblich machten Gerre & Co. bei „Rectifier“ ihre ersten Bühnenmeter und bereits beim darauffolgenden „The Morning After“ war ich im siebten Thrash-Himmel. Im weiteren Verlauf versuchte man sich an einem Spagat zwischen Oldschool-Klassikern und Hits jüngerer Alben, bei einer derart umfangreichen Diskografie kein einfaches Unterfangen. Das jüngste Album war mit „Ex-Fluencer“ und „Beerbarians“ vertreten, „Rules for Fools“ lud zum Tanzen ein, „A Girl Called Cerveza“ hat ihren Stammplatz im Set, „Chemical Invasion“ und „Zombie Attack“ standen stellvertretend für die ersten Alben – und natürlich der Rausschmeißer „(Empty) Tankard“, für den Gerre HOLY-MOSES-Sabina auf die Bühne holte, mit ihr tanzte und sang und sie als seine neue Verlobte vorstellte (nachdem er 30 Jahre lang an ihr herumgebaggert habe). Gratuliere! Zuvor hatte er bereits Dario aus Argentinien aus dem Publikum auf die Bühne gebeten, „das einzige Groupie, das wir je hatten!“ Zu fast jedem Song hat Gerre das Veröffentlichungsjahr mitangesagt, dennoch war nach zwölf Stücken Sense, blieb also manch Jahrgang unberücksichtigt. Ich hätte locker noch ‘ne weitere Stunde zuhören können und der Stimmung vor der Bühne nach zu urteilen, war ich damit nicht allein. Dann halt demnächst im Kulturpalast, gelle?

Während der 20- bis 30-minütigen Umbaupausen schlenderte ich für gewöhnlich übers Gelände, suchte Schatten, aß etwas oder begab mich in den Biergarten, so auch jetzt – und dort fand schon den ganzen Nachmittag ‘ne großartige Party statt. Der DJ haute einen Klassiker von AOR bis Metal raus, auf seiner Bühne wurde Playback gepost, Crowdsurfing (!) zelebriert, von JOURNEY über BON JOVI bis zum AC/DC, OZZY OSBOURNE, JUDAS PRIEST und IRON MAIDEN wurde alles lauthals mitgesungen und von Kindern mit Hörschutz bis zum halbtauben Rentner feierten alle ausgelassen miteinander. Da bekam ich tatsächlich mehrmals Gänsehaut und hatte weitere magische Momente. Großartig! Draußen am Cocktail-Stand spielte übrigens ein Typ am „Heavy Metal Barpiano“ ebensolche Klassiker auf dem Klavier nach – auch nicht schlecht…

Wieder im Trend: die Herren-Hotpants

Dafür schliefen mir dann bei KATATONIA aus – mal wieder – Schweden nicht nur die Füße ein. Ihr Prog-Goth-Post-Metal-oder-was-weiß-ich-Gedöns war so dermaßen öde, dass ich mich fragte, wer auf die Idee gekommen war, ausgerechnet sowat als Co-Headliner am letzten Tag zu installieren. Nicht Wenigen schien’s aber zu gefallen, es sei ihnen gegönnt. Irgendwann hatte auch dieser Spuk sein Ende.

Je älter ich werde, desto mehr Gefallen finde ich an den gefühlvollen Melodien, die MICHAEL SCHENKER seiner Gitarre entlockt und mit seinen jeweiligen Bands in Hardrock- bis Metal-Gewänder kleidet. Wie unterhaltsam so ein MSG-Gig sein kann, weiß ich seit dem Rock-Hard-Festival 2015 (wo er unter MICHAEL SCHENKER’S TEMPLE OF ROCK firmierte), und sicherlich nicht ganz zu Unrecht gilt der spleenige Hannoveraner als einer der weltweit besten Gitarristen dieser Musiksparte. Insbesondere die Sängerposition wechselt bei ihm immer mal wieder oder er arbeitet für aktuelle Alben generell mit mehreren verschiedenen zusammen. An diesem Abend war es der Chilene Ronnie Romero, ein Ausnahmetalent, das Ritchie Blackmore entdeckt und daraufhin RAINBOW für einige Konzerte reaktiviert hatte. Schenker ließ seine Flying-V mit dem Instrumental-Klassiker „Into the Arena“ in der Abenddämmerung aufheulen und spielte im Anschluss „Cry for the Nations“, direkt gefolgt vom Jahrhunderthit „Doctor Doctor“, über dessen frühes Auftauchen im Set ich überrascht war, der aber die Party so richtig in Schwung brachte. Magischer Moment? Na klar! Insgesamt spielte die Band acht Songs aus Schenkers Zeit bei UFO, die verschiedenen MSG-Inkarnationen wurden also eher vernachlässigt. Dafür dürfte auf seine Kosten gekommen sein, wer auf UFO schwört und endlich mal wieder vom Maestro persönlich gespielte Klassiker wie „Lights Out“, „Shoot Shoot“ oder „Let It Roll“ hören wollte. Und Schenker war in Höchstform, hatte sichtlich Freude daran, auf dieser Bühne für dieses Publikum spielen zu können, nahm immer wieder Augenkontakt zu den Fans auf und lächelte. Nicht minder gut drauf war Romero, der den Songs mit seiner Stimme neues Leben einhauchte. Das war wirklich großes Hardrock-Entertainment und glücklicherweise stimmte auch der Sound. Wenn der Fellmütze tragende Schenker zwischen den Songs mal zum Mikro griff, um eine Ansage zu machen, machte er diese als Deutscher und Deutschland in englischer Sprache, worüber ich schon ein wenig schmunzeln musste. Tatsächlich aber lauschte auch manch ausländischer Musiker seiner Darbietung, neben mir fand sich z.B. plötzlich ENFORCER-Olaf mit seiner Freundin im Publikum. Vom aktuellen MSG-Album kam leider nur „Emergency“ zum Zuge, Songs wie „A King Has Gone“, „Yesterday is Dead“, „London Calling“ oder „Fighter“ hätte ich durchaus gern gehört, sowie natürlich den einen oder andere MSG-Klassiker aus den ‘80ern mehr. Zeit dafür wäre vielleicht gewesen, wenn Romero auf seine angeberischen, Freddie Mercury entlehnten Mitsingspielchen verzichtet hätte oder man anstelle der rekordverdächtig ausgedehnten „Rock Bottom“-Version eine gestraffte Fassung gespielt hätte. Sei’s drum – so oder so war der mit den UFO-Songs „Too Hot to Handle“ und „Only You Can Rock Me” endende Auftritt eine Sternstunde des Hardrocks, wie sie auch mir hin und wieder wirklich gut reinläuft. Ein würdiger Festivalabschluss, nach dem ich schnellstmöglich das Gelände verließ und meinen Absacker, ‘ne schöne, ehrliche Pulle Hansa für ‘nen Euro vom Kiosk, auf der Straße vor meiner Unterkunft trank. Und nach dem Ronnie Romero überraschend die Band verließ, anscheinend, um sich zukünftig verstärkt eigenen Projekten zu widmen. Das ist einerseits schade, andererseits aber kein wirkliches Problem für Schenker, der auf eine Vielzahl toller Rocksänger zurückgreifen kann und zurzeit die Tour mit Robin McAuley fortsetzt. Ich habe wenig Zweifel, dass das genauso gut wird.

Vieles Auftritte auf dem RHF 2023 waren toll, manche gar überragend. Der Sommerausbruch war nach einem bis dahin sehr durchwachsenen Frühling gerade recht gekommen, Sonne und Staub eine willkommene Abwechslung zu Regen, Sturm und Matsch. Dennoch habe ich das Festival mit gemischten Gefühlen verlassen. Insbesondere der vergurkte TESTAMENT-Gig wurmt mich, aber so ärgerlich er auch war, ist er nicht mein Hauptkritikpunkt. Dieser betrifft vielmehr die Preisgestaltung und das damit verbundene Finanzierungskonzept, wobei ich explizit nicht den Ticketpreis von 125,- EUR meine, der für mich in Ordnung geht. Ich rede vielmehr von den Preisen für Verpflegung, die vor Ort aufgerufen werden. Der überwiegende Teil der Imbissbuden bewegte sich jenseits von Gut und Böse, ausgenommen vielleicht der Veggie-Stand. Ja, die Kosten sind allgemein gestiegen, die Inflation, der übliche Festivalaufschlag… Aber weshalb muss es letzteren überhaupt noch geben, gerade angesichts der grassierenden Inflation? Warum soll das normal und akzeptabel sein? Ja, ich könnte mich auch „einfach“ außerhalb des Geländes verpflegen; die Anführungszeichen deshalb, weil ich Zeiten abpassen müsste, in denen eine Umbaupause entsprechender Länge vorgesehen ist oder eine Band spielt, die mich nicht die Bohne interessiert. Ist eben die Frage, ob man das wirklich will. Aber auch das Essen ist letztlich gar nicht der ausschlaggebende Faktor. Es sind die Getränke. Ob billige Brausen der Cola-Cola-Company oder das lokale Industriebier Veltins – alles kostete für 0,4 Liter im Plastikbecher 5,- EUR (+ Pfand). Da gibt es nichts mehr zu diskutieren, das ist kackendreiste Inflationstreiberei. Und dann lässt einen der Sicherheitsdienst nicht einmal mit ‘nem im Innenraum gekauften Becher wieder rein, wenn er noch mit einem Getränk gefüllt ist – man hätte ihn ja mit einem anderswo günstiger erworbenen Gesöff auffüllen können. Natürlich muss ich mich nicht drei Tage am Stück betrinken – da will ich auch gar nicht. Natürlich könnte ich auch hier in den Pausen immer zum Fußball-Biergarten (s.o.) eilen oder mir wer weiß was für Strategien überlegen, um dieser Abzocke zu entgehen. Aber auch hier die Frage: Will ich das? Als Schüler, später Zivi, Azubi und dann erst mal Geringverdiener musste ich auf Konzerten in kommerziell ausgerichteten Läden und erst recht auf größeren Festivals immer sehr genau kalkulieren, rumknapsen oder Dosenbier schmuggeln. Als Erwachsener Mensch mit Vollzeitanstellung möchte ich das nicht mehr müssen, ohne dafür unterm Strich eine Summe einkalkulieren zu müssen, für die ich locker ‘ne Woche in den Erholungsurlaub am Meer fahren könnte. Da stimmen die Relationen nicht mehr. Für den gezielten Besuch eines IRON-MAIDEN-Konzerts oder etwas Vergleichbarem in dieser Größenordnung in einer Riesenhalle oder Arena kann ich das mal einen Abend lang machen, nicht aber drei volle Tage hintereinander. Und wurden da tatsächlich weit über 20 Öcken für ein Festival-Shirt aufgerufen?! Wie rechtfertigt man diesen Preis – und wer kauft so was?

Impression aus der Artwork-Ausstellung

Überhaupt, die Wahl der Verkaufsstände: Da bekam jemand mit einem völlig überflüssigen, ausladend großen Tattoo- und Piercing-Stand (Spitzenidee bei praller Sonne, Staub, Dreck und Alkoholgenuss!) den Zuschlag, woanders stierte eine Langnese-Verkäuferin Löcher in die Luft, weil niemand Eis am Stiel zum sechsfachen Ladenpreis bei ihr kaufen wollte. Die Ausstellung eines Artwork-Künstlers war ja grundsätzlich ganz nett, aber da gehste halt auch einmal durch und das war’s. Aber mal ein Plattenstand, wie damals der „Metal-Markt“? Ein Klamotten- und Nippes-Stand hatte zumindest CDs dabei, ansonsten komplette Fehlanzeige! WTF?! Dafür jede Menge Merchandise-Stände, vornehmlich mit Aufnähern, Shirts, Kapus etc. Klar, die gehören dazu – die meisten hatten dann auch wirklich alles da, bis zu FREI.WILD und BURZUM. Fickt euch, von mir bekommt ihr keinen Cent! Dafür weiß man aber, wo man ruhig mal etwas mitgehen lassen könnte, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen…

Was es hier nicht alles gibt…

Dieser ganze entfesselte Kapitalismus innerhalb eines eigentlich subkulturellen Rahmens macht mich ganz krank. Sollte es tatsächlich keine anderen Möglichkeiten geben, derartige Veranstaltungen zu finanzieren, dürften von mir aus gern andere in die Bresche springen: die öffentliche Hand, um auch mal was anderes als die sog. Hochkultur zu subventionieren, oder auch Sponsoren. Nennt das Ding von mir aus „Engl-und-Teufel-Festival“ und deckelt die Getränkepreise. Ich verstehe da auch jene Fans nicht, die all das bereitwillig mitmachen oder schon wieder ohne jeden Anflug von Kritik ihren Besuch im nächsten Jahr ankündigen. Haben die Angst vorm Festivalsterben? Möglich. Vielleicht haben sie auch schlicht eine andere Schmerzgrenze. Meine jedenfalls ist überschritten. Generell rechnet sich das Konzept Kommerzfestival für mich nicht mehr und hat sich damit für mich erledigt. So gerne ich auch mehrmals am RHF teilgenommen habe und so sehr ich auch von „magischen Momenten“ zehre, zukünftig werde ich meine Energien – und Penunsen – wieder verstärkt in den Underground zu investieren versuchen, wo man nicht den Eindruck bekommt, dass das komplette Umfeld in erster Linie daran interessiert ist, einem mit unverschämtem Wucher den letzten Cent aus den Rippen zu leiern.

Bitte nicht missverstehen: Meine Kritik richtet sich lediglich in jenen Punkten an die Festivalleitung, auf die diese auch Einfluss hat. Derartige Preisexplosionen indes sind natürlich ein allgemeines Phänomen (nicht nur) im Festivalbereich- bzw. generell im Live-Bereich. Aber wie soll das weitergehen, wie will man so auch ein jüngeres Publikum anlocken, wie gegensteuern, um am Ende nicht doch irgendwann nur noch Luxus-Events für wenige Privilegierte zu veranstalten, bei denen der Großteil der Fans in die Röhre guckt…? Und zwar gar nicht mal wegen des Ticketpreises, sondern des unbezahlbar gewordenen Drumherums… Ich hoffe, ich konnte mit meinem Festivalbericht meinen gemischten Gefühlen halbwegs nachvollziehbar Ausdruck verleihen.

P.S.: Meine Fotos sind einfache Schnappschüsse, die meisten mit wenig Motivation, mich dafür bis ganz nach vorn durchzudrängeln, entstanden. In den Fotogräben und generell auf dem Gelände waren mehrere professionelle Fotografinnen und Fotografen unterwegs, deren Bilder sich vielfach im Netz finden. Bei Interesse einfach die bevorzugte Suchmaschine anwerfen oder in den sozialen Medien kieken.

13.05.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: THE OPPRESSED

An diesem Samstagabend war ich tatsächlich mal wieder im Stadion, Abendspiel des FC St. Pauli gegen die Fortuna aus Düsseldorf. Ob es sich anschließend, nach dem Abpfiff um ca. 22:20 Uhr, noch lohnen würde, das Monkeys in Altona aufzusuchen, war fraglich. Wie ich so beim Spielverdauungsbierchen im Jolly saß, sinnierte ich jedoch darüber, dass ja immerhin drei Bands auf dem Billing standen – RED BRICKS und ANGRY VOICES sollten für die Walisische Oi!-Legende eröffnen – und man so eventuell noch etwas von THE OPPRESSED mitkriegen könnte. Als ich diesbezüglich vorsichtig im Bekanntenkreis vorfühlte, wurde ich sofort dazu verdonnert, auf schnellstem Wege hinzukommen, ja, sogar Betreiber Sam genötigt, mich auf die Gästeliste zu setzen. Das war mir einerseits furchtbar unangenehm, andererseits aber ein großes Glück: Nachdem ich meinen letzten Fünfer im Jolly gelassen hatte, sagte der Geldautomat plump „nein“. Es stellte sich heraus, dass meine Bank gerade Wartungsarbeiten durchführte, die noch bis 10:00 Uhr am nächsten Morgen andauern würden. Die hat Nerven… So begab ich mich also tatsächlich auf direktem Wege ins Monkeys, ohne über Los zu gehen und ohne 2.000 EUR einzuziehen, geschweige denn 20 EUR…

Als ich endlich vor Ort eintraf, hatten ANGRY VOICES und RED BRICKS beide schon gespielt, immerhin zu THE OPPRESSED kam ich aber rechtzeitig. Freunde versorgten mich mitleidig mit Bier und man lieh mir schließlich sogar Geld. Erst mal alles gut also, wenngleich ich aufgrund der blöden Situation und des eher so semioptimalen Spielausgangs bischn durch den Wind war und etwas Zeit brauchte, mich akklimatisieren. Als THE OPPRESSED ihr Set direkt mit dem Hit „Work Together“ eröffneten, war’s pickepackevoll vor der Bühne (wenngleich die Show nicht ganz ausverkauft war). Auf der Bühne hingegen war’s eher übersichtlich, denn offenbar hatte es Probleme gegeben, die ganze Bande zusammenzutrommeln, sodass die Waliser in Triogröße auftraten, wobei RED-BRICKS-Drummer Chris an der Schießbude einsprang und Roddy Moreno den Bass spielte. Sei’s drum, denn das funktionierte gut, Roddy war bestens bei Stimme und machte einen sehr authentisch angepissten Eindruck, der den Songs die nötige Aggression verlieh. Zu vornehmlich den Hits des „Oi! Oi! Music“-Albums, eingestreutem „jüngeren“ Material sowie Coverversionen von THE MAYTALS („Monkey Man“) und SYMARIP („Skinhead Girl”) feierte der Mob ausgelassen und ich fand’s knorke, von unzähligen Bands gern gecoverte Klassiker wie besagtes „Work Together“, aber auch „Ultra Violence“ oder „Skinhead Times“ mit der Originalstimme zu hören. „Ultra Violence“ wurde übrigens vom RED-BRICKS-Sänger gesungen, nachdem, wenn ich das richtig mitbekommen habe, Roddy zuvor bei den RED BRICKS ausgeholfen hatte, als diese die Nummer coverten.

Alles in allem also ‘ne schöne Sause, wenngleich mir der Gig relativ kurz vorkam. Ich habe nicht auf die Uhr geguckt, aber war evtl. die eine oder andere Nummer aufgrund des improvisierten Line-ups aus dem Set geflogen? Wie dem auch sei: Doch noch im Monkeys aufzutauchen war anscheinend die richtige Entscheidung, und ich freue mich, THE OPPRESSED mal live gesehen zu haben – immerhin hatte mir für dieses Jahr ja vorgenommen, weniger wirklich relevante Konzerte zu verpassen. Nächstes Mal dann ohne vorausgehenden Flutlicht-Kick! Danke an Sam, das Monkeys und alle, die mir ausgeholfen haben!

05.+06.05.2023: Hamburger Affengeburtstag

Nach der abgespeckten, vom Mai in den September verlegten Variante im vergangenen Jahr sollte der Hamburger Hafengeburtstag erstmals wieder wie gewohnt stattfinden. Wie gewohnt? Mitnichten, denn die Stadt hat der Jolly-Roger-Bühne diesmal keinen Zuschlag erteilt; anstelle dieses subkulturellen Hotspots als Teil des offiziellen Programms fand sich nun irgendein nutzloser Plunder. Immerhin kamen die HARBOUR REBELS am Freitag auf der Rock-Antenne-Bühne unter, ansonsten hatte der offizielle Teil der Veranstaltung bis auf das Feuerwerk am Samstag nichts mehr zu bieten, was mich sonderlich interessiert hätte. Glücklicherweise gibt es die Affengeburtstag-Bühne am Störtebeker, wo wieder zwei Tage lang Punk, Hardcore und Artverwandtes stattfand. Sogar die ganz kleine Bühne zwischen den Anarchoständen an der Hafenstraße wurde wieder bespielt (vornehmlich Samstag, flog ehrlich gesagt aber größtenteils unter meinem Radar).

Am Störtebeker jedenfalls war‘s wie immer: Man kennt ein, zwei Bands vom Flyer und vertraut darauf, dass das veranstaltende Team wieder handverlesene Acts über Ländergrenzen hinweg ausgesucht und rangeholt hat, die sich als positive Überraschungen entpuppen. Meine Vorfreunde war groß und wurde noch dadurch gesteigert, dass kurzfristig ATOM ATOM Sänger/Gitarrist Rosis andere Band MORIBUNDSCUM ersetzten. Das ATOM-ATOM-Album läuft mir nämlich verdammt gut rein, bisher hatte ich aber keine Gelegenheit wahrnehmen können, das Hamburger Trio (mit Bremer Wurzeln) livezusehen. Die HARBOUR REBELS auf der großen Rock-Antenne-Bühne spielten bereits um 16:30 Uhr, was ich leider nicht schaffte, ATOM ATOM sollten aber passen. Als ich am Störtebeker Döner-verknusemafatzelnd ankam, wurde ich gefragt, was am Dienstag wohl über denselben im Netz zu lesen sein würde. Das ist eigentlich nicht schwer zu erraten, denn der Veggie-Solidöner vom Anarcho-Grill unten an der Balduintreppe war auch dieses Jahr der kulinarische Höhepunkt des Hafengeburtstags, ein echter Gaumenschmaus aus erlesenen Zutaten, die perfekt aufeinander abgestimmt in knusprigem Brot dargereicht wurden und meine Geschmacksknospen frohlocken ließen.

Auf der Bühne malträtierte die One-Man-Band BASSAKER gerade noch ihren Bass, woraus zu schließen war, dass der Zeitplan nicht eingehalten werden konnte. Zu monotonen Loops wurden dem Tieftöner möglichst irre Sounds entlockt und wann immer es mich irgendwie an Cronos‘ Basssolo auf dem VENOM-Live-Album „Eine kleine Nachtmusik“ erinnerte, musste ich ein wenig schmunzeln. Herr BASSAKER kletterte auf der P.A. herum und bedankte sich am Ende herzlich bei seinem Publikum. Während der nun folgenden, recht langen Umbau- und Soundcheck-Pause, konnte man eben nicht, wie sonst üblich gewesen, gut zur Jolly-Bühne heruntergehen, dafür entdeckte ich am Bierstand mit „Dachs“ nicht nur eine, sondern gleich eine ganze Reihe neuer Biersorten, die hier erstmals neben den üblichen Konzernbieren verkauft wurden: Helles, Dunkles etc. aus der Buddel und Stout vom Fass (!) wurden von Mitinhabern der kleinen Privatbrauerei persönlich entkorkt und gezapft und erfreuten meinen Gaumen. Affengeburtstag goes Craftbeer, ja leck mich doch fett!

Nach Akklimatisierung, Begrüßung einiger Bekannter, den ersten Bierchen und dem Soundcheck also ATOM ATOM. Das bedeutet astreinen Hardcore-Punk mit viel Crust- und dezenter D-Beat-Schlagseite, der viel vom maskulin-femininen Wechselgesang lebt, sprich: Rosi röhrt und Bassistin Kante singt, mal klarer und melodischer, mal rotziger und aggressiver. Auf der LP erwies sich der Hall speziell auf ihrer Stimme als sehr gelungener Effekt. Ich war auf den Live-Sound gespannt, der nun aber gar nicht so leicht zu beschreiben ist, da er je nach Aufenthaltsort variierte: Vorne viele Tiefen und leiserer Gesang, weiter hinten lauterer Gesang, dafür weniger Tiefen. Jedenfalls ballerte das verdammt gut und die eher düstere Stimmung der LP wurde gut reproduziert. Die angepissten deutschsprachigen Eigenkompositionen wurden durch einen sehr geilen englischsprachigen Coversong (wie hieß der und von wem war der?) sowie der geforderten Zugabe „Keine Gnade“ von ISOLIERBAND (der sich auch auf der LP befindet) ergänzt, Drummer Mike machte zwischendurch ein paar ernste Ansagen. Unter den jüngeren aktiven HH-Bands sind ATOM ATOM derzeit einer meiner Favoriten. Der Platz vor der Bühne war zwar noch nicht komplett ausgefüllt, aber die Stimmung bereits prächtig.

ATOM ATOM bei Bandcamp: https://atomatompunk.bandcamp.com/

Hardcore-punkig ging’s nach der nächsten Umbaupause mit SKORUP/A aus Polen weiter, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte.  Vornehmlich in Landessprache wütete sich das Quintett nach einem Akustikintro durch ein Set, in dem die Band musikalisch ähnliche Einflüsse verarbeitet haben dürfte wie ATOM ATOM, dabei aber ganz anders klang, nämlich hektischer, zuweilen regelrecht überdreht, mit rotzigem, superaggressivem Sänger als ständigem Unruhepol. Der Fuß war fast permanent auf dem Gaspedal, Show und Sound rissen unweigerlich mit und bei ‘ner Nummer wie „A.L.F.“ über die Animal Liberation Front konnte man dann sogar den Refrain mitbrüllen. Auch hier gab’s ‘ne Zugabe, gefordert vom mittlerweile sehr zahlreich erschienenen Publikum. Hammer-Liveband mit einer Mordskondition!

SKORUP/A bei Bandcamp: https://skorupa.bandcamp.com/

Langsam aber sicher wurd’s dunkel, wozu die Klänge der nächsten Band gut passten: MIMESIS aus Berlin zocken tatsächlich Black Metal, und zwar offenbar nicht der doofen Sorte. Eigentlich nicht mein Genre (Ausnahmen sind natürlich VENOM sowie die frühen MAYHEM), aber was die Band zu fünft darbot, klang doch recht interessant, weil atmosphärisch, mit garstigem weiblichen Gesang und flirrenden bis klirrenden Gitarren, derer es gleich zwei gab. Für den ganz großen musikalischen Spannungsbogen der zum Teil glaube ich etwas ausladenderen Stücke reichte meine Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr, aber das hatte was.

MIMESIS bei Bandcamp: https://mimesis-berlin.bandcamp.com/

Völlig geflasht haben mich dann abschließend aber ZARAZA auf Moskau, die ihren Stil offenbar als „Motörpunk“ bezeichnen und ‘ne Art Metal-Punk mit viel Rotz’n’Roll und punkigen NWOBHM-Vibes spielen. Die Sängerin hatte die untere Hälfte ihres Gesicht knallrotgeschminkt und haute zusammen mit ihrer ebenfalls gesichtsbemalten Band so dermaßen auf die Kacke, dass es direkt durch Mark und Bein ging und es kein Halten mehr gab. Welch irre geiler Sound, was für ein Brett – und wat ‘ne chaotische, exzessive Party! In Kombination mit unablässiger Druckbetankung frästen einem ZARAZA das letzte bisschen Verstand weg, sodass ich mir das Hip-Hop-Trio, das den Abend beschließen sollte, schenkte, sturztrunken zum nächsten Taxi stolperte und mich zu Hause abliefern ließ. Die Band scheint live recht umtriebig zu sein; wenn die mal irgendwo in der Nähe spielt: Hin da!

Das ZARAZA-Album (das den aktuellen Livesound allerdings kaum einfängt) bei YouTube:

Das Programm am nächsten Tag kollidierte leider böse mit der Sportschau, sodass ich mich erst recht spät aufraffte, dafür aber mit der Liebsten tatsächlich einmal fast über den ganzen Hafengeburtstag schlenderte. Wir suchten uns ein nettes Plätzchen an den Landungsbrücken fürs Feuerwerk – einem der wenigen Teile des offiziellen Programms, dem ich etwas abgewinnen kann – und genossen dieses „Geballer“ der etwas anderen Art. Anschließend schauten wir kurz an der kleinen Punkbühne vorbei, blieben aber nicht lang, sondern fanden uns wieder am Störtebeker ein, wo wir lose mit dem einen oder anderen verabredet waren. Den heutigen lokalen Opener SHITSHOW hatten wir ebenso wie EX-DOM und TOPROT verpasst, ich hatte aber zumindest die leise Hoffnung, von den Portugiesen CARNE PA CANHÃO, die ich 2019 bereits hier gesehen hatte, noch etwas mitzubekommen. Leider erwischten wir nur noch eine Liveband, die es aber in sich hatte: Die finnischen DART (u.a. mit Leuten von HÄPEÄ (die kurz zuvor gespielt hatten) und TERVEET KÄDET) steigerten die Oberlippenbartquote beträchtlich und spielten pfeilschnellen Thrash’n’Roll’n’Punk oder so, der die Massen noch einmal zum Durchdrehen brachte. Hier gab’s permanent auf die Zwölf, weder Ansagen noch Gefangene wurden gemacht, ein englischsprachiger Song nach dem anderen wurde herausgehauen, heiser und kehlig vom Sänger gebölkt, vom Drummer nach vorne gepeitscht und von zwei Gitarristen gleichzeitig durchgenommen. Viele Songs dürften wesentlich schneller gezockt worden sein, als sie auf dem (hervorragend produzierten) Demo zu hören sind. Ein amtlicher Abriss und krönender Abschluss des zweitägigen Festivals, der allerdings noch mal einige Energie freigesetzt hatte, sodass wir traurig mitansahen, wie um uns herum alles abgebaut wurde, während wir uns weiter auf Temperatur tranken und schließlich noch im Onkel Otto landeten.

DART bei Bandcamp: https://dartpunk.bandcamp.com/

Danke allen Beteiligten für die einmal mehr geile Sause!

31.03.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: OXO 86 + NÖÖS

Relativ spontan dockten die Berliner bzw. Brandenburger OXO 86 am Monkeys an, also flugs Karten organisiert und daran gut getan, denn alsbald war das Ding ausverkauft. Wer Support machen würde, war bis kurz vorher unbekannt, doch in den erst seit Kurzem existierenden Hamburgern NÖÖS fand man einen willigen Vorturner. Diese neue Band um u.a. ÖSTRO-430-Drummerin Sandy hat zwar erst ‘ne Handvoll Songs im Gepäck, ist aber motiviert bis in die Haarspitzen. Bei ein, zwei Nummern rumpelte es noch etwas, aber dafür hat der Sänger ein kräftiges Organ und ist ‘ne echte Rampensau. Der P.A.-Sound war zudem vom Feinsten. Man coverte „‘Merican“ von den DESCENDENTS und den Sänger hielt’s nicht lange auf der Bühne; er ging nun auch auf der Tanzfläche auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Der beste Song war „Baptised in Blood“ und nach entsprechender Bitte des Sängers bildete sich direkt ein kleiner Pogomob. Als Zugabe – sprich: als sechsten Song oder so – spielte man dieses Stück kurzerhand noch einmal, versprach aber eine Überraschung im Mittelteilt. Diese bestand darin, dass man eine Wall of Death formte – eine alberne Unsitte, die hier völlig fehl am Platze wirkte. Die sich irgendwo zwischen melodischem Hardcore- und Streetpunk bewegende Band ließ sich anschließend auch noch auf der Bühne mit Publikum im Hintergrund nach „Bitte alle mal so ‚yeah‘“-Aufforderung fotografieren, was ich auf Punkgigs dieser Größenordnung nun auch noch nie erlebt hatte und mich etwas befremdete. Bischn weniger Pose, dafür mehr Songs wären nett, denn musikalisches Potenzial ist auf jeden Fall einiges vorhanden.

In der ausverkauften Hütte war’s mittlerweile so richtig drängelig geworden und als es losging, fraß der sich fast gegenseitig auf den Füßen trampelnde Mob OXO 86 aus der Hand. Zwischen Ska- und Streetpunk mäandernd, brachte man von der ersten Minute an ungelogen den gesamten Saal zum Tanzen und Mitsingen. Seit 1996 ist man fleißig dabei, eingängige, deutschsprachige Hits zu schreiben und mit heiserer Stimme vorzutragen, die mit Witz und Selbstironie bis hin zu Sarkasmus aus dem Alltag des „kleinen Mannes“ berichten, proletarische Weisen also, die sich nicht die große Politik auf die Fahne schreiben, sondern deren soziale Diskurse eher zwischen den Zeilen stattfinden – und mal mit Orgelsounds, viel öfter aber mit nicht immer kerzengerade gespielter Trompete abgeschmeckt werden. Das Set berücksichtigte natürlich das jüngste Album „Dabei sein ist alles“, wodurch es sich von jenem des auf dem „Live in Leipzig“ konservierten Doppelalbums unterschied. Am Tieftöner hat man einen der vielleicht lässigsten Bassisten der Szene, Dreh- und Angelpunkt auf der Bühne aber ist Sänger und Chef-Entertainer Willi. Dieser hängt sich von der Bühne gern mit Zweidrittel seines Körpers ins Publikum, wenn er nicht gerade (wie mehrmals an diesem Abend) Crowdsurfing betreibt, an Lichttraversen entlanghangelt und sich vertrauensvoll in die Meute fallen lässt, und sagt im völlig nassgeschwitzten Nicki Sachen wie „Schon die Hälfte rum? Fühlt sich an, als hätten wir gerade erst angefangen.“ Ach ja, nebenbei singt er auch noch voller Inbrunst.

Nach „Walking Class Heroes“ schien’s ’ne Zwangspause gegeben zu haben, war da was mit dem Schlagzeug? Willi jedenfalls nutzte die Zeit, um Witze zu erzählen, und man konnte prima Bierholen gehen. Statt längere Rufe nach Zugaben zu provozieren, verschnaufte man nur kurz und kündigte die – ich glaube – drei Zugaben an, von denen eine wie üblich der alte GOYKO-SCHMIDT-Klassiker „Saus und Braus“ war. Je später der Abend wurde, desto öfter fanden sich Teile des Publikums auf der Bühne ein und sangen lauthals ins Mikro des Bassers mit. Der gesamte Gig war eine phänomenale Party von einer der besten Livebands in diesem Sektor hierzulande, in deren Anschluss wir bei ‘80er-Synthwave im Pub-Bereich versackten. So was hatte ich mal wieder gebraucht. Danke, Monkeys, danke, OXO 86 und hoffentlich auf bald!

04.03.2023, Café Treibeis, Hamburg: SHITSHOW / 04.03.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: THE HOTKNIVES + THIS MEANS WAR

Mal wieder volles Programm in der Hansestadt: Das Monkeys feierte sein Achtjähriges, SHITSHOW zockten gratis im Treibeis, KILLBITE und APOCALIPSTIX machten die Lobusch unsicher, Postpunk im Molotow… Ich entschied mich fürs Monkeys, jedoch nicht ohne vorher dem quasi auf dem Weg liegenden Café Treibeis einen Besuch abzustatten. Dieser Laden ist eigentlich ‘ne kleine Kneipe, die aber hin und wieder auch Konzerte veranstaltet. Ich hatte als Beginn 21:00 Uhr im Hinterkopf, sodass ich nach der Sportschau keine große Eile hatte, doch als ca. fünf vor neun eintraf, spielte die Band anscheinend schon seit ‘ner Viertelstunde und ich schaffte es gerade noch so, einen Schritt in den Laden zu setzen. Es war gerammelt voll, man stand dicht an dicht und konnte sich kaum bewegen. Von der Bühne sah ich erst etwas, nachdem ich durch die Gruppendynamik langsam Stück für Stück weiter nach vorne gedrängelt worden war. Der Sound war dafür recht klar, Sängerin Julias herrlich rotziges Organ jedoch ziemlich weit nach vorne gemixt, die Gitarre dafür etwas leise – so klang’s zumindest an der Biegung des Tresens, bis zu der ich’s nun geschafft hatte. Die Band mit Leuten von SORT OF SOBER UND ORÄNGÄTTÄNG erfreut sich mit ihrem erfrischenden, flotten, hochenergetischen Oldschool-Punkrock gerade zu Recht großer Beliebtheit, drückt einem das Schmalz aus den Gehörgängen und macht einfach Laune. Der Gig dürfte um die 45 bis 50 Minuten gedauert haben, inklusive NEW-ORDER-Cover („Blue Monday“) und „Happy Birthday To You“ für ein anwesende Geburtstagkind, gespielt in unterschiedlichem Tempo, als Ska-Version und in einer Death-Metal-Fassung…

Diese Nummer hätten SHITSHOW an diesem Abend auch gut im Monkeys bringen können, denn auch wenn vom ursprünglichen Inhaber-Trio „nur“ noch Sam übrig ist, feierte einer der schönsten Clubs Hamburgs erhobenen Hauptes sein bereits achtjähriges Bestehen! Schon vorm Eingang entdeckte ich die ersten bekannten Gesichter und es wurde munter drauflosgequatscht. Da mit den Belgiern THIS MEANS WAR! die erste Band aber bereits spielte, ließ ich schnell meinen frischgebügelten Zwanziger an der Abendkasse, holte mir ‘ne Pilsette und guckte, was einem da geboten wird: Streetpunk mit melodischem Klargesang nämlich. (Die 80 Liter Freibier waren dafür schon weg, aber irgendwas is‘ immer.) Die seit 2016 existente Band hat bisher ‘ne Single, eine 10“ und ein Album draußen und ist hörbar von den harmoniebedachteren Bands des Genres beeinflusst. Von einer dieser – COCK SPARRER – coverte man dann auch „Suicide Girls“, inklusive kurzen Mitsingspielchen mit dem Publikum. Gute Idee, mal ‘nen jüngeren SPARRER-Song zu covern, anstelle der altgedienten Überklassiker. Der Platz vor der Bühne war ordentlich gefüllt, es wurde sich hier und da warmgetanzt, im Vergleich zu meinem Besuch im Treibeis, der gegen sämtliche Tierhaltungsbedingungen verstoßen hätte, fühlte sich das hier aber angenehmerweise nach unendlichen Weiten an. Zwischendurch versuchten THIS MEANS WAR!, Sam auf die Bühne zu lotsen, um ihm ‘ne Riesenpulle Bier aus ihrer Heimat als Geschenk zu überreichen, doch der war nicht auffindbar, sodass das später – ich glaube, ungefähr im Zugabeteil – nachgeholt wurde. Lief alles schon mal ganz gut rein – so auch das Bier im Pub-Bereich, wo der Umtrunk mit weiteren Freunden und Bekannten, die ich zum Teil schon länger nicht mehr gesehen hatte, fortgesetzt wurde.

Einer von ihnen, der gute Jan, räumte dann bei der Verlosung auch gleich gut ab. Lose waren keine mehr zu bekommen, alle waren verkauft worden und die Erlöse werden für einen guten Zweck gespendet. Jan jedenfalls, der in jüngster Vergangenheit einige Schicksalsschläge einstecken musste, durfte sich über das goldene Ticket freuen, das ihm ein Jahr lang freien Eintritt zu allen Veranstaltungen im Monkeys gewährt! Da hat’s wirklich mal den Richtigen erwischt – herzlichen Glückwunsch!

THE HOTKNIVES hatte ich tatsächlich schon ewig nicht mehr gesehen. Ich erinnere mich immer noch gern an einen fantastischen Auftritt auf dem Wutzrock-Gratis-Open-Air, das dürfte Anfang der 2000er gewesen sein…? Wenngleich ich mit modernem Ska nicht allzu viel anfangen kann, konnten die HOTKNIVES mit Songs wie „Driving Me Mad“, „Harsh Reality“ oder „Holsten Boys“ schon immer bei mir punkten. Der Third Wave Ska der Briten klingt glücklicherweise so gar nicht nach Zirkus- und Blasmusik, sondern verfügt über diese feine melancholische Note und ein gutes Gespür für unaufdringliche, aber unwiderstehliche Melodien. Die Band tritt auch gar nicht erst in Fußballmannschaftsgröße an, sondern beschränkt sich neben der Rhythmussektion, Gitarre und Bass auf einen eher dezenten Bläser und einen Orgelspieler. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde getanzt und die Hüften geschwungen. Sänger/Basser Marc verriet immer wieder durch ein Grinsen im Gesicht, dass ihm die Sause genauso viel Spaß machte. Die großen Hits dürften alle gespielt worden sein, meine Favoriten jedenfalls erkannte ich weitestgehend wieder. Eine würdige Combo für diese Geburtstagsfeier, die sich anschließend im Pub-Bereich bei erlesenen Getränken, Hits von DJ Bert und hochgeistiger Konversation (oder so) noch lange hinzog – und in deren Zuge Sam noch mindestens eine Runde Kurze springen ließ. Schön war’s mal wieder – danke an Sam und das Monkeys-Team für diesen Abend und auf die nächsten acht Jahre!

Jetzt im Nachhinein sehe ich übrigens, dass ich vor Urzeiten die THIS-MEANS-WAR!-10“ auf meine Einkaufsliste gesetzt hatte, was dann aber total in Vergessenheit geraten war. Hrmpf. Wenigstens weiß ich jetzt, weshalb mir der Name irgendwie bekannt vorkam…

18.02.2023, Gruenspan, Hamburg: NAPALM DEATH + DROPDEAD + SIBERIAN MEAT GRINDER + ESCUELA GRIND

Die „Campaign For Musical Destruction“-Tour führte dieses Bandquartett nach ein oder zwei pandemiebedingten Verschiebungen an diesem Samstag endlich auch nach Hamburg – und hätte normalerweise ohne mich stattgefunden. Da Kai Motherfucker aber verhindert war, bekam ich seine Karte geschenkt, die er zuvor von alten Hagener Kollegen zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Das ist zwar nicht so 100%ig meine Mucke, aber neugierig war ich dann schon geworden. NAPALM DEATH hatte ich zuletzt in den 2000ern auf dem Force Attack gesehen und erinnere mich an ‘nen schön wuchtigen Sound, an viel mehr aber auch nicht. Und bis aufs legendäre Debüt habe ich nix der Birminghamer im Archiv. Nach dem ersten Pülleken bei Kai eilte ich zum Gruenspan, denn Subkultur in einem Kommerzschuppen bedeutet meist peinlich pünktlicher Beginn statt chaotischem Laissez-faire, so auch heute: Bereits um 19:00 Uhr (!) begannen ESCUELA GRIND aus den USA, die bisher zwei Alben am Start haben. Hierzulande scheinen sie noch nicht sonderlich populär zu sein, denn andere Besucherinnen und Besucher hatten bereits mit dem Namen Probleme („Estrella Grind“, „Escuela Dings“) und/oder ignorierten sie durch späteres Erscheinen. Die Bude war aber ausverkauft, was dieses Phänomen relativierte, sodass die Band auf einen bereits gut gefüllten Saal von der großen Bühne hinabblicken konnte.

Grindcore ist ja so was wie Musik für Menschen, die eigentlich keine Musik mögen, die Darbietungen entsprechen eher sportlichen Leistungen denn musikalischer Virtuosität. Folgerichtig trat die sich durchgehend in Bewegung befindende Shouterin in Sport-Top- und -Panties auf und führte durch ein energiegeladenes Set aus mal mehr, mal weniger metallischem, aggressivem Grindcore mit deutlichen Hardcore-Einflüssen. Ein Song wurde im Powerviolence-Stil gezockt, ein anderer als Death Metal angekündigt. In einem zunehmend von Spaß-, Gore- und Porngrind dominierten Genre mit selbstbewusster Frontfrau aufzutreten, tatsächlich etwas zu sagen zu haben (beispielsweise zur in einer längeren Ansage bedachten LBGTQ+-Community) und seine Shows mit HC-Punk-Attitüde zu spielen, nötigt mir Respekt ab und finde ich großartig!

In der kurzen Umbaupause wurd’s dann richtig voll und mir wurde bewusst, was „ausverkauft“ im Gruenspan bedeutet: Ein heilloses Gedrängel. Wer sich zu Beginn eines Gigs von vor der Bühne aufmacht, um das Klo aufzusuchen und auf dem Rückweg ein Bier abzugreifen, läuft da fast schon Gefahr, erst zum letzten Song zurück zu sein. Die russischen, glücklicherweise offenbar noch nicht von Putins Propagandamaschinerie auf Kurs gebrachten SIBERIAN MEAT GRINDER, die sich Sänger Vlad mit MOSCOW DEATH BRIGADE teilen, liefen bisher weitestgehend unterhalb meines Radars, konnten mich live aber mit ihrem Thrash/Hardcore-Crossover überzeugen. Vlad trat (passend zum Karneval, haha…) mit Bärenmaske auf und stand die meiste Zeit am vorderen Bühnenrand, wo er mit Habi- und Gestus an einen Hip-Hop-Performer erinnerte, während der Lead-Gitarrist das akzentuierte Geschrubbe mit geilen Metal-Soli veredelte. Insbesondere der Metaller(innen)-Anteil im Mob dankte es ihnen mit Pogo, Mosh und Circle Pits, Getränke spritzten, leere Becher flogen durch die Gegend – und ich bekam, das Treiben ein, zwei Reihen hinterm Pit beobachtend, das wohlige Gefühl, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Das mittlerweile mit 4,20 EUR für 0,33 Liter zu Buche schlagende Jever begann, seine zusätzlich euphorisierende Wirkung zu entfalten und ich ärgerte mich ein wenig, mir SMG nicht schon früher einmal angesehen zu haben.

Der crustige Teil des Publikums schien insbesondere DROPDEAD entgegenzufiebern, jener bereits seit 1991 existenten Grind-/Hard-/Fast-/Whatever-Core-Combo aus Rhode Island. Ich erinnere mich, da früher, als man noch ständig auf der Suche nach neuen krassen Bands war, auch mal reingehört zu haben, ohne dass sie wirklich meinem Geschmack entsprochen hätte. Auch DROPDEAD verfolgen einen gewissen inhaltlichen Anspruch und entstammen der HC-Punk- und -DIY-Szene, was sie schon mal grundsätzlich sympathisch macht. Und ich find’s klasse, dass NAPALM DEATH eine solche Band mit auf Tour durch die ja nun nicht ganz so kleinen Läden nehmen. In dieser Live-Situation resultierte das aber in einem ziemlich gleichförmigen Geschrammel auf der Suche nach Geschwindigkeitsrekorden, wozu der Sänger ins Mikro kreischte. Wann immer so etwas wie Songstruktur erkennbar wurde, fand ich’s in seiner Radikalität ganz cool, ansonsten konnte ich mit dem Stil allerdings nicht wirklich etwas anfangen. Dafür neigte der Sänger dazu, sein Mikro am extralangen Kabel bedrohlich über die Köpfe des Publikums zu schwingen, was mir als Showeinlage im Gedächtnis blieb. Hätte sich da mal das Kabel gelöst, hätte die eine oder andere Kauleiste dran glauben können. DROPDEAD auf so’ner Bühne ist halt an sich schon ein Statement, und bei dieser Art von Musik spielt, äh, die Musik ja ohnehin eher eine untergeordnete Rolle. Ich betrank mich weiter, genoss meine Kippe vor der Tür und war neugierig, wie NAPALM DEATH anno 2023 live klingen würden.

Nach dem sehr unbehauenen „Scum“-Debüt hatten sich die Grindcore-Pioniere eine ganze Weile gen Deathgrind orientiert, womit sie nach, nun ja, Death Metal eben klangen, was ich persönlich trotz des einen oder anderen „Hits“ als nicht sonderlich aufregend empfand. Das DEAD-KENNEDYS-Cover „Nazi Punx Fuck Off“ im ND-Stil ist natürlich klasse, eine richtige Liebe zur Band entwickelte sich meinerseits aber nie – eher Respekt davor, wie sie unermüdlich ihr Ding durchzieht, ohne auszuwimpen, vor Frontmann und Texter Barneys klugen Interviews in der Musikpresse und davor, bis heute Haltung zu zeigen, ohne sich für die Musikindustrie zu verbiegen. Den Sound im Gruenspan empfand ich als überraschend wenig metallisch, als wolle man eben gerade nicht mehr zu sehr nach Deathgrind klingen. Der nicht zu altern scheinende Barney zuckte permanent hyperaktiv zappelnd über die Bühne und keifte ins Mikro, ein durchaus beeindruckender Anblick. Vor der Bühne ging’s rund, hinterm Pit konnte man sich im Gedrängel hingegen kaum noch bewegen. Der schlauchartige Saal erschwert zudem den Blick auf die Bühne. Was da von derselben bzw. aus der P.A. drückte, war für meine Ohren mal zwingender, mal beliebiger, wobei zugegebenermaßen irgendwann auch meine Aufmerksamkeit nachließ. Ich war ständig entweder in Schnacks verwickelt oder mit Bierholen und Klogängen beschäftigt, wozu NAPALM DEATH den Soundtrack lärmten. Zwischenzeitlich richtete ich’s mir rechts vor der Bühne ein, wo ich zumindest bessere Sicht hatte. Ich erinnere mich ans BAD-BRAINS-Cover „Don’t Need It”, daran, dass bischn Zeug vom Debüt gespielt wurde (u.a. das Prog-Grind-Epos „You Suffer“), hatte aber mittlerweile offenbar auch etwas an den Ohren, denn ausgerechnet „Nazi Punx Fuck Off“, schlicht als „second cover song“ angekündigt, erkannte ich gar nicht. WTF?! Wurde anscheinend Zeit für mich, dass das Konzert endete, was dann auch nicht mehr lange dauerte. Der Abend fand im Semtex seinen Ausklang, wo ich mich u.a. darüber freute, dass es nicht so drängelig voll war.

Fazit: Ist auch durch dieses Konzert nicht so ganz meine Mucke geworden, ein interessanter Abriss war’s aber allemal – und meine Prognose, dort viele großartige Menschen zu treffen, die ich zum Teil länger nicht mehr gesehen hatte, hatte sich bewahrheitet. Allein schon dafür hatte es sich gelohnt, nicht zuletzt deshalb noch mal Küsschen an Kai für die Karte!

03.02.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: 4 PROMILLE + TATSAXE

„Hier kommt die alte Schule!“

4 PROMILLE mal wieder in Hamburg, zudem in einem der schönsten Clubs der Stadt – und ich hatte auch noch Zeit! „Support to be announced“ hieß es im Netz, eigenartigerweise auch noch zwei Tage vorher… Just fragte man uns, ob wir den Slot nicht mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS ausfüllen könnten. Das wäre musikalisch zwar ‘ne eher ungewöhnliche Zusammenstellung geworden, aber, hey: Warum nicht? Kurz nachdem sich einen Tag später der Letzte von uns für den Gig freigeschaufelt hatte, war allerdings schon eine andere Combo gefunden worden: TATSAXE, eine noch junge Hamburger Band um einen Kerl namens Mark, der mir in präpandemischen Zeiten dadurch aufgefallen war, dass er mit seiner Akustikklampfe gerne mal vor Veranstaltungen im Gängeviertel herumsaß. Von der Band hatte ich vorher noch nie etwas gehört, offenbar war eine Zeitlang sogar ex-TOBSUCHT-Micha dabei. Ich war gespannt.

Gegen 21:00 Uhr traf ich ein und ließ mir erst mal ein köstliches Monkeys Red zapfen, ungefähr ‘ne Viertelstunde später legten TATSAXE in Quartettgröße los: Mark spielt Gitarre und singt, Bass und Schlagzeug gibbet natürlich auch, und, sieh mal einer an: An der zweiten Klampfe der ehemalige Sänger der klasse Wedeler AC/DC-Coverband OVERDOSE! Ihren Stil bezeichnen TATSAXE als Oi!-Punk, für meine Ohren ist der Sound aber anders, irgendwie… spezieller. Mark hat ‘ne gute, raue Stimme und geht mit ihr ab und zu auch mal in die Höhen, was dann schön punkig-dreckig klingt. Man spielte Lieder über den „Irokesen-Weihnachtsmann“, die Bulettenbräter Hesburger, die Sonne Orions, den Elbstrand und sich selbst; noch mitunter etwas holprige Ansagen Marks führten durchs Set (so was wie „Nichts gegen McDonald’s oder Burger King“ sollte man vielleicht noch mal überdenken…). Die auf Spaß gebürsteten Songs wirkten inhaltlich eher infantil und erinnerten mich an grausige Nix-Gut-Records-Zeiten; aber wenn mich nicht alles täuscht, fand sich auch der ein oder andere ernstere, persönlichere Song, der ihnen meines Erachtens besser zu Gesicht stand. Vor allem musikalisch aber war’s ‘ne abgefahrene Mischung, denn während die Rhythmussektion inkl. Marks Rhythmusgeklampfe irgendwo zwischen rudimentär und rustikal und dabei nicht immer ganz harmonisch zu Werke ging, war insbesondere der ehemalige OVERDOSE-Sänger mitunter schwer hardrockig (und sehr filigran) am Solieren, und wenn der Frontmann zu Leadgitarrenklängen ansetzte, klang das für meine stumpfen Ohren ebenfalls erstaunlich versiert. (Zwischenzeitlich legte er die Klampfe aber auch mal beiseite.) Mit diesen Sound-Elementen hat man zumindest etwas Eigenes, worauf sich aufbauen ließe. Nach diesem ersten Live-Eindruck würde ich sagen, da trafen ‘90er-D-(Fun-)Punk mit Trash- und Asi-Kante auf etwas Oi!-Prolligkeit mit Hang zum Mitgrölrefrain sowie ‘ne ordentliche Hardrock-Schlagseite, wie man sie vielleicht aus dem Streetrock-Bereich kennt. Ab dem dritten Song jedenfalls wurde von einer kleinen Gruppe gepogt, wenn auch mit zwischenzeitlichen Pausen, während der Rest inklusive des Verfassers dieser Zeilen im ordentlich gefüllten Saal irgendwie fasziniert zuschaute und versuchte, sich einen Reim auf die Band zu machen – und Szenenapplaus lieferte. Ich werde die mal im Auge behalten. 😀

Dass ich die Düsseldorfer zuletzt live gesehen hatte, war doch tatsächlich schon wieder neun (!) Jahre her, seinerzeit auf dem Hafengeburtstag… Da war Bandgründer Grüner schon raus, mittlerweile haben sie auch einen anderen Drummer und Sängerin Melly hat leider auch die Segel gestrichen. Letzteres ist besonders schade, brachte sie doch mit den von ihr gesungenen Songs stets eine ganz andere Klangfarbe mit ein und hatte sie nicht zuletzt auch immer eine tolle Bühnenpräsenz. 4 PROMILLE traten ebenfalls mit zwei Gitarren an und spielten ein Headliner-Set in entsprechender Länge, wobei ungefähr die erste Hälfte lang jüngere, oft ruhigere Songs dominierten, mit denen ich nicht so vertraut bin, man anschließend aber einen Klassiker nach dem anderen raushaute. Sänger/Gitarrist Tommes (der mittlerweile immer mehr Ähnlichkeit mit Mike Ness aufweist) führte entspannt und souverän durch den Abend, die Band hatte sichtlich Bock und war äußerst spielfreudig. Vor der Bühne war von Beginn an was los und je älter die Stücke, desto ausgelassener und größer wurde der Pogomob. Zu Trinkliedern, selbstironischen Hymnen und Gassenhauern mit mal mehr, mal weniger Szenebezug gesellte sich nachdenkliches bis melancholisches Material – insgesamt eine gut zusammengestellte Mischung bei sehr gutem Sound, zu dem das Bierchen gut die Kehle herunterlief, bis auch ich mich dann und wann auf die Tanzfläche begab. Die ältesten Stücke waren „Lokalverbot“ und „Die Jungs von nebenan“, die in all den Jahren nurmehr an Charme gewonnen haben, am allermeisten los dürfte bei „Für ‘ne Handvoll Schnaps“ und – natürlich – „Ich werd‘ mich ändern“ gewesen sein, die nun wirklich alle mitsangen. Eine Pause vor den Zugaben sparte man sich („Wozu Zeit verschwenden?“), wies stattdessen lediglich darauf hin, dass diese nun folgen. Eine äußerst gelungene Working-Class-Punk’n’Beer’n’Roll-Party, in deren Zuge mir noch mal bewusst wurde, wie viele Hits 4 PROMILLE im Köcher haben, die tatsächlich für ein abendfüllendes Set auch ohne die vornehmlich englischsprachigen von Melly gesungenen Stücke reichen. Für den alten 4-PROMILLE-Spirit fehlen ihre Stimme und ihr Auftreten in jedem Falle, doch in dieser Form darf die Band von mir aus gern noch lange weitermachen. Und ich nehme mir an dieser Stelle mal vor, mich a) etwas intensiver mit den letzten Platten zu beschäftigen und b) nicht wieder so viele Jahre bis zum nächsten Wiedersehen verstreichen zu lassen…

P.S.: Danke ans Monkeys für den Gästelistenplatz!

27.01.2023, Apollo, Elmshorn: S.D.I. + SCYTHE BEAST + DEHUMANISER

Die Heavy/Speed/Thrash-Metaller S.D.I. aus Osnabrück sind seit einiger Zeit wieder aktiv, nach wie vor in Triogröße, wobei die Klampfe seit der Reunion der junge Chris Friedl übernimmt. Das Comeback-Album „80s Metal Band“ hat mich zwar nicht vom Hocker gehauen, aber die Band hat ihre Hits und das irgendwie herrlich gegen den Strich gebürstete Debüt „Satans Defloration Incorporated“ aus dem Jahre 1986 genießt in Underground-Kreisen so etwas wie einen kleinen Kultstatus. Darauf, S.D.I. auch mal live zu sehen, hatte ich entsprechend Bock, zumal die Anreise nach Elmshorn von Hamburg aus kein Problem darstellt und das Apollo sich als feine Location entpuppte: ein umgebautes ehemaliges Kino in unmittelbarer Bahnhofsnähe. An der Abendkasse (15,- EUR) bekam man sogar noch ein echtes Papierticket ausgehändigt, das eingerissen wurde – oldschool!

Ziemlich pünktlich um 20:00 Uhr eröffneten DEHUMANISER den Abend, ein junges Hamburger Quartett, das bisher ein Album in Eigenregie veröffentlicht hat. Der große Saal ist mit einer guten Anlage ausgestattet, die ordentlich Wumms hat. Zwar hätte locker die vierfache Anzahl an Besucherinnen und Besuchern reingepasst, was der guten Stimmung indes keinen Abbruch hat. DEHUMANISER zockten einen Sound, den ich irgendwo zwischen NWOBHM und Thrash verorten würde. Den Gesang teilten sich der Rhythmusgitarrist und der Bassist, die ersten Nummern liefen gut rein. Im weiteren Verlauf klang man zunehmend schaumgebremst, haute als vorletzten Song aber einen waschechten Thrasher mit Schmackes raus, gefolgt von einem schön dreckigen, an MOTÖRHEAD erinnernden Stück, womit man das Publikum wieder erreichte und sich seinen verdienten Applaus abholte.

Die ursprünglich anscheinend als reines Studioprojekt gestarteten Niedersachen SCYTHE BEAST haben bereits zwei Alben draußen und spielten in Quintettgröße mit zwei Klampfen und neuem, auch bei CIRCUIT BREACH und FRANTIC DISRUPTION aktiven Sänger/Growler Gregor. Den Sound würde ich als Melodic Death älterer Schule bezeichnen (also eher mal ‘ne Thrash-Schlagseite denn IN-FLAMES-artiger Mallcore), und der konnte sich hören lassen. Stimmige Songs unter anderem über Panzer und Aluhut-Schwurbler und ein gut aufgelegter, gern mit dem Publikum kommunizierender Sänger sorgten (nach einigen Animationsversuchen) für Bewegung vor der Bühne und ließen die Bierchen munden. Hat mir gefallen und würde ich mir auch wieder angucken (sofern man sie im Billing nicht mit x gleichförmigen, monotonen Death-Metal-Bands kombiniert).

Nach einer erneut recht kurzen Umbaupause eröffneten S.D.I. ihr Set mit „80s Metal Band“, um im weiteren Verlauf insgesamt 20 Songs zu spielen, bei denen, wenn mich nicht alles täuscht, der Fokus auf den ersten beiden Alben lag. Insbesondere die flotteren Stücke stießen auf viel Gegenliebe, wobei ich mich aber auch sehr über das getragene „You’re Wrong“ gefreut habe. „Panic in Wehrmacht“ habe ihnen seinerzeit einigen Ärger eingehandelt, ließ Frontmann Reinhard Kruse wissen, der kurioserweise jede seiner Ansagen mit „So, meine lieben Freunde…“ begann.  Das Akustik-Intro „Coming Again“ zu ihrem vielleicht größten Hit, dem antifaschistischen Ohrwurm „Sign of the Wicked“, intonierte Kruse stilecht auf einer Akustikklampfe. Zwischen den Songs wurde immer mal wieder der alte Schlachtruf reanimiert, sprich: Kruse brüllte „S.D.I.!“ von der Bühne, was zig Kehlen mit „Megamosh!“ beantworteten – bis dieser Song dann tatsächlich irgendwann auch gespielt wurde. Während des ersten Set-Drittels flog spaßigerweise ein Papierfliege durchs Publikum, auch mal auf die Bühne, und immer wieder zurück, bis er irgendwann vermutlich zu zertrampelt war. Die Stimmung war ausgelassen, die Band fit, der Sound gut – das war ‘ne sehr runde Sache, bei der ich ‘ne Menge Spaß hatte: Ein unprätentiöses Metal-Konzert vor Kennerpublikum, das ‘ne ordentliche Schneise in die Bar gesoffen hat. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich nie gedacht, S.D.I. überhaupt mal live zu Gesicht zu bekommen, was dieses Konzert besonders reizvoll für mich gemacht hatte. Schade nur, dass mit „The Deal“ eines meiner Lieblingsstücke nicht gespielt wurde. Aber man kann halt nicht alles haben.

13.01.2023, Hafenklang, Hamburg: TOTAL CHAOS + SMALL TOWN RIOT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Ausgerechnet an einem Freitag, dem 13. sollte endlich unsere heimische Live-Premiere in der aktuellen Besetzung mit Holler am Bass und Eisenkarl an der Schießbude stattfinden – nach dem Festival in Schweden im letzten Sommer und dem Gig im Goldenen Salon, bei dem Holler leider kankheitsbedingt ausgefallen war und wir ohne Bass antraten. Unser Pech beschränkte sich jedoch auf eine abenteuerliche Anfahrt Hollers, der es aufgrund eines Polizeieinsatzes in seiner U-Bahn und einer anschließend gemeldeten technischen Störung des Zugs spannend machte, wann er überhaupt eintreffen würde. Klappte letztlich aber alles, wenngleich die Bahn in anderen Regionen offenbar erfolgreich verhinderte, dass Gäste, die bereits auf dem Weg waren, es überhaupt noch zu uns schafften. Mal wieder ein dickes FICK DICH an die Deutsche Kackbahn! Vor unserem Soundcheck hieß es „Mangiare!“ und ich fühlte mich mal wieder darin bestätigt, diesen ganzen Bandbums in erster Linie aus kulinarischen Gründen zu machen: Thommy von LOSER YOUTH und vom Brot-Fanzine servierte leckerstes Soja-Gulasch mit Trikolore-Spirelli, dazu Stir-Fried-Bohnen, frischen Salat, (natürlich) Brot, Dips… In diesem Schlaraffenland fraß ich mir ‘ne kugelrunde Plauze und solide Grundlage für den kommenden Umtrunk an. Feinschmecker-Dank!

Beim Soundcheck bemühten wir uns um einen guten Bühnensound, besonders der Monitore, und begrüßten anschließend neben unserem weltbesten Mercher Carlo die aufgrund des seit Tagen, wenn nicht gar Wochen andauernden Hamburger Schmuddelpisswetters i.d.R. klitschnass nach und nach eintreffenden bekannten Gesichter, die zum Teil extra aus dem Pott angereist waren.

Pünktlich um 21:00 Uhr begaben wir uns auf die Bretter und kloppten knapp 40 Minuten lang unser deutsch- und englischsprachiges Set durch, das mit dem während der Pandemie entstandenen HENRY-VALENTINO-Cover „Sunnyboy“ und dem brandneuen „Blutgrätsche“ zwei Live-Premieren enthielt. Kai hatte ‘nen neuen Amp, aber seine gute alte Flying-V dabei und untenrum gab’s glaub‘ ich auch neues Gedöns in Form von Tretminen. Soll er machen; Hauptsache, er klingt wie immer! 😛 Der Zuspruch des Mobs war von vornherein sehr erfreulich und steigerte sich von Song zu Song, vor der Bühne wurde ausgelassen getanzt und gesoffen. Ein paar Spielfehler verzieh man uns, forderte am Schluss sogar noch ‘ne Zugabe, die wir in Form des PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Krachers (also Hollers alter Band) „ACAB“ auch lieferten. Hat arschviel Spaß gemacht, wenngleich der Monitorsound gegenüber dem Soundcheck wegen Rückkopplungen relativ stark heruntergeregelt werden musste und wir deutlich merkten, dass wir noch keine Live-Routine haben – was sich dieses Jahr hoffentlich ändern wird. Nun aber hieß es erst mal, sich die anderen Bands reinzupfeifen und sich volllaufen zu lassen.

Ich hatte mir schon länger gewünscht, auch mal mit MOTHERFUCKERS im Hafenklang zocken zu können, nachdem ich mit meiner anderen Combo bereits mehrmals das Vergnügen hatte. Umso geiler, dass das mit einem der mittlerweile seltenen Auftritte meiner alten Kumpels von SMALL TOWN RIOT zusammenfiel. Diese dürften weitestgehend dasselbe Set wie im April im Bambi gespielt haben, es reihte sich jedenfalls Hit an Hit. Hymnischer bis härterer, rotziger Streetpunk’n’Roll, gern mal mit Fuß aufm Gas und unwiderstehlichen Melodien, für den ein beträchtlicher Teil des Publikums an diesem Abend erschienen war – und es vom ersten Akkord an kräftig krachen ließ: Pogo, permanent verspritztes Bier und sogar Crowdsurfing. Ich sah mir das Spektakel diesmal aus sicherer Entfernung an und grinste über beide Backen. Als mich plötzlich auch noch ein alter Jugendfreund entdeckte, den ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr gesehen hatte, war der Klassentreffencharakter (den die Band auch von der Bühne aus ansprach) perfekt. Ohne Zugabe ging’s auch hier nicht, das flotte „It’s True“ brachte Band und Publikum noch mal ins Schwitzen. Eigenen Aussagen zufolge hatte man vorher lediglich einmal geprobt, was SMALL TOWN RIOT nicht anzumerken war: Beinahe alles schien locker aus dem Handgelenk geschüttelt, als mache man jedes Wochenende nichts anderes. Chapeau!

TOTAL CHAOS aus L.A. (und Bremen) schauen regelmäßig auf Tour vorbei, sind sehr umgängliche Typen und Garanten für launige Gigs mit der ihnen eigenen Mischung aus aggressiven Hardcore-/Chaos-Punk-Eruptionen und dreckigen Streetpunk-Nummern. Bereits seit 1992 veröffentlicht die Band um Sänger Rob Chaos Alben, das jüngste datiert auf 2015. Eine echte Institution im Punkbereich also, die konsequent ihren Stiefel durchzieht, stets überaus faire Eintrittspreise aufruft und mit ihrer Attitüde beweist, dass man auch nach derart langer Zeit als gefragte Band im Punkrock-Game die Nase nicht höher als andere tragen muss. An unseren Support-Gig im Monkeys anno dazumal habe ich nur gute Erinnerungen, live gesehen hatte ich sie zuletzt 2019 im Semtex. Wurde also mal wieder Zeit! Direkt zu Beginn wurden einige HC-Punk-Geschosse gezündet (z.B. „Babylon“) und es schepperte ordentlich. „Punk No Die“ durfte natürlich nicht fehlen, aber dann, irgendwo zwischen erstem Drittel und der Hälfte des Sets, quatschte ich mich backstage fest und war überrascht, als die Band plötzlich wieder reinkam und der Gig schon vorbei war. Was ich bis dahin gesehen und gehört hatte, war jedenfalls der von TOTAL CHAOS gewohnt unprätentiöse, herrlich raue, aber nie zu spröde Punk, wie man ihn aus dem Land von Epitaph und Fat Wreck viel zu selten zu hören bekommt. Freue mich auf den nächsten Hamburg-Gig!

Eigentlich war ich langsam, aber sicher auch schon reif für die Koje, ließ mich aber noch auf eine Geburtstagsparty in die Lobusch mitschnacken – soweit ich meinen Erinnerungen trauen kann glücklicherweise ohne es noch vollends zu übertreiben. Motherfucker-Dank der Hafenklang-Crew, allen Bands und dem überaus begeisterungsfähigen Publikum für diesen Abend ganz nach meinem Geschmack!

P.S.: Zeitgleich hatte ein Konzert mit FLIEHENDE STÜRME und RESTMENSCH auf der MS Stubnitz stattgefunden, das offenbar auch gut angenommen worden war. Es freut mich, dass es in dieser Clubgröße in Hamburg offenbar wieder möglich ist, zwei Punk-Konzerte parallel stattfinden zu lassen, ohne dass eine(r) der Veranstalter(innen) in die Röhre guckt. Am nächsten Tag luden sogar BLUT & EISEN und die EMILS ins Indra, wo ich unter normalen Umständen hingegangen wäre. Diesmal lag ich in sauer, aber der nächste BLUT-&-EISEN-Gig in HH ist meiner!

P.P.S.: Danke an Dr. Martin und Hannes für die Schnappschüsse unseres Gigs!

26.11.2022, Fabrik, Hamburg: Damage Done Fest mit OXO 86 + NORMAHL + EMILS + THE OFFENDERS + HERZBLUT

An diesem Samstag sollte ich mein letztes Konzertticket aus der pandemiebedingten Shutdown-Zeit einlösen. Dieses kleine Indoor-Festival hatte eigentlich schon 2020 stattfinden sollen, wurde dann erfolglos auf 2021 verschoben und – leck mich fett! – fand nun ganz wirklich und ohne jede Covid-19-Auflage statt. Auf meinem VVK-Ticket von damals standen mit TROOPERS statt OXO 86 und EMSCHERKURVE 77 statt THE OFFENDERS noch ganz andere Bands, und gerade jene beiden mal wieder live zu sehen, wäre schön gewesen. Andererseits hielt es manch Beobachter seit jeher für eher unwahrscheinlich, dass die TROOPERS sich tatsächlich würden aufraffen können, und insgeheim war’s mir ehrlich gesagt so’n bischn egal, denn Hauptgrund meines Erscheinens waren – ohne Flachs – NORMAHL. Die Schwaben waren eine der ersten Punkbands, die ich als Kiddie gehört hatte, nicht wenige Songs der bereits Ende der 1970er gegründeten Band sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Mir ist klar, dass die auch einigen Stuss rausgehauen haben, vom unsäglichen Funpunk-Album bis hin zu Schlagerpunk… Neben den alten HC-Punk-Krachern konnte ich aber durchaus auch etwas mit der rockigeren, ein breitergefächertes Publikum ansprechenden Ausrichtung von Platten wie „Blumen im Müll“ oder „Auszeit“ (mit Abstrichen) anfangen. Wer sonst hat jemals so geil Reinhard Meys „Diplomatenjagd“ gecovert?! Am geilsten aber sind die Alben mit Best-of-Charakter: der ‘85er-Totalabriss „Live in Switzerland“ (quasi das Beste der Frühphase), der anarchosozialistische Politpunk pur und live auf der „Lebendig II – Ernst ist das Leben…“, auf der man einen nach dem anderen raushaut und auch ohne Aggrogesang oder sonderliche musikalische Brutalität unheimlich viel Druck und Energie erzeugt, sowie die „Das ist Punk“ betitelte Zusammenstellung der Klassiker in Neuaufnahmen, wodurch das Songmaterial wie aus einem Guss und glücklicherweise kein Stück überproduziert klingt. Letztere zog ich mir vorm Konzert noch mal rein, wodurch meine Vorfreude stieg. (Noch ein Geheimtipp für Freunde von No-Budget-Filmen:  der Spielfilm „Jong’r“ mit NORMAHL-Mitgliedern!) NORMAHL haben sich zwar beileibe auch in diesen Breitengraden nicht rar gemacht, aber irgendwie hatte es nie sollen sein. Entweder gab’s Terminüberschneidungen oder, so meine ich mich zu erinnern, hatte ich damals schlicht keine Kohle übrig, denn in den ganz kleinen Underground-Clubs, die ich irgendwann bevorzugt aufsuchte, spielten sie eher nicht. Bei den Alben ab den 2000ern bin ich dann doch musikalisch auch weitestgehend raus, weshalb mich die Tourneen dazu seinerzeit nicht so reizten. Es musste also erst der November 2022 kommen, damit ich diese Band erstmals livesehen würde.

Bereits um 18:00 Uhr sollte das Festival in der Altonaer Fabrik beginnen, einem der u.a. aufgrund seiner festen Verwurzelung im Stadtteil und seiner aus den architektonischen Besonderheiten resultierenden speziellen Atmosphäre sympathischeren Kommerzläden Hamburgs. Quasi auf dem Weg dorthin schlenderten meine Liebste und ich noch über den Weihnachtsmarkt in Altona und glühten mit Glühwein vor. Dieser zählt zwar nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgetränken, aber nachdem 2020 öffentlicher Glühweingenuss fast schon etwas Subversives an sich hatte und 2021 jede Glühbude eingezäunt und nur nach Angabe der eigenen Personalien, Impfnachweis etc. zu betreten gestattet war, war es tatsächlich irgendwie anheimelnd und gemütlich, sich die Plörre wie unter präpandemischen Bedingungen hinter die Binde zu gießen. Man wird ja so demütig… nicht zuletzt allerdings angesichts der Preise für den Mampf, der da so angeboten wird. Eigentlich ja nett, vielleicht mal anderes Straßenessen als das ganze übrige Jahr zu bekommen, nur gibt’s da leider für unter 8,- EUR kaum noch etwas. Da kannste ja kaum noch gegenanverdienen… also doch wieder zur Dönerbude, Börek, 3 Euro, bitte, danke.

Der Einlass in die Fabrik verzögerte sich etwas, vor den Türen tummelten sich neben einigen bekannten Gesichtern auch etliche nie gesehene. Offenbar zog das Festival auch zahlreiche Gelegenheitskonzertgänger(innen) und Punks von außerhalb an. Einem schon vor Konzertbeginn rotzevollen Iroträger im „Unantastbar“-Shirt wurde der Einlass verwehrt, vermutlich weil er der Security zu breit war. Der Eckkiosk bot für die Zeit vor der ersten Band und zwischen den weiteren eine günstige Alternative zu den überhöhten Bierpreisen im Fabrikinneren, wo man für 0,4-L-Becher Carlsberg schlappe 4,70 EUR aufrief. Jesses… Dafür konnte man an der Garderobe seine Plünnen abgeben und sich die ganze Sause auch auf dem Geländer lehnend von der Empore aus betrachten, was mal was anderes, bei einem Opener wie HERZBLUT aber trotzdem kein reines Vergnügen ist. Die Berliner, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte, spielen angepunkten Midtempo-Deutschrock, den sie vollmundig Punkrock nennen, doch dafür fehlen – u.a. – Rotz und Dreck. Fast jeder Song wurde mit einem unpassenden Moshpart angereichert, bei dem der Drummer auf sein Chinabecken eindrosch. Gegen Ende wurde bei „Du bist Bulle“ (oder so) mal bischn Gas gegeben, ansonsten war gefühlt jeder zweite Song gegen Nazis oder mit Pathos der eher unangenehmen Sorte versehen.  Zur totalen Harmlosigkeit dieser Band passte die Konfettikanone, die gezündet wurde. HERZBLUT wirkten auf mich wie ein Retortenprodukt, aufgesetzt und unauthentisch. Nun wird es sich bestimmt dennoch um eine echte Band handeln, mir erscheint das aber alles zu kalkuliert und auf möglichst niemandem wehtuende Massentauglichkeit getrimmt.

Meine Laune stieg erst wieder bei den Berlinerischen Italienern THE OFFENDERS, die ich ebenfalls bisher jedes Mal verpasst hatte. Offenbar angefangen als Ska-Punk-Band, zockte man in der Fabrik in Quartettgröße englischsprachigen melodischen Streetpunk mit feinen Melodien und immer wieder einer Mandoline anstelle einer Leadgitarre, was der Musik einen unaufdringlichen Folkpunk-Touch verlieh. THE OFFENDERS coverten „I Fought The Law“ und ich war zufrieden. Sollte mich mal mit deren Œuvre in Ruhe auseinandersetzen.

Etwas überrascht war ich, dass sie noch vor den Lokalheroen EMILS aufgetreten waren, die nun ein gut eingestimmtes Publikum vorfanden. Die mittlerweile nicht mehr ganz taufrischen EMILS sind in Sachen deutschsprachigem Hardcore-Punk der End-‘80er-Schule nach wie vor un-fucking-schlagbar, wie sie heute erneut wie auf jedem ihrer Gigs, denen ich seit der Reunion beiwohnte, unter Beweis stellten. Die Band ist perfekt eingespielt, topfit, hungrig und mit spürbarem Bock bei der Sache, Shouter Ille ein Meister der Mimik und Gesten und Aktivposten, der hier trotz Absperrgitter vor der Bühne ständig den Kontakt zu den Fans suchte und zusammen mit den ersten Reihen sang. Wenn ich mich recht entsinne, sprang er auch übers Gitter und unternahm einen Ausflug ins Publikum. Ich liebe diese Band und grölte fast alles begeistert mit. Das Absperrgitter hatte den Vorteil, dass ich mich bequem anlehnen und der Band zuglotzen konnte, während sich hinter mir zunehmend ausgetobt wurde. Aufgrund einer immer noch nicht ganz auskurierten Handverletzung (auf die ich vielleicht doch mal jemanden vom Fach draufschauen lassen sollte…?) hielt ich mich diesbezüglich diesmal zurück, was angesichts von Knallern wie „Viel zu langsam“, „Wer frisst wen?“, „Wir müssen draußen bleiben“, „Kampfsignal“, „Kirche nein“, dem markerschütternden „Krieg und Frieden“ und wie sie alle heißen, nicht leichtfiel. Fest zum Set gehören auch das BUTTOCKS-Cover „Nein nein nein“ und mittlerweile offenbar auch das Medley aus SLIME-Klassikern, das endgültig alle zum Ausrasten brachte. Zwischendurch aber – hört, hört! – gab’s mit „Hopp, hopp“ (keine Ahnung, ob der wirklich so heißt) noch ‘ne brandneue Nummer, die genauso geil wie der Rest klang und Hoffnung auf neues Studiomaterial dieser so bescheidenen Band macht, die nie einen Merchstand aufbaut und kein einziges T-Shirt im Angebot hat, von anderem Klimbim ganz zu schweigen. Den Gitarristen sprach ich darauf nach dem Gig an, denn gerade die „Wer frisst wen?“ und „Es geht uns gut“-Covermotive schreien eigentlich danach, auf T-Shirts gedruckt zu werden, aber den EMILS scheint tatsächlich jeglicher kommerzielle Antrieb zu fehlen. Statt Faulheit vermutlich eine heutzutage selten gewordene Form punkiger Integrität – Chapeau!

Mittlerweile war ich längst dazu übergegangen, meinen Fuffi hauptsächlich am Carlsberg-Stand zu versaufen, war gut angetrunken und euphorisiert – was sich mit dem NORMAHL-Gig potenzierte. Ich hatte so sehr gehofft, dass sich die Band in guter Form präsentieren würde, offenbar völlig unbegründet: Ohne jede Preziose betrat Lars im RAMONES-Shirt die Bühne, an der Klampfe Mick Scheuerle, der seit Anfang der 1990er dabei ist. War das am Viersaiter echt Fast-Urmitglied Manny Rutzen? Sah bischn jung dafür aus…? Hinter der Schießbude jedenfalls der erst 2019 hinzugestoßene Scobo. Es ging unmittelbar mit einem meiner Lieblingssongs, dem dystopischen „Am Tage X“, los, gefolgt von „Komm, erzähl mir über Punk“ und „Weiße Mäuse“. Zwischendurch wunderte sich Lars augenzwinkernd darüber, in Hamburg backstage ausgerechnet Bremer Bier gereicht zu bekommen, woraufhin jemand auf die Bühne lief und ihm offenbar ein süddeutsches Helles überreichte. Ich war sofort wieder im Skandier- und Mitsingmodus und fand mich kurze Zeit später dann doch mitten im Tanzmob vor der Bühne wieder. „Keine Überdosis Deutschland“ erklang, während ich an meiner Bierüberdosis arbeitete. „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader wurde gecovert, ich konnte etwas durchatmen. „Schlägerpolizist“, „Aufrecht“, „Deutsche Waffen“, „Trümmertango“ und „Geh wie ein Tiger“ – wat war das geil, ich war wieder 17. Den „Biervampir“ musste man über sich ergehen lassen, auch wegen seines seltsam gedrosselt wirkenden Tempos eher ein Fremdkörper im hitgespickten Set. Dann schon lieber „Wein, Weiber und Gesang“, „Fahneneid“ und natürlich „Fraggles“, gerne auch die („Sag doch bitte, bitte, bitte, bitte…“) „Drecksau“. DAILY TERROR zollte man mit einem gelungenen „Kleine Biere“-Cover auf sehr sympathische Weise Tribut. Meine Biere waren eher so mittel, in labbrigen Einwegpappbechern umso schneller leer, wenn sie im Pogomob zerquetscht wurden, nicht minder schnell leer, wenn ich sie mir wegen der großen Öffnung und eben jener Quetschgefahr umso rascher hinter die Schrankwand nagelte. Wie immer bedankten sich NORMAHL überaus freundlich mit „Danke“ („…für euer gutes Geld für dieses Scheißkonzert“) beim Publikum. Ob’s dann noch ‘ne Zugabe gab oder das schon das Ende eines etwaigen Zugabenblocks war, weiß ich nun nicht mehr. Was ich weiß: Das war ein arschgeiler Gig, den ich in dieser Qualität nicht erwartet hatte, der fast durchgängig Riesenspaß gemacht hat und dank dem ich nun endlich, während vermutlich fast alle anderen denken: „Wat willer, ‘n NORMAHL-Gig halt, spielen doch ständig irgendwo immer die gleichen ollen Kamellen“, einen fetten Haken auch an diese Band meiner Jugend machen kann.

Der Rest des Festivals war nun eigentlich vollkommen wumpe – wenngleich ich wusste, dass die Kirsche auf der Sahnehaube folgen sollte: Jede Menge Bernauer Bierchansons vom neuen Headliner OXO 86, der so leichtes Spiel wie selten gehabt haben dürfte, traf er doch auf eine fertig betrunkene und feierwütige Meute, die er nur noch mitzunehmen brauchten. Sänger, Rampensau und Entertainer Willi stieg sofort aufs Absperrgitter und hängte sich ins Publikum, um seiner heiseren Ostberliner Schnauze Unterstützung angedeihen zu lassen und sämtliche Grenzen zum Pöbel einzureißen. Oi!-, Street- und Ska-Punk, Punk-, Skinhead- und partykompatibel, mal mit, mal ohne Trompete, aber immer mit jeder Menge Spaß inne Backen, Selbstironie und Witz in den proletarischen Texten. Ich zollte meiner mittlerweile ausgeprägten Breitseite Tribut und begab mich nach kurzer Zeit des Herumgeschubstwerdens an den Rand des Geschehens, schüttete rein, was noch ging, haute die letzten Penunsen auf den Kopp und erfreute mich sowohl an der Band als auch an daran, wie sich andere an ihr in einer angenehm vollen, aber nicht überfüllten Fabrik erfreuten. Zwischendrin unternahm Willi Crowdsurfing auf einem echten Surfbrett, an mehr kann ich mich dann aber auch echt nicht mehr erinnern – außer dass OXO 86 sich den Headliner-Status für solche und andere Veranstaltungen in all den Jahren redlich erkämpft und verdient haben. Teile meiner Fotos illustrieren sehr gut meinen Zustand und meine Sicht zum Zeitpunkt ihres Entstehens.

Pleite, völlig durch, aber glücklich trat ich den Rückweg von diesem – vom Opener abgesehen – hochkarätigen „Deutsch- meets Streetpunk“-Festival an, das mir u.a. einmal mehr vor Augen führte, wie recht …BUT ALIVE seinerzeit hatten: Irgendwas bleibt immer 17…

Copyright © 2026 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén↑ ↑